08.09.2026 | Jochen Bettzieche | SLF News
Was passiert, wenn Wasser, Eis und mehr ins Tal donnern? Forschende am SLF untersuchen dies an einem detailgetreuen 3D-Modell von der Region um Blatten. Die Experimente sollen Computermodelle verbessern – und helfen, Gefahren für Siedlungen und Infrastruktur zuverlässiger einzuschätzen.
- Bergstürze im Kleinformat: SLF-Forschende untersuchen Massenbewegungen am 3D-Modell von Blatten.
- Grundlage von Computermodellen verbessern: Experimente zeigen, wie sich Gemische aus Wasser, Eis und Gestein bewegen.
- Naturgefahren besser einschätzen: Die Modelle sollen zeigen, wo Siedlungen und Infrastruktur bedroht sind.
Das Lötschental rund um Blatten (VS), darüber die Birchchinn-Rinne bis hoch zum Kleinen Nesthorn. Alles glänzt blau. Dann öffnet sich eine Klappe. Aus Richtung des Kleinen Nesthorns stürzt ein Gemisch aus Wasser, Sand und Lehm ins Tal, lagert sich ab und bedeckt weite Teile. Es ist fast wie 2025, als ein Bergsturz das Dorf Blatten fast vollständig zerstörte und unter sich begrub. Aber in Klein, im Massstab 1:577. Kleiner als bei einer Landschaft für Modelleisenbahnen, und ohne, dass hier Züge fahren. «Wir wollen mit solchen Modellen herausfinden, wie sich Gemische aus verschiedenen Materialien in der freien Natur bewegen», erklärt Johan Gaume, Leiter der Forschungsgruppe Alpine Massenbewegungen am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF und ausserordentlicher Professor für Alpine Massenbewegungen an der ETH Zürich.
Parallel zu solchen physischen Modellen entwickelt die Forschungsgruppe auch virtuelle, am Computer. Sie zeigen Szenarien, was bei Massenbewegungen in den Alpen passieren kann, vom Murgang bis zum Bergsturz. In Zukunft sollen damit die Verantwortlichen für Naturgefahren von Kantonen und Gemeinden erkennen, ob Infrastruktur oder gar Siedlungen bedroht sind. «Damit diese Modelle zuverlässig sind, müssen sie anhand sorgfältig kontrollierter Experimente gründlich geprüft werden», sagt Gaume. Genau diese Experimente führt er an dem realen 3D-Modell durch. Zusätzlich gewinnt er dabei wichtige Erkenntnisse, wie sich Gemische aus Wasser, Eis und mehr bewegen, was passiert, wenn sie auf ein Hindernis prallen, und vieles mehr.
Massenbewegung aus dem Eimer ¶
Das Modell von Blatten ist nur das erste dieser Grösse (siehe Kasten). Dazu haben sie mit Hilfe einer eigens programmierten Software die Geländeform ausgewählt, in kleine Teile zerlegt und Stück für Stück die circa 50 x 50 Zentimeter grossen Geländeteile gedruckt. Dann haben die Forschenden das Modell in einem ehemaligen Militärbunker bei Davos, der heute dem SLF gehört, zusammengesetzt, beschichtet und lackiert. «Das ist wichtig, um die gewünschte Rauheit und die gewünschten optischen Eigenschaften zu erzielen», sagt Hervé Vicari, wissenschaftlicher Mitarbeiter am SLF, der die Idee hatte, ein Modell von Blatten zu drucken. Zahlreiche Kameras, Laser, Sensoren sowie ein 3D-Scanner messen Grössen wie Abflusshöhe, Geschwindigkeit, Auslaufstrecke, Ablagerung und Aufpralldynamik der künstlichen Massenbewegung. Aus was die besteht und in welchem Verhältnis die einzelnen Komponenten vorliegen müssen, berechnen die Forschenden präzise und rühren die Mischung in einem Eimer an. Dann füllen sie die Masse in einen Kasten am oberen Ende des Modells, öffnen eine Klappe und starten so das Ereignis.
Das Modell in Zahlen
- Masse des Strömungskanals:
- Geneigter Abschnitt: 4,5 m x 2 m
- Horizontaler Auslauf: bis zu 6 m Länge
- Masse des gedruckten topografischen Modells: 5,4 m x 4,5 m (max.)
- Oberfläche des Modells: ca. 12 qm
- Anzahl der gedruckten Teile: 56
- Druckzeit: ca. 100 Tage
- Maximale Einleitungsmasse: 1 t
- Derzeitiges Einleitungsvolumen: 48 l
- Wichtigste Messsysteme: Kameras, Laser, 3D-Scanner, Kraftmessplatte, Porendrucksensoren
Zahlreiche Projekte geplant ¶
Künftig können die Forschenden auf dem Unterbau auch andere Regionen und Geländeformen montieren. «Es handelt sich hierbei nicht um ein kurzfristiges Experiment, sondern um eine langfristige Forschungsinvestition», erläutert Gaume. Zahlreiche Projekte sollen hier laufen und unterschiedliche Effekte untersuchen, von der Erosion über den Aufprall auf Hindernisse bis dahin, wie weit die Massen an Gegenhängen hochlaufen. Momentan steht für Gaume ein Prozess im Mittelpunkt: «Derzeit interessieren wir uns besonders für den Einfluss der Geländekrümmung auf die Strömungsdynamik.»
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Finanzierung ¶
Das Forschungszentrum CERC wird vom Kanton Graubünden und der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL getragen und von der ETH Zürich im Rahmen von zwei Joint-Professuren unterstützt.
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