Instabile Schneedecke – und keine Besserung in Sicht ¶
Ausgeprägte, langlebige Schwachschichten, überdeckt von einem etwa einen halben Meter dicken Schneebrett, und das Ganze flächig weit verbreitet. So sieht das Rezept für Schneebrettlawinen aus - und so war die Schneedecke diese Woche. Vom Wallis über das Gotthardgebiet bis nach Nordbünden waren Wummgeräusche allgegenwärtig. Es wurden viele und oft grosse Lawinen durch Personen ausgelöst, häufig aus der Ferne.
Wetter ¶
Das Wetter ist schnell beschrieben: Am Montag war es im Süden sonnig und im Norden bewölkt, danach genau umgekehrt. Niederschlag gab es nur wenig, dafür aber anhaltend mässigen und zwischendurch auch starken Südwestwind. Im Norden war es mild und es kam Föhn auf.
Schneedecke und Lawinen ¶
In der Vorwoche waren Neu- und Triebschnee besonders an windgeschützten Schattenhängen auf eine kantig aufgebaute Altschneeoberfläche oder auf Oberflächenreif abgelagert worden (siehe Abbildung 1 und AvaBlog vom 11. Januar). Die Verbindung zur alten Schneeoberfläche war ausgesprochen schwach. Südlich einer Linie Rhone-Rhein war oft sogar die gesamte Altschneedecke aufbauend umgewandelt und locker, so dass Lawinen in bodennahe Schichten durchreissen konnten.
Inzwischen wurden für Sonntag, 11. Januar 75 durch Personen ausgelöste Lawinen gemeldet, die mindestens Grösse 2 («mittel») erreichten (dunkelblaue Säule im oberen Teil des Diagramms in Abb. 2). In der Berichtsperiode (12. bis zum 16. Januar) wurden bis zum Redaktionsschluss weitere 86 solche Lawinen. Trotz der eindrücklichen Zahl sind dies pro Tag deutlich weniger als am Sonntag davor. Leider können wir nicht daraus schliessen, dass sich die Lawinensituation gebessert hat, denn die Anzahl Lawinenauslösungen hängt ab von der Anzahl Personen, die unterwegs waren. Unter der Woche waren es vermutlich deutlich weniger Personen als am sonnigen Sonntag davor.
Betrachten wir die Gefahrenzeichen (unterer Teil des Diagramms in Abb. 2), zeigt sich keine Verbesserung. Hier wird dargestellt, bei wie vielen Prozent der Meldungen «keine», «einige» oder «viele» Wummgeräusche beobachtet wurden. Diese Darstellung ist unabhängig von der Anzahl Personen im Gelände und damit das bessere Mass zur Beschreibung der Lawinenverhältnisse.
Aus dem Wallis, dem Gotthardgebiet und aus Nordbünden wurden die ganze Woche über nicht nur viele Lawinen (Abbildung 3), sondern auch sehr viele Wummgeräusche und Risse gemeldet (Abbildung 4). Diese entstehen, wenn die Schwachschicht unter dem Gewicht eines Skifahrers bricht und sich der Bruch in der Folge flächig ausbreitet. Danach entscheidet die Hangneigung, ob das gerissene Schneebrett liegen bleibt, oder ob eine Schneebrettlawine abgeht. Ist das Gelände bei uns flach, aber in der Umgebung steiler, kann es gut sein, dass nur der steilere Teil abgleitet. Dann haben wir eine Lawine fernausgelöst (Abbildung 5).
Mit den vielen Wummgeräuschen wundert es nicht, dass auch viele Lawinen ausgelöst wurden. 60 % der von Personen ausgelösten Lawinen wurden aus der Ferne ausgelöst. Spontan gingen praktisch keine Lawinen mehr ab, aber die Auslösebereitschaft durch Skifahrer war so hoch, dass im Nachhinein für Montag und Dienstag, 12./13.01. in Nordbünden und möglicherweise auch im zentralen Wallis selbst eine Stufe 4- nicht völlig falsch gewesen wäre.
Im nördlichen Wallis war in der Woche zuvor über 1 m Neuschnee gefallen. Es gab nicht mehr so viele Stellen, wo die Schwachschicht unter dieser mächtigen Schicht noch gebrochen werden konnte. Wenn doch, dann wurden die Lawinen aber gross (Abbildung 6), und teils sogar sehr gross – und damit besonders gefährlich.
Auch am westlichen Alpennordhang war der Schneedeckenaufbau ungünstig, doch wurden von dort nach dem Sonntag, 11. Januar kaum noch Lawinen und Wummgeräusche gemeldet (Abb. 3). Deshalb wurde die Lawinengefahr dort am Freitag, 16.01. gebietsweise reduziert auf Stufe 2, «mässig».
Unfalllawinen ¶
Rückblickend wurden am Sonntag, 11. Januar 15 Personen von Lawinen erfasst und 4 davon ganz verschüttet. Eine Person kam bei einem Unfall am Hockuchriz (Ferden, VS) in einer sehr grossen Lawine ums Leben (vgl. Unfalltabelle).
In dieser Berichtsperiode wurde bis zum Redaktionsschluss bekannt, dass weitere 14 Personen erfasst und mindestens 5 davon ganz verschüttet wurden. In einer sehr grossen, am Donnerstag an der Pointe de Chémo ausgelösten Lawine starben zwei Personen.
Ausblick ¶
Auch die schlechteste Altschneedecke stabilisiert sich irgendwann. Aber zunächst einmal braucht es Geduld, viel Geduld. Bis es so weit ist, empfehlen wir flacheres Gelände, und auch Abstände sind eine gute Idee (Abbildung 7).