«Wenig Plan – viel Leidenschaft.»

Seit 36 Jahren erforscht der scheidende SLF-Direktor Jürg Schweizer Schnee und Lawinen. Im Interview spricht er über eigene Erlebnisse mit Lawinen, den Wandel der Lawinenforschung, seinen Weg zum Chef des SLF – und warum er auch nach seiner Pensionierung dem Institut als Gastwissenschafter erhalten bleibt.

  • Karriere: Der langjährige SLF-Direktor blickt auf 36 Jahre Schnee- und Lawinenforschung zurück. 
  • Forschung: Im Fokus stehen Lawinen, Klimawandel und moderne Lawinenprävention. 
  • Zukunft: Auch nach der Pensionierung bleibt der Schneeforscher am SLF aktiv.

Herr Schweizer, Sie arbeiten seit 36 Jahren am SLF, seit 2011 leiten Sie das Institut. Haben Sie eigentlich schon mal unbeabsichtigt eine Lawine ausgelöst?

Nicht nur eine. In meiner Zeit hier in Davos waren es sicherlich ein Dutzend Lawinen, vor allem in den ersten 15 Jahren. Am Geissweidengrat waren wir mal auf Skitour, schon fast oben in einem flachen Bereich, und haben gar nicht gemerkt, dass wir so fünfzig bis hundert Meter hinter uns eine Riesenlawine im Taverna Zug fernausgelöst haben. Erst auf dem Rückweg haben wir gesehen, dass da was fehlt. Zum Glück ist nichts passiert.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Lawine?

Die habe ich zwar nicht ausgelöst, aber ja, ich erinnere mich. Das war an Ostern 1987. Ich war Kursleiter bei der SAC-Jugendorganisation und wir waren auf der Länta-Hütte bei Vals (GR). Alle sassen draussen. Plötzlich hat es gerumpelt, und wir sind ins Haus gerannt. Dann kam die Lawine und hat das Umfeld der Hütte verschüttet.

Kam jemand zu Schaden?

Zum Glück nicht. Eine Jugendliche wurde an der Eingangstür verschüttet, die hatten wir schnell raus. Wir haben aber sicherlich dreimal durchgezählt, ob alle da sind. Das waren bange Momente. Das Ereignis führte dann zu meinem ersten offiziellen Kontakt mit dem SLF.

Inwiefern?

Ich verfasste einen Bericht über das Ereignis. Den hat das SLF dann in seinem Winterbericht veröffentlicht.

Ein Schritt in Richtung Schneeforschung?

Noch unbewusst. Auch der eigentliche erste Schritt kam eher zufällig. Ursprünglich wollte ich nach meiner Doktorarbeit als Postdoc nach Seattle. Ich hatte schon das meiste aufgegleist. Dann hat das SLF im Sommer 1989 eine Stelle ausgeschrieben, ich habe mich spontan beworben und tatsächlich bekam ich eine Zusage: Der damalige Direktor Claude Jaccard begrüsste mich in der «Nationalmannschaft der Schneeforscher». Am 1. Februar 1990 habe ich in Davos angefangen. Von Planung kann da keine Rede sein. Wie vieles in meinem Lebenslauf hat es einfach zufällig gepasst. Ich hatte ja auch nicht Schneephysik oder so studiert.

Sondern?

Ich bin Umweltphysiker und Glaziologe. Vom Eis zum Schnee ist es ja aber dann doch kein allzu grosser Schritt: gefrorenes Wasser. Ausserdem konnte das SLF keine ausgebildeten Leute einstellen, weil es damals noch so gut wie keine gab.

Warum das denn?

Als ich angefangen habe, hatte es noch keine Doktorandinnen und Doktoranden am SLF. Die ersten kamen erst in den 1990er Jahren. Danach nahm auch die Zahl der Mitarbeitenden zu.

War die neue Thematik eine grosse Herausforderung?

Ja und nein. Meine Aufgaben waren teilweise nicht so weit weg von meiner Arbeit zuvor. Ich hatte simuliert, wie Gletscher gleiten. Die Mechanik konnte ich gut auf den Schnee übertragen, zum Beispiel welche Kräfte durch einen Skifahrer in der Schneedecke wirken. Aber sonst habe ich tatsächlich nichts von Schnee und Lawinen verstanden – ausser was man als Tourenleiter so weiss.

Das hat sich aber geändert. Heute, 36 Jahre später und kurz vor Ihrem Eintritt in den Ruhestand, zeigt sich: Die Liste Ihrer wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist lang.

Ja, das ist so. Ich habe immer gerne geschrieben. Erst beim Aufschreiben merkt man, ob man etwas wirklich verstanden hat. Ich liebe diesen Prozess, wo man um die Worte ringt, etwas präzis festzuhalten. Mit Zusammenarbeiten und mit den Doktorierenden kommt da über die Jahre schon einiges zusammen. Und ich mache auch noch gerne etwas weiter. Ich bin für die kommenden zwei Jahre als Gastwissenschafter angestellt. Da möchte ich schon noch zwei wissenschaftliche Publikationen schreiben und ein paar schlafende Projekte abschliessen.

Noch Zwei? Sie haben doch schon 157 auf ihrem Konto und sind damit schon die Nummer eins im Bereich Schnee und Lawinen.

Stimmt, ich hoffe, nicht nur quantitativ. Ein Kollege hat spasseshalber zu meinem Abschied ausgerechnet, dass alle Seiten aneinandergelegt einer Höhendifferenz von 426 Metern entsprechen. Er hat auch die Schneeprofile zusammengerechnet, die ich im Laufe meiner Tätigkeit am SLF gegraben habe.

Mit welchem Ergebnis?

Er kam auf 897 mit einer Gesamttiefe von 1192 Metern. Das entspricht ungefähr dem Höhenunterschied vom Gipfel des Schiahorns runter nach Davos. Er meinte, ich könnte das Verhältnis von Schneeprofil zu Veröffentlichung noch verbessern. Das mache ich jetzt (lacht).

Abgesehen vom Schnee an sich, wo lag der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Der hat sich im Laufe der Jahre mehrmals verschoben. Am Anfang ging es um Lawinenprognose und Mechanik, später dann um den Aufbau der Schneedecke, deren Variabilität und um die Bruchmechanik, die Entstehung von Lawinen, trockene und nasse. In den letzten Jahren standen der Klimawandel und wieder die Lawinenprognose mit dem Maschinellen Lernen im Fokus.

 

Gab es einen Höhepunkt bei Ihren Ergebnissen?

Schwer zu sagen, eigentlich nicht. Die Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten sind sehr beachtlich. Aber es gibt nicht das eine grosse Ereignis. Es war eher so eine mehr oder minder stetige Entwicklung in kleinen Schritten. Ich bin da eher der kontinuierliche, hartnäckige Schaffer als der kreative Kopf. Erst wenn man dann zurückschaut, sieht man, oh, es ist doch ganz schön viel gegangen. Vieles ist einfach Knochenarbeit, im wahrsten Sinne des Wortes.

Das heisst?

Wir sind zu sehr vielen Lawinen gegangen, haben Profile gemacht, geschaut, wie das aussieht, Daten gesammelt. Die Entwicklung der Schneedecke verfolgt. Dieses Datensammeln war zwischenzeitlich mal verpönt. Heute sind genau diese Daten extrem wichtig, beispielsweise für die Modellentwicklung mit KI. Mein persönlicher Höhepunkt war daher kein Forschungsergebnis, aber es gab ihn.

Und was war das?

Ich war 1995/96 zum Forschen in Kanada. Das ist rückblickend das Beste, was ich je in meiner Karriere gemacht habe. Damals habe ich viele Kontakte geknüpft, auch in die USA. Die halten bis heute. Die waren auch entscheidend, den ISSW, den International Snow Science Workshop, 2009 erstmals nach Europa, natürlich nach Davos, zu bringen. Das war ganz klar auch ein Höhepunkt.

Was haben Sie als Schneeforscher eigentlich im Sommer so gemacht?

Auch gearbeitet. Geld suchen und schreiben. Das Lawinenbuch zum Beispiel, das haben wir im Laufe eines Sommers geschrieben. Wir forschen ja am SLF nicht nur, wir unterstützen auch die Praxis. Die erste Ausgabe des Merkblatts «Achtung Lawinen» habe ich 1996 koordiniert. Mittlerweile haben wir die achte Version. Gewisse Sachen ändern sich nicht, werden nur besser.

Im Laufe der Zeit kamen dann auch Führungsaufgaben dazu.

Genau, relativ spät. Erst 2006 im Zuge der grossen Reorganisation. Da mussten wir uns alle neu bewerben, und es sind neue Gruppen entstanden, darunter auch eine mit dem Namen «Entstehung alpiner Naturgefahren». Die durfte ich dann aufbauen und leiten.

Schon fünf Jahre später waren Sie Chef des SLF.

Ich war wieder einmal zur rechten Zeit am rechten Ort. Der Leiter des Instituts Jakob Rhyner fragte mich 2010, ob ich mal mit zum Mittagessen komme. Kurz danach verliess er das SLF Richtung Bonn. Ich habe mich dann beworben und durchgesetzt. Im Mai 2011 wurde ich Leiter der Forschungseinheit Lawinen und Prävention, SLF-Chef und damit einhergehend Mitglied der Direktion der WSL.

War das eine grosse Umstellung?

Sicher, das war ein längerer Lernprozess. Ich war jetzt öfter am WSL-Sitz in Birmensdorf (ZH) und habe dort viel Zeit verbracht. Das gab mir auch viele Einblicke in andere Disziplinen der Forschung. Mein Horizont erweiterte sich, ich brachte auch die eine oder andere Idee fürs SLF mit zurück nach Davos. Die Erwartungen waren schon gross und die Belastung auch. Hier oben in Davos habe ich zum Glück die Natur vor der Haustür. Auf Ski- oder Bergtouren fand ich den Ausgleich und kann gut reflektieren. Aber an so einiges musste ich mich bei meiner neuen Aufgabe erst gewöhnen.

Zum Beispiel?

Ich bin eigentlich auf Effizienz getrimmt. Plötzlich musste ich auf offizielle Anlässe, und die sind das nicht. Da habe ich mich am Abend schon öfter gefragt, ob sich die investierte Zeit gelohnt hat. Haben die zwei Minuten Smalltalk etwas gebracht – oder nicht? Aber es ist und bleibt wichtig, der Forschung ein Gesicht zu geben. Und ganz unbescheiden zu betonen, dass die Forschungsinstitute in Davos Spitze sind. Dass dieser Aspekt tatsächlich wichtig ist, hoffe ich, zeigt das Forschungszentrum CERC.

Können Sie das erklären?

Meine beiden Vorgänger wollten das SLF auch in anderen Naturgefahren etablieren, nicht nur bei Lawinen. Ich fand das müssig, zumal ich weniger Verkäufer war, sondern dachte, wir sollten uns auf das Kerngeschäft konzentrieren.

Woher kam der Meinungswandel?

Der Kanton Graubünden hatte eine Initiative für eine Innovationsstrategie. Ziel waren zwei Leuchttürme in Davos, grob gesagt einen physikalischen (SLF/PMOD) und einen medizinischen (AO/SIAF). Die Zeit verging, nichts passierte. Im Januar 2019 sassen wir schliesslich mit zwei Regierungsräten und dem ETH-Präsidenten zusammen. Die Regierung wollte uns für zwanzig Millionen Franken ein Gebäude im Wolfgang errichten. Ich meinte, das wäre nett, aber eigentlich fehle uns in der Regel Geld für Forschung nicht für das Bauen. Das war nicht gerade die Antwort, die Regierungsräte erwarteten. Wir haben dann einen Vorschlag erarbeitet. Am Ende hat der Kanton über zwölf Jahre jeweils zwei Millionen zugesagt und die ETH zwei gemeinsame Professuren. Das war einerseits wieder so ein «zur rechten Zeit am rechten Ort»-Ding. Andererseits hat sich aber sicherlich auch ausgezahlt, in den Jahren zuvor Vertrauen ins SLF aufzubauen. Das passiert nicht von selbst, und hängt auch nicht von einer einzelnen Person ab. Da tragen letztlich alle Kolleginnen und Kollegen dazu bei, indem sie gute Arbeit für unsere Kunden leisten. Und ja, rückblickend hat sich der Smalltalk also vielleicht doch gelohnt.

Nach mehr als 15 Jahren geben Sie Ihre Führungspositionen am SLF ab, gehen in den Ruhestand, bleiben dem Institut aber vorerst als Gastwissenschafter erhalten. Wie geht es weiter?

Ich habe immer sehr gerne Daten ausgewertet. Das ist in den vergangenen Jahren auch wegen der Führungsaufgaben zu kurz gekommen. Ich habe das schon etwas vermisst, und möchte jetzt noch das eine oder andere auswerten. Ich habe versucht, immer auch Sachen zu machen, die Freude machen. Der Spass darf nicht zu kurz kommen. Es ist ein Privileg, dass mir meine Arbeit das ermöglicht hat.

Welche Pläne haben Sie noch für die Zukunft?

Ich habe nie einen grossen Plan gehabt, und ich bin zuversichtlich, dass es auch diesmal ohne Plan funktionieren wird. Ich lasse es mal auf mich zukommen.

 

Jürg Schweizer: wichtige Stationen im Forscherleben

  • 1985: Diplom in Umweltphysik, ETH Zürich
  • 1985-1989: wissenschaftlicher Mitarbeiter am Labor für Hydraulik, Hydrologie und Glaziologie (VAW), ETH Zürich
  • 1986-1989: Lehrassistent für Physik an der Kantonsschule Frauenfeld
  • 1989: Dr. sc. nat. (Glaziologie), ETH Zürich
  • seit Februar 1990: wissenschaftlicher Mitarbeiter am SLF
  • 1995-1996: Canada International Research Fellow (NSERC) am Department of Civil Engineering, University of Calgary
  • 2006-2011: Leiter der Forschungsgruppe «Entstehung alpiner Naturgefahren» am SLF
  • seit 2008: Dozent an der ETH Zürich
  • seit März 2011: Leiter der Forschungsgruppe «Lawinen und Prävention»
  • seit Mai 2011: Leiter des SLF, Mitglied der WSL-Direktion
  • seit September 2019: Titularprofessor an der ETH Zürich

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