Der heisse und trockene Sommer hat auch in der Wissenschaft für Betroffenheit gesorgt, wenn auch nicht überrascht. Wie die Forschung helfen kann, mit solchen Extremen künftig umzugehen, erklärt Rolf Holderegger, Direktor der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, im Interview.
Rolf Holderegger, wie haben Sie den Hitzesommer erlebt?
Heiss, sehr heiss! Ich war dieses Jahr sehr viel draussen bei der Feldarbeit und habe eins zu eins miterlebt, wie die Landschaft ausgetrocknet ist. Die Wälder wurden braun, die Wiesen gelb, die Bäche fielen trocken.
Wie hat sich das angefühlt?
Ich war ein Stück weit überwältigt. Eigentlich wusste ich zwar, was kommt. Es gab Signale aus der Wissenschaft, dass wir vor einem trockenen Sommer stehen – Forschende hatten schon früh gewarnt, dass wir sehr wenig Schnee im Winter und sehr wenig Niederschläge im Frühjahr gehabt hatten. Die Heftigkeit des Geschehens hat mich aber überrascht.
Die Öffentlichkeit, die Politik und die Medien schienen überrascht und teils auch schockiert. Denken Sie, das wird Folgen haben?
Ich glaube, die Öffentlichkeit reagiert dann, wenn sie konkrete Erfahrungen hat. So wie diesen sehr heissen, trockenen Sommer. Und die Politik, wenn es sichtbare Schäden gibt oder Risiken auftauchen. So gesehen könnte der Sommer 2026 ein Türöffner für mehr Klimaschutz und mehr Klimaanpassung sein. Allerdings: Wenn das Ereignis vorbei ist, sinkt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, der Politik und der Medien wieder. Dann ist es ganz wichtig für die Forschung, dranzubleiben. Wir wissen sehr gut, was man im Wald, in Siedlungen oder in den Bergen tun könnte. Aber als Gesellschaft müssen wir diese Massnahmen viel grossflächiger umsetzen.
Wird das unsere neue Normalität?
Unter einem drei-Grad-wärmer-Klimaszenario wäre der diesjährige Sommer, der 3,4°C wärmer war als die Norm, ein durchschnittlicher Sommer was die Temperatur betrifft. Und die Abfolge von trockenen und warmen Jahren im vergangenen Jahrzehnt zeigt uns deutlich, was wir unter dem Klimawandel in Zukunft erwarten können.
Wie kommen Gesellschaft und Natur mit diesen Extremen zurecht?
Die Natur wird sich anpassen. Für uns Menschen bedeutet das, dass sich die Leistungen ändern, die sie für uns erbringt – beispielsweise die Versorgung mit Trinkwasser, der Schutz vor Lawinen oder Bodenerosion, sichere Transportwege. Dies hat sehr direkte gesellschaftliche Auswirkungen: zu wenig Wasser für die Bewässerung in der Landwirtschaft, zu wenig Viehfutter, teurere Treibstoffe, weil die Rheinschifffahrt häufiger eingeschränkt sein wird.
Ist die Hitze oder die Trockenheit das grössere Problem?
Für die Natur ist es klar die Trockenheit. Die Hitze verstärkt die Verdunstung zusätzlich und kann beispielsweise Fischen oder auch den Blättern von Bäumen direkt schaden. Für Menschen in Städten ist die Hitze die grosse Herausforderung. Da braucht es verschiedenste Anpassungen wie mehr Bäume, Grün- und Wasserflächen.
Was kann die Forschung in solchen Extremsituationen beitragen?
Kurzfristig kann die Forschung vor allem messen und aufzeigen, was jetzt gerade passiert. Die WSL-Forschenden haben die akuten Auswirkungen dieses Sommers etwa auf den Wald oder den Permafrost gemessen und dokumentiert. Solche Fakten kann die Forschung an die Politik, an die Behörden, an die Öffentlichkeit, an die Praktikerinnen und Praktiker übermitteln. In den nächsten Jahren geht es dann darum aufzuzeigen, was die Folgen des Sommers 2026 sein werden.
Und langfristig?
Da müssen wir Handlungsoptionen aufzuzeigen, wie sich die Schweiz an grössere Hitze und Trockenheit anpassen könnte. Wir forschen dazu viel mit Personen aus der Praxis zusammen. Im neuen Forschungsprogramm «Nova City» beispielsweise erforschen wir zusammen mit Behörden, wie Städte dank Grünräumen, entsiegelten Flächen und so weiter lebenswert bleiben. Mit Modellen oder Szenarien können wir aufzeigen, welche Massnahmen welche Effekte in der Zukunft erzielen würden. Welche Ziele wir aber als Gesellschaft verfolgen und wie viel Geld die Politik dafür zur Verfügung stellt, das kann und soll die Forschung nicht sagen. Das ist ein politischer Aushandlungsprozess.
Derzeit hört und liest man ganz viel über Anpassung. Was ist aber mit Klimaschutz?
Es braucht ganz klar beides. Der Klimaschutz und Netto-Null-Emissionen sind die Grundlage, und wir forschen auch an Möglichkeiten, das zu erreichen. Dieser Sommer macht klar, dass wir uns gleichzeitig an den Klimawandel anpassen müssen. Für beides brauchen wir Zeit. Die Schlussfolgerung nach diesem Sommer ist, dass wir mit beidem wirklich vorwärts machen müssen.
Als Forscher und Leiter eines Forschungsinstituts, aber auch als Mensch und Bürger – was für Schlüsse ziehen Sie aus dem Sommer 2026?
Ich war kürzlich zu einem Fest eingeladen und der Sommer 2026 war eines der grossen Themen. Dieser Sommer beschäftigt alle. Und darum habe ich das Gefühl, er könnte der Gesellschaft die Augen öffnen, was in Zukunft auf uns zukommt.
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