Rückschlag, Pinguine und Marathon in der Antarktis

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Anja Mödl ist Doktorandin in der Gruppe Schneeprozesse am SLF. Sie verbringt eineinhalb Monate auf der italienischen Station Mario Zucchelli in der Antarktis. Zusammen mit ihrer finnischen Kollegin Roberta Pirazzini möchten sie die Eigenschaften von der Oberflächenstreuschicht bestimmen. Im Logbuch-Blog berichtet sie über ihre Arbeit und ihren Aufenthalt in der Antarktis. Teil 3.

Langsam geht meine Zeit in der Antarktis zu Ende. Tatsächlich ist im Januar aber noch einmal einiges passiert.

Anfang Januar bekamen wir gleich einen Dämpfer. Uns wurde mitgeteilt, dass die Helikopter-Flugstunden, die der Station für diese Saison zur Verfügung stehen, bereits aufgebraucht waren. Das bedeutet, wir haben keine Möglichkeit für weitere Messungen auf unserem Messfeld am Nansen Eisschelf.  Nur noch einmal am Ende der Saison können wir dorthin zurückkehren, um die fest installierten Wetterstationen abzubauen. Nach nur zwei wirklichen Messtagen war das natürlich ein grosser Schock und ein äusserst ernüchterndes Erlebnis. Nun hoffen wir, dass zumindest die automatischen Wetterstationen stabil bleiben und wir von dort gute und brauchbare Daten bekommen. Aufgeben kam für uns jedoch nicht in Frage, da wir unbedingt weitere Messungen durchführen wollten. Letztendlich hat es auch geklappt: Wir konnten bei einer anderen Forscherin, die ebenfalls Messungen am Nansen Eisschelf durchführt, im Helikopter mitfliegen. Warum ihr weiterhin Flugstunden zugesprochen wurden, uns jedoch nicht, bleibt für uns rätselhaft. Aber wie dem auch sei, wir waren froh, zumindest einen dritten Tag für unsere Messreihe zu erhalten, wenn auch nur mit eingeschränktem Equipment, da wir uns den Helikopterplatz teilen mussten.

Durch diesen Cut-off bezüglich unserer Feldarbeit, hatten wir plötzlich unverhofft etwas Zeit, die wir nutzten, um die Gegend ein wenig besser zu erkunden. Dabei entdeckten wir unter anderem Robben am Meereis, Raubmöwenküken und viele Pinguine. Die Pinguine kamen teilweise sogar aufs Stationsgelände. An einem freien Sonntagnachmittag besuchten wir auch eine nahegelegene Adelie-Pinguinkolonie. Die Grösse der Kolonie war sehr beeindruckend. Ich nahm an, dass in einer Kolonie einige hundert Tieren leben, tatsächlich besteht die Gruppe aber aus mehreren tausend Pinguinen. In der Kolonie gab es gerade Nachwuchs. Zwischen den Pinguinen lagen viele «graue Steine», ja, die jungen Pinguine sehen aus der Ferne wirklich aus wie kleine pelzige Steine. Das war wirklich eindrücklich.

Auch an der Station wurde wieder einiges geboten – das sogenannte „Depingamento“. Dabei handelt es sich um eine Art Eingliederungsritual für alle, die zum ersten Mal auf der Mario-Zucchelli-Station sind. Wir wurden in Vierer-Teams eingeteilt und jedes Team musste ein eigenes Motto wählen und sich entsprechend kostümieren. Das Motto meiner Gruppe war „Amundsen“. Wir stellten die Amundsen-Südpol-Expedition dar. Ich war Amundsen und meine drei Teamkollegen waren die Schlittenhunde, die mich auf einem kleinen Rollwagen zogen. Das war extrem lustig und definitiv eines der Highlights dieses Abends. Während der Veranstaltung mussten wir verschiedene kleine Spiele absolvieren, teils in Teams, teils auch nur als Einzelpersonen. Das Konzept war an die frühere TV-Show „Spiel ohne Grenzen“ angelehnt. Unser Team schnitt dabei zwar nicht besonders gut ab, den Preis für die originellste Idee hatten wir jedoch auf jeden Fall inne. Das Event ist aber wohl hauptsächlich darauf ausgelegt, die übrigen Stationsmitglieder zu unterhalten. Ich denke, Spass hatten wir letztlich alle.

Zum Abschluss der Veranstaltung wurde uns allen – auch jenen, die bereits mehrfach an der Station waren – eine Urkunde überreicht. Diese bestätigt, dass wir den südlichen Polarkreis überschritten haben, inklusive der exakten Uhrzeit. Das ist eine wirklich schöne Geste und eine Erinnerung, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hätte.

Mein persönliches Highlight der Expedition – neben der atemberaubenden Landschaft – war jedoch ganz klar der Marathon. Zusammen mit Eloy, einem französischen Polarin-Forscher, beschloss ich eines Sonntags spontan: „Lass uns doch einen Marathon laufen. Oder zumindest schauen, wie weit wir kommen.“

Dazu muss man sagen, dass das hier nicht so einfach ist, da wir nur in einem begrenzten Umkreis befestigte Wege haben und das Gelände insgesamt sehr bergig ist, teils mit instabilem Untergrund. Wir stellten uns eine etwa 14 Kilometer lange Runde zusammen, die wir dreimal laufen wollten. Dann liefen wir einfach einmal los. Uns ging es wirklich gut – also liefen wir weiter, bis am Ende 42,2 Kilometer und 1.109 Höhenmeter auf unseren Uhren stand. Und das alles in 3:54 Stunden und in der Antarktis. Man muss zudem erwähnen, dass es für Eloy sogar der erste Marathon überhaupt war. Am Ende waren wir entsprechend stolz, denn wir sind damit auch den ersten Marathon im Terra-Nova-Bay gelaufen. Möglicherweise war es sogar der Marathon mit den meisten Höhenmetern, der jemals in der Antarktis absolviert wurde. Es gibt zwar drei offizielle Antarktis-Marathons, diese umfassen jedoch alle deutlich weniger Höhenmeter. Letztlich ist das aber nebensächlich – für mich zählt vor allem die persönliche Erfahrung.

Nebenbei habe ich ausserdem zwei Videokonferenzen mit Schülerinnen und Schülern meiner ehemaligen Schule in Deutschland durchgeführt. Wobei ich zunächst eine kleine Präsentation zu meiner Arbeit und dem Leben in der Antarktis hielt und anschliessend ihre Fragen beantwortete. Ausserdem habe ich bereits mit der Abschluss-Publikation für das Polarin-Ambassador-Programm begonnen.

Ihr seht also: Auch trotz der gekürzten Flugstunden wurde mir nicht langweilig. Dennoch bleibt ein gewisses Gefühl der Unzufriedenheit. Wir sind so weit gereist, um unsere Forschung durchzuführen – und scheitern dann an fehlenden Helikopterflügen. Doch genau das gehört wohl auch zur Wissenschaft dazu: Man hat einen Plan, und am Ende schaut man, was sich tatsächlich umsetzen lässt. In Rücksprache mit Roberta sind wir zumindest zu dem Schluss gekommen, dass wir das Minimum an Daten sammeln konnten, um das Projekt nicht scheitern zu lassen. 

Damit komme ich nun zum Ende und melde mich nach meiner Rückkehr noch einmal, um über den Abschluss der Expedition und die Rückreise zu berichten.

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