Das Lawinenbulletin entsteht nicht auf Knopfdruck, sondern in Teamarbeit. Jeweils drei der insgesamt neun Prognostikerinnen und Prognostiker haben im Turnus Bulletindienst. Für ein zuverlässiges Lawinenbulletin analysieren und interpretieren sie zahlreiche Daten und Informationen. Expertenwissen und Erfahrung sind bei dieser Arbeit gefordert.
Das Wichtigste in Kürze:
- Lawinenbulletin: Mit dem Bulletin gibt das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF eine Prognose der Lawinengefahr für die Schweizer Alpen, den Jura und Liechtenstein heraus. Es erscheint im Winter ein bis zweimal täglich (8 und 17 Uhr) und bei Bedarf auch im Sommer. Eine zoombare Gefahrenkarte dient der Übersicht. Mit einem Klick werden alle Informationen der gewählten Warnregion angezeigt: Gefahrenstufe, Zwischenstufe, Kernzone, Lawinenprobleme, Gefahren- und Schneedeckenbeschreibung sowie Wetterdaten.
- Datenanalyse: Die Diensthabenden werten Messdaten, Beobachtungen und Einschätzungen aus, um die aktuelle Schnee- und Lawinensituation zu beurteilen. Für die Prognose verwenden sie ausserdem Wetter- und Schneemodelle. Unterstützung bieten verschiedene, am SLF entwickelte ML-Modelle.
- Team: Es gibt am SLF insgesamt 9 Lawinenwarnerinnen und Lawinenwarner. Jeweils 3 erstellen im Turnus das Lawinenbulletin. Sie sind als «Einsteiger/Einsteigerin», «Hauptverantwortliche/Hauptverantwortlicher» und «Reserveperson» eingeteilt. Im nächsten Turnus wird der «Einsteiger» zum «Hauptverantwortlichen», der «Hauptverantwortliche» zur «Reserveperson» und die «Reserveperson» steigt aus dem Bulletindienst aus. Durch dieses Rotationsverfahren wird sichergestellt, dass das Wissen über die vorhergehende Entwicklung der Schnee- und Lawinensituation überlappend weitergegeben wird und nicht verloren geht. Die Reserve unterstützt bei intensiven Situationen und gewährleistet den Betrieb bei Personalausfällen.
- Briefing: Im täglichen Briefing um 15 Uhr präsentiert der Hauptverantwortliche seine Analyse. Anschliessend werden die Einschätzungen der verschiedenen Lawinenwarnerinnen und -warnern verglichen und analysiert.
- Software: Um ein Lawinenbulletin zu erstellen, braucht es spezielle Software. Die Produkte dafür werden eigens am SLF entwickelt.
- Bezugskanäle: Das Lawinenbulletin wird via Internet, White Risk-App und das Naturgefahrenportal des Bundes publiziert. Weitere Informationen zur Lawinensituation werden über Radio, Soziale Medien, Fernsehen und Zeitungen veröffentlicht.
- Auftrag und Finanzierung: Im Auftrag des Bundes ist das SLF seit 1945 für die Lawinenwarnung zuständig. Während über viele Jahre ein Teil der Lawinenwarnung über das Bundesamt für Umwelt (BAFU) finanziert wurde, läuft ab 1.1.21 die volle Finanzierung über den ETH-Bereich.
Arbeitsablauf
Von den insgesamt neun Lawinenwarnern bestreiten jeweils drei im Turnus den operationellen Lawinenwarndienst. In den Zwischen- oder dienstfreien Zeiten erstellen sie den AvaBlog und die Winterberichte, kümmern sich um Beobachternetz und Unfälle, sind in der Ausbildung tätig, entwickeln neue Produkte und widmen sich verschiedenen Forschungs- und Projektarbeiten.
Beschreibung des Tagesablaufs ¶
Die Einschätzung der Lawinengefahr ist ein fortlaufender Prozess. Die Prognose für den folgenden Tag beginnt bereits vor dem Mittag mit einer detaillierten Datenanalyse. Dabei werten die Lawinenwarnenden alle verfügbaren Informationen mit verschiedenen, eigens dafür entwickelten Programmen aus. Im Mittelpunkt stehen die lawinenbildenden Faktoren und ihre Entwicklung in den kommenden Tagen. Dabei kommen auch Modelle mit künstlicher Intelligenz zum Einsatz.
Um 15 Uhr findet ein Briefing statt. Dort präsentiert der Hauptdienst seine Analyse und anschliessend werden die Einschätzungen der verschiedenen Lawinenwarner verglichen und analysiert. Zum Schluss des Briefings herrscht Klarheit über den Schneedeckenaufbau, den wahrscheinlichsten Witterungsverlauf und darauf aufbauend die erwartete Lawinensituation inkl. Gefahrenstufe, besonders betroffenen Geländeteile, Lawinenprobleme usw.
Die Schneedeckenbeschreibungen, vom Hauptdienst bereits vor dem Briefing geschrieben, werden gegengelesen und bei Bedarf angepasst. Anschliessend verfassen die Lawinenwarner die Gefahrenbeschreibungen. Vor der Publikation wird nochmals gegenseitig alles genau durchgelesen und korrigiert. Die Übersetzungen erfolgen automatisch, bei den Gefahrenbeschreibungen mit einem Satzkatalog (siehe unten) und bei den Schneedeckenbeschreibungen mit einem LL-Model. Um 17 Uhr muss die Prognose für den nächsten Tag veröffentlicht sein, und schon kurz davor sendet SRF 1 täglich ein Live-Interview mit einem der Lawinenwarner. Für die Prognose Tag 2 steht den Lawinenwarnern noch eine halbe Stunde mehr zur Verfügung.
Früh am Morgen des nächsten Tages beginnt der Hauptdienst mit der neuen Analyse. Dabei richtet sich das Augenmerk auf unerwartete Entwicklungen in der Nacht, nicht ins Bild passende Informationen von Beobachtern und ändernde Wetterprognosen, die eine Anpassung der Einschätzung nötig machen könnten. Um 7 Uhr findet das Briefing statt, danach werden die Anpassungen vorgenommen und kontrolliert. Dank der automatischen Übersetzung können letzte Änderungen noch bis unmittelbar vor dem Ausgabezeitpunkt um 8 Uhr vorgenommen werden.
Technische Systeme ¶
Damit das Lawinenbulletin zweimal täglich erscheint, braucht es mehr als lawinenspezifisches Fachwissen und Informationen zum Schnee- und Wettergeschehen. Das Team „Warn- und Informationssysteme“ des SLF entwickelt für die Lawinenwarnung Softwarelösungen nach Mass, die nirgends im Handel erhältlich sind. Dazu gehören u.a. Datenerfassungstools, Analysewerkzeuge, der Editor zur Erstellung des Bulletins sowie Schnittstellen, um das Bulletin auf Web und Smartphone verfügbar zu machen.
Analyse- und Visualisierung
Etwa 180 IMIS-Stationen sowie weitere automatische Stationen von MeteoSchweiz, über 200 Beobachter, Schneedecken- und Prognosemodelle, Meteomodelle und Wetterberichte – diese Datenflut kann nur bewältigt werden, wenn die Werte gut aufbereitet und visualisiert werden. Die interaktive, räumliche Datenvisualisierung erfolgt GIS-basiert. Dabei können sowohl Messungen als auch Beobachtungen oder Einschätzungen dargestellt und statistische Werte berechnet werden.
Bulletin-Editor ¶
Das Lawinenbulletin wird mit SAFE erstellt, einem layerbasierten, am SLF entwickelten Bulletin-Editor. Eingeschätzt werden derzeit drei unabhängige Layer:
- Gefahr für trockene Lawinen (Lawinenprobleme Neuschnee, Triebschnee, Altschnee oder Kein ausgeprägtes Lawinenproblem)
- Gefahr für nasse Lawinen (Lawinenprobleme Nassschnee oder Gleitschnee).
- Schneedecke (Beschreibung)
Die Einschätzung erfolgt für die 140 Warnregionen der Schweiz, wobei Warnregionen mit einer ähnlichen Lawinensituation, entsprechend den aktuellen Verhältnissen, zusammen beschrieben werden. Weitgehend schneefreie Warnregionen werden nicht eingeschätzt.
Die Einschätzung für Prognosetag 2 erfolgt analog, aber mit weniger Inhalten.
Automatische Übersetzungen: Satzkatalog und LL-Modelle
Sowohl für trockene als auch für nasse Lawinen verfassen die Lawinenwarner eine eigene Gefahrenbeschreibung. Vor allem am Morgen ist das Zeitfenster zwischen dem Eintreffen der Beobachtungen aus dem Gelände und dem Ausgabezeitpunkt so kurz, dass eine manuelle Übersetzung nicht möglich ist. Deshalb wurde am SLF ein vollautomatisches Übersetzungssystem entwickelt, das 2012 in Betrieb genommen wurde und mittlerweile von vielen Lawinenwarndiensten Europas übernommen wurde. Es basiert auf einem Katalog von vordefinierten Sätzen, die in alle benötigten Sprachen übersetzt und in der Datenbank gespeichert wurden. Bei der Erstellung des Bulletins werden die Gefahrenbeschreibungen nicht frei geschrieben, sondern aus diesen vordefinierten Sätzen zusammengestellt, so dass sie sofort in allen Sprachen zur Verfügung stehen. Damit sich alle möglichen Situationen beschreiben lassen sind die einzelnen Sätze nicht fix. Sie bestehen aus verschiedenen Segmenten, bei denen jeweils zwischen vordefinierten Optionen ausgewählt werden kann.
Die Schneedeckenbeschreibungen werden normal geschrieben und mit einem dafür trainierten LL-Modell (normalerweise GPT) übersetzt. Wenn möglich, werden diese Übersetzungen vor der Publikation von den Lawinenwarnern kontrolliert.
Generieren der Produkte und Publikation ¶
Wenn alle Layer eingeschätzt und kontrolliert sind, kommt die Veröffentlichungs-Applikation zum Einsatz: Sie liest die verschiedenen Layer und zudem Wetterdaten aus der Datenbank, und kombiniert diese Inhalte zum Lawinenbulletin. Dieses wird auf einer Schnittstelle den Visualisierungen auf WhiteRisk, aber auch externen Abnehmern zur Verfügung gestellt. Zudem werden pro Bulletinausgabe fast 600 verschiedene Printprodukte und diverse Spezialprodukte erstellt.