Langersehntes Winter-Comeback mit kritischer Lawinensituation ¶
Endlich kam er, der langersehnte Neuschnee. Vielerorts fiel ein halber bis ein ganzer Meter Schnee, begleitet von starkem bis stürmischem Westwind. Neu- und Triebschnee wurden auf eine schwache Schneedecke abgelagert. Die Folge war eine sehr instabile Schneedecke. Zahlreiche spontane Lawinenauslösungen während der Schneefälle und gefolgt von einem sehr unfallträchtigen sonnigen Sonntag mit über 80 durch Personen ausgelösten Lawinen waren die Folge davon.
Schwache Altschneedecke und ungünstige Schneeoberfläche ¶
Nach einem sehr trockenen Dezember lag Anfang Januar in den meisten Gebieten wesentlich weniger Schnee als im langjährigen Mittel üblich. Besonders ungünstig war der Schneedeckenaufbau im südlichen Wallis, am Alpensüdhang, und in Graubünden. Besonders an West-, Nord- und Osthängen gab es ausgeprägte Schwachschichten in der Schneedecke. Am Alpennordhang und im westlichen und nördlichen Unterwallis war der Schneedeckenaufbau günstiger. Allerdings hatte sich während der sehr kalten Tage Anfang Januar auch in diesen Regionen eine schwache Schicht über oder unter der Regenkruste von Anfang Dezember gebildet. Diese Schneedecke bildete eine denkbar ungünstige Unterlage für den erwarteten Schnee (Abbildung 1).
Schneefall und Sturm ¶
Zwischen Mittwochabend und Sonntagmorgen schneite es am Alpennordhang, im Wallis und in Graubünden, begleitet von starkem bis stürmischem Westwind. Während dieser vier Tage fiel im westlichen Unterwallis, am nördlichen Alpenkamm von der Diablerets bis ins Aletschgebiet, sowie in den Glarner Alpen rund ein Meter Schnee (Abbildung 2). Besonders am Alpennordhang und im Wallis entstanden an Osthängen mächtige, teils recht kompakte Triebschneeablagerungen. Aber auch in den anderen Gebieten des Alpennordhangs, des Wallis, und in Nordbünden fiel verbreitet 50 bis 70 cm Schnee.
Lawinenaktivität und Lawinengefahr ¶
Mit dem Einsetzen des Schneefalls und dem zunehmend stärker werdenden Wind, verschlechterte sich die Lawinensituation rasch. Bereits in der Nacht auf Freitag verzeichneten die automatischen Lawinendetektionssysteme, welche es besonders im Wallis gibt, zahlreiche spontane Lawinen. Diese Lawinen erreichten meist mittlere Grösse (Grösse 2). Mit den zunehmend mächtiger werdenden Neu- und Triebschneeschichten wurden auch die Lawinen immer grösser. Wie gross die Lawinenaktivität während der Schneefälle war, blieb aber weitgehend verborgen. Erst am Sonntag zeigte sich, dass sich vielerorts auch grosse Lawinen (Grösse 3) von selbst gelöst hatten. Einzelne Lawinen wurden sehr gross (Grösse 4 von 5). So löste sich bspw. in der Nacht auf Sonntag die «Gratlawine» zwischen Foggenhorn und Hofathorn (Naters, VS) auf rund 2 km Breite spontan (Abbildung 3).
Bei den Sprengaktionen zur Sicherung der Skigebiete am Sonntag zeigte sich, dass Lawinen immer noch grossflächig ausgelöst werden konnten. Nicht selten waren Lawinen mehrere Hundert Meter breit (Abbildung 4).
Der Sonntag war – abgesehen vom Nordosten – fast überall recht sonnig. Es war der berüchtigte erste schöne Tag nach einer Schneefallperiode, welcher bekanntermassen besonders unfallträchtig ist. Und so war es auch diesmal. Lawinen konnten an vielen Stellen sehr leicht ausgelöst werden. Teils wurden Fernauslösungen über Distanzen von mehreren Hundert Metern beobachtet (Abbildung 5). Im Wallis waren viele dieser Lawinen gross, am Alpennordhang und in Nordbünden meist mittelgross (Abbildungen 6 bis 8). Bis Sonntagabend wurden dem SLF über 80 durch Personen ausgelöste Lawinen gemeldet (Abbildung 8). Oftmals war viel Glück im Spiel, dass niemand von der Lawine erfasst wurde. Bei 10 Lawinen wurden am Wochenende 13 Personen erfasst, 4 Personen wurden ganz verschüttet.
Neben diesen Lawinenauslösungen sprachen aber auch die unzähligen Wummgeräusche und Rissbildungen, welche beim Spuranlegen beobachtet wurden, für die sehr instabile Schneedecke (Abbildung 9).
Rückblickend gesehen war die vorhergesagte Gefahrenstufe 4 (gross) in den meisten Gebieten korrekt. Allerdings waren die Lawinengrössen, obwohl sie doch beachtliche Ausmasse erreichten, etwas kleiner als wir dies in der Prognose vorhergesagt hatten. Einzelne Tallawinen, wie wir sie für Teile des Wallis vorhergesagt hatten, wurden keine gemeldet.
Altschneeproblem: weiterhin vielerorts heikle Lawinenverhältnisse ¶
Aufgrund des vielerorts sehr ungünstigen Schneedeckenaufbaus und den ausgeprägten Schwachschichten im Altschnee, ist davon auszugehen, dass die Lawinensituation vorerst heikel bleibt. Es ist deshalb von den Freeridern und Tourenfahrern viel Geduld und Vorsicht gefordert.
Geländebeobachtungen ans SLF – sehr wertvolles Feedback ! ¶
Am Samstag und Sonntag erhielten wir eindrücklich viele Rückmeldungen von Tourengeher(inne)n und Freeridern. Die Bilder in diesem Blog sind eine kleine Auswahl davon. Diese Meldungen sind, zusammen mit den rund 100 täglichen Meldungen unserer Beobachter, eine zentrale Informationsquelle, um unsere Prognose zu überprüfen: Wie gross werden Lawinen? Wieviel und wie verbreitet gab es Triebschnee? Wo war unsere Prognose zu tief? Wo war sie zu hoch? Wir schauen jede dieser Meldungen an, und – soweit möglich – versuchen wir uns damit für den aktuellen Tag zu eichen, um nicht allfällige Prognosefehler mitzuziehen.
Hast du Beobachtungen zu Triebschnee, Alarmzeichen, und Lawinen gemacht? Bitte schicke sie uns über die SLF-App WhiteRisk. Sehr gern mit Fotos oder Videos, damit wir uns auch im Davoser Büro ein möglichst gutes Bild zu den Daten machen können.
Herzlichen Dank! ¶