Weiterhin ausgeprägte Schwachschichten und viele Lawinen ¶
Seit knapp vier Wochen zeigt sich ein ähnliches Bild: Schon wenig Neuschnee reicht, dass die Lawinenverhältnisse für Schneesport abseits der Pisten wieder kritisch werden. Ursache ist die ausgeprägt schwache Schneedecke. Zahlreiche grossflächige Wummgeräusche sowie viele spontane und durch Personen ausgelöste Lawinen, oft auch Fernauslösungen, bestätigten dies in den letzten Tagen wieder deutlich. Geändert hat sich vor allem der räumliche Schwerpunkt der Meldungen: Dieser lag zuletzt vermehrt am Alpensüdhang und in den südlichen Gebieten Graubündens.
Schneedecke und Lawinenaktivität ¶
Der Aufbau der Schneedecke war besonders in den Gebieten südlich der Flüsse Rhône und Rhein – im südlichen Wallis, im südlichen Gotthardgebiet, im Tessin sowie in grossen Teilen Graubündens – sehr ungünstig. Der in der Vorwoche gefallene Neu- und Triebschnee lag auf der für diesen Winter charakteristischen, dünnen, aber sehr schwachen Schneedecke. Der schwache Teil der Schneedecke war dort meist 40 bis 80 cm tief unter der Schneeoberfläche– günstige Voraussetzungen für Schneebrettlawinen.
Entsprechend häufig waren in diesen Gebieten die Gefahrenstellen, insbesondere am Alpensüdhang und in Graubünden. Die räumliche Verteilung der Lawinenauslösungen bestätigt dieses Bild klar (Abb. 1). Bemerkenswert war die Lawinenaktivität auch im normalerweise nicht oft mit Lawinengefahr assoziierten mittleren Tessin, wie bspw. an den etwas über 2000 m hohen Gipfeln Gazzirola und Monte Segor. Dort hatten sich vermutlich am 28. oder 29.01. unzählige mittlere und teils auch grosse Schneebrettlawinen spontan gelöst (Abb. 2).
Abbildung 3 zeigt die Verteilung der gemeldeten trockenen Lawinen nach Hangexposition und Höhenlage. Der Schwerpunkt lag klar an West-, Nord- und Osthängen, während an Südost- bis Südwest-Hängen vergleichsweise wenige Lawinen gemeldet wurden. Auch Wummgeräusche und Rissbildungen beim Betreten der Schneedecke waren im Tessin und Graubünden an diesen Expositionen besonders häufig (Abb. 4).
Mittlere und grosse Lawinen (Grösse 2 und 3) lösten sich teils spontan (Abbildung 5), oftmals wurden sie aber durch Personen ausgelöst (Abbildung 6). Vergleichsweise nur wenige Lawinenauslösungen wurden am Alpennordhang gemeldet. Lawinen war dort oftmals nur klein, selten erreichten sie mittlere Grösse (Abbildung 7).
Lawinenunfälle ¶
Seit Donnerstag, 29.01. wurden 14 Lawinen mit 16 erfassten Personen gemeldet. In zwei Lawinen kam je eine Person ums Leben (Evolène/VS, Pontresina/GR). Bei 3 Lawinen wurden Suchaktionen durchgeführt, ohne dass Personen in der Lawine verschüttet wurden (Abbildung 8).
Lawinengefahr - War die Prognose korrekt? ¶
Jeden Tag überprüfen wir, wie gut die Prognose für den Vortag gepasst hat. Dafür sind Rückmeldungen besonders wichtig, etwa zu Lawinenauslösungen, Wummgeräuschen und zur räumlichen Verteilung der Gefahrenstellen. Oft ergibt sich ein einigermassen vollständiges Bild erst einige Tage später, wenn genügend Rückmeldungen vorliegen.
Blicken wir als Beispiel auf die Prognose für Donnerstag, 29.01. zurück. Bereits im letzten AvaBlog hatten wir vermutet, dass die Gefahr am Alpensüdhang und im Oberengadin eher zu tief vorhergesagt worden war. Mit den inzwischen zahlreichen Lawinenmeldungen bestätigt sich dieses Bild.
Abbildung 9 vergleicht das Lawinenbulletin (a) mit einer Einschätzung der Lawinenwarner im Nachhinein auf Basis der beobachteten Lawinen und anderer Rückmeldungen (b). Die vielen mittelgrossen und grossen (Grösse 2 und 3) spontanen Lawinen am zentralen und östlichen Alpenhauptkamm, am Alpensüdhang sowie im Oberengadin zeigen, dass es dort verbreitet sehr instabile Schneedeckenverhältnisse gab. Aus heutiger Sicht hätte für den 29.01. in diesen Gebieten eine grosse Lawinengefahr, Stufe 4 ausgegeben werden müssen.
Auch in den darauffolgenden Tagen deuteten Rückmeldungen zu Wummgeräuschen und Lawinenauslösungen darauf hin, dass die Lawinengefahr in der Prognose gebietsweise eher unterschätzt worden war. Treffen entsprechende Rückmeldungen erst nach der Publikation des am Abend erscheinenden Bulletins ein, versuchen wir dies im Update am nächsten Morgen um 8 Uhr zu berücksichtigen. Besonders in dynamischen Situationen lohnt sich daher ein Blick ins aktualisierte Lawinenbulletin auch am Morgen.
Abbildung 9 zeigt (a) das Lawinenbulletin und (b) die Einschätzung im Nachhinein. Gezeigt ist die ausgegebene Zwischenstufe (Farben) und die im Bulletin angegebene Höhenlage (20 = 2000 m, usw.) für jede der Warnregionen, welche dem Bulletin hinterliegen. Die Farben entsprechen nicht den europäisch definierten Gefahrenstufenfarben, da diese – wenn aufgelöst auf Zwischenstufen, kaum unterscheidbar wären. Um den Überblick besser behalten zu können, benutzen die Lawinenwarner intern deshalb eine angepasste Farbskala.