Weihnachten, Neujahr und ungeahnte Schwierigkeiten im Feld

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Anja Mödl ist Doktorandin in der Gruppe Schneeprozesse am SLF. Sie verbringt eineinhalb Monate auf der italienischen Station Mario Zucchelli in der Antarktis. Zusammen mit ihrer finnischen Kollegin Roberta Pirazzini möchten sie die Eigenschaften von der Oberflächenstreuschicht bestimmen. Im Logbuch-Blog berichtet sie über ihre Arbeit und ihren Aufenthalt in der Antarktis. Teil 2.

Mittlerweile bin ich schon drei Wochen in der Antarktis – Halbzeit. Einerseits fühlte es sich so weit weg an, als ich in Davos gestartet bin. Andererseits ist die Zeit so schnell vergangen. Es ist aber auch schon einiges passiert. Wir haben hier Weihnachten, Silvester und Neujahr gefeiert. Aber noch viel wichtiger: Mittlerweile konnten wir auch ein paar gute Messungen machen.

Ich hoffe ihr seid alle gut ins neue Jahr gestartet. Für mich endete das Jahr 2025 schon 12 Stunden früher bei strahlendem Sonnenschein. Das war auf jeden Fall auch eine einzigartige Erfahrung, die ich nie vergessen werde. Aber beginnen wir mit Weihnachten. Am 23. Dezember wurde es plötzlich sehr stürmisch - die Windgeschwindigkeit erreichte bis zu 95 Knoten. Diese katabatischen Winde kommen eigentlich jedes Jahr schon im Frühsommer und sorgen dafür, dass das Meereis in den offenen Ozean geblasen wird. Doch trotz des stürmischen Wetters draussen wurde es bei uns in der Station immer weihnachtlicher, die Cafeteria und die Gemeinschaftsräume wurden dekoriert, und es wurde sogar ein Christbaum mit Krippe aufgestellt. Am 24. Dezember konnte man währen der Arbeit überall Weihnachtslieder hören. Um 19:00 Uhr trafen wir uns dann alle in unserer festlichsten Kleidung in der Bar. Anschließend gab es, typisch italienisch, wie mir gesagt wurde, Fisch und Meeresfrüchte und als Nachtisch italienische Weihnachtssüssigkeiten wie Panettone, Torrone und Baci di Dama. Nach dem Essen ließen wir den Abend in geselligem Beisammensein ausklingen. Am 25. Dezember hatten wir alle frei, bis auf die Köche. Die zauberten uns an diesem Tag zum Mittagessen ein gigantisches Drei-Gänge-Menü mit Antipasti-Vorspeisenbuffet, drei unterschiedlichen Hauptgerichten und Weihnachtskeksen als Nachspeise. Bisher mein nobelstes Weihnachtsessen - und das in der Antarktis! Am Nachmittag wurde eine Bingo-Tombola veranstaltet. Bei den Preisen handelte es sich um Spenden, die vorher gesammelt wurden.  So konnte man von einem Motorradhelm über Militärabzeichen, selbstgemachte Holz-Pinguine und Süssigkeiten bis zu einer Packung Nassrasierer die tollsten Dinge gewinnen. Wir hatten auf jeden Fall einen Heidenspaß.

Auch an Silvester gab es zunächst einen Apéro und ein Drei-Gänge-Menü, gefolgt von der obligatorischen Silvesterparty mit Tanzen und Feiern bis ins neue Jahr. Um Mitternacht bin ich mit ein paar anderen nach draußen auf einen kleinen Hügel gestiegen, und wir haben bei einem gigantischen Ausblick das neue Jahr begrüßt. Da für uns auch an Neujahr wieder ein freier Tag war, konnten wir glücklicherweise ausschlafen. Doch spätestens mittags war jeder wieder fit, denn keiner wollte sich das Barbecue im Freien bei gefühlt 5 Grad und Sonnenschein entgehen lassen. Ich hatte zwar gehofft, dass wir auch hier in der Antarktis Weihnachten und Neujahr feiern werden, doch dass so viel geboten wurde, übertraf meine Erwartungen bei Weitem.

Natürlich haben wir neben dem Feiern auch die Arbeit nicht vergessen. Zwischen Weihnachten und Neujahr hat der Wind nachgelassen, und wir konnten zweimal zu unserem Messfeld fliegen.

Dort war für uns zuerst einmal wichtig, die beiden Wetterstationen wieder auszurichten und zu stabilisieren. Das war jedoch gar nicht so einfach, denn als wir am 28. Dezember am Nansen-Eisschelf ankamen, hat uns eine unerwartete Überraschung erwartet. Zum einen war mittlerweile die gesamte Oberfläche zur Oberflächenstreuschicht umgewandelt. Wo noch eine Woche zuvor ein klarer Unterschied zwischen Flächen mit Eis, Schnee und Oberflächenstreuschicht erkennbar war, war nun alles einheitlich weiß. Die wirklich unangenehme Überraschung dabei war allerdings die damit einhergehende Oberflächen-Instabilität. Jeder Schritt musste mit Vorsicht gegangen werden, denn man riskierte, knie- bis hüfttief durch die oberste Eisschicht einzubrechen und im darunter liegenden Wasser zu stehen. Mir ist das tatsächlich auch passiert und mein kompletter Fuss war nass. Glücklicherweise hatte ich Ersatzkleidung dabei, und es war nicht sehr kalt, denn die nassen Schuhe musste ich den ganzen Tag weiterhin tragen. Unter diesen Umständen war es schwer, eine stabile Stelle zu finden, um unsere Stationen neu zu befestigen. Ich bin immer noch fasziniert davon, dass der Helikopter dort sicher landen konnte. Neben der Instabilität der Oberfläche ist durch die Schmelze auch ein grosser See ganz in der Nähe unseres Messfelds entstanden. Das Schmelzwasser kann am Eisschelf nur bedingt ablaufen und sammelt sich deshalb unter- oder oberirdisch an. Eine Gletscherschmelze in diesem Ausmaß wurde auf dem Nansen-Eisschelf bisher noch nie beobachtet, reiht sich aber in eine Zeitserie ein, in der Jahr für Jahr die bis dahin geltenden Extrembedingungen übertroffen werden. Das ist wirklich erschreckend und führt uns klar die Folgen der Klimaerwärmung vor Augen, welche an den Polen nachweislich am stärksten zu spüren sind. Umso wichtiger ist es, dass wir dieses Ereignis mit unseren Messungen dokumentiert haben und damit einen einzigartigen Datensatz zur Erforschung der Auswirkungen haben.

Nach dieser nassen Erfahrung haben wir uns für den nächsten Feldtag, der drei Tage später stattfand, Gummistiefel und Fischerhosen organisiert.  Im Nachhinein wäre das aber gar nicht notwendig gewesen, denn es wurde etwas kälter und damit die Oberflächenschicht stabiler.  Wieder ein Beweis dafür, wie schnell sich hier die Bedingungen radikal verändern können. Für uns ist das besonders interessant, da wir genau diese Prozesse bei der Entstehung und Entwicklung der Oberflächenstreuschicht besser verstehen wollen. Dafür führten wir an beiden Tagen auch manuelle Messungen zu den Oberflächen-Eigenschaften durch. An ausgewählten Orten haben wir die Temperatur, Dichte und SSA sowie den strukturellen Aufbau und die Reflektivität der Oberflächenstreuschicht gemessen. Am zweiten Tag haben wir zudem mit einer Drohne flächendeckende Echtfarben- und Oberflächentemperaturaufnahmen gemacht. Wobei erstere dazu dienen, den Oberflächentyp und die Rauigkeit zu bestimmen. Wir haben damit bereits vielversprechende Daten, und wenn wir so weiterarbeiten könnten, wären wir sehr zufrieden. Schon bald wird sich jedoch herausstellen, dass das unsere vorerst letzten Messungen vor Ort sein werden. Dazu aber mehr im nächsten Blog.

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