AvaBlog 30. Januar - 2. Februar 2026

Weiterhin ausgeprägte Schwachschichten und viele Lawinen

Seit knapp vier Wochen zeigt sich ein ähnliches Bild: Schon wenig Neuschnee reicht, dass die Lawinenverhältnisse für Schneesport abseits der Pisten wieder kritisch werden. Ursache ist die ausgeprägt schwache Schneedecke. Zahlreiche grossflächige Wummgeräusche sowie viele spontane und durch Personen ausgelöste Lawinen, oft auch Fernauslösungen, bestätigten dies in den letzten Tagen wieder deutlich. Geändert hat sich vor allem der räumliche Schwerpunkt der Meldungen: Dieser lag zuletzt vermehrt am Alpensüdhang und in den südlichen Gebieten Graubündens.

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Immer noch häufig sind Fernauslösungen von Lawinen, wie hier an einem Nordhang auf 2600 m etwas südlich des Mont Gautier (Mont-Noble/VS). Die Zusatzbelastung durch die Gruppe oberhalb führte zum Kollaps der Schwachschicht, welche sich bis in den darunterliegenden Hang ausbreitete (Foto: M. Schupbach, 01.02.2026)
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Gute Entscheidung: Nach dieser Fernauslösung entschied sich der Wintersportler ins Spurenband zurückzukehren. (Foto: M. Inninger, 30.01.2026, Sur al Cant, Bivio, GR)
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Auch diese mittelgrosse Lawine (Grösse 2) am Munt Buffalora in der Nähe des Ofenpasses (GR) wurde vermutlich von den im Hintergrund erkennbaren Spuren fernausgelöst. (Foto: M. Weh, 30.01.2026)
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Auch nahe der gesicherten Skipisten sind Lawinen möglich. Im Skigebiet Parsenn (Davos, GR) löste sich zum Glück nur eine kleine Lawine (Grösse 1) unterhalb der Spuren des Variantenfahrers. (Foto: SLF/J. Borner, 30.01.2026)
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Schaurig Schön: In der Nacht hatte sich diese mehrere hundert Meter breite Lawine spontan am Osthang des I Rodond (S. Bernardino, GR) gelöst. (Foto: Webcam Pan de Zucher, 30.01.2026)
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Die Anrissmächtigkeit betrug bei vielen Lawinen ungefähr 50cm. (Foto: H. Tönz, 30.01.2026, Valser Tal, GR)
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Bei dieser Fernauslösung an einem Osthang auf 2200 m oberhalb der Alp da Stierva (Thusis, GR) pflanzte sich der Riss vom Fotograf bis zum Lawinenabgang aus. (Foto: T. Ott, 30.01.2026)
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Wunderschön, aber auch gefährlich: In einem durchscheinenden Profil (Nähe Jakobshorn, Davos, GR) sieht man sowohl eine frisch eingeschneite Schicht Oberflächenreif (obere fast durchscheinende Schicht), sowie weitere weiche, grobkörnige Schwachschichten weiter unten in der Schneedecke. (Foto: K. Meyer, 01.02.2026)
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Trotz wenig Schneemasse eindrucksvoll: Lockerschneelawinen lösten sich in den Südwänden der Wendenstöcke (Innertkirchen/BE) und bahnen sich den fast senkrechten Weg ins Tal. (Foto: SLF/K. Winkler, 31.01.2026)
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Heikle Situation: Beim queren des Westhanges löste der Skifahrer diese grosse Schneebrettlawine (Grösse 3) am Älplihora (Davos, GR) aus. Glücklicherweise konnte die Person unbeschadet seitlich herausfahren. (Foto: L. Stirnimann, 31.01.2026)
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Wummgeräusche und Setzungen der Schneedecke wurden auch übers Wochenende viele gemeldet. Besserung ist vorerst nicht in Sicht, die Schwachschichten im Altschnee bleiben verbreitet reaktiv. (Foto: C.Monsch, 31.01.2026, St. Antönien, GR)
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An windgeschützten Orten bildete sich auch frischer Oberflächenreif. (Foto: F. Vanza, 01.02.2026, Pischahorn, Davos, GR)
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Ein Wächtenabbruch löste dieses Schneebrett aus, was in der Folge die Aufstiegsspur verschüttete. (Foto: P. Elsener, Gafallenluecke, Andermatt, UR)
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Nahe der bereits vorhandenen Spuren am Mont Gautier (VS), löste diese grosse Schneebrettlawine aus, als immer steilere Geländepartien befahren wurden. (Foto: G. Cheseaux, 01.02.2026)

Schneedecke und Lawinenaktivität

Der Aufbau der Schneedecke war besonders in den Gebieten südlich der Flüsse Rhône und Rhein – im südlichen Wallis, im südlichen Gotthardgebiet, im Tessin sowie in grossen Teilen Graubündens – sehr ungünstig. Der in der Vorwoche gefallene Neu- und Triebschnee lag auf der für diesen Winter charakteristischen, dünnen, aber sehr schwachen Schneedecke. Der schwache Teil der Schneedecke war dort meist 40 bis 80 cm tief unter der Schneeoberfläche– günstige Voraussetzungen für Schneebrettlawinen.

Entsprechend häufig waren in diesen Gebieten die Gefahrenstellen, insbesondere am Alpensüdhang und in Graubünden. Die räumliche Verteilung der Lawinenauslösungen bestätigt dieses Bild klar (Abb. 1). Bemerkenswert war die Lawinenaktivität auch im normalerweise nicht oft mit Lawinengefahr assoziierten mittleren Tessin, wie bspw. an den etwas über 2000 m hohen Gipfeln Gazzirola und Monte Segor. Dort hatten sich vermutlich am 28. oder 29.01.  unzählige mittlere und teils auch grosse Schneebrettlawinen spontan gelöst (Abb. 2).

Abbildung 3 zeigt die Verteilung der gemeldeten trockenen Lawinen nach Hangexposition und Höhenlage. Der Schwerpunkt lag klar an West-, Nord- und Osthängen, während an Südost- bis Südwest-Hängen vergleichsweise wenige Lawinen gemeldet wurden. Auch Wummgeräusche und Rissbildungen beim Betreten der Schneedecke waren im Tessin und Graubünden an diesen Expositionen besonders häufig (Abb. 4).

Mittlere und grosse Lawinen (Grösse 2 und 3) lösten sich teils spontan (Abbildung 5), oftmals wurden sie aber durch Personen ausgelöst (Abbildung 6). Vergleichsweise nur wenige Lawinenauslösungen wurden am Alpennordhang gemeldet. Lawinen war dort oftmals nur klein, selten erreichten sie mittlere Grösse (Abbildung 7).

Lawinenunfälle

Seit Donnerstag, 29.01. wurden 14 Lawinen mit 16 erfassten Personen gemeldet. In zwei Lawinen kam je eine Person ums Leben (Evolène/VS, Pontresina/GR). Bei 3 Lawinen wurden Suchaktionen durchgeführt, ohne dass Personen in der Lawine verschüttet wurden (Abbildung 8). 

Lawinengefahr - War die Prognose korrekt?

Jeden Tag überprüfen wir, wie gut die Prognose für den Vortag gepasst hat. Dafür sind Rückmeldungen besonders wichtig, etwa zu Lawinenauslösungen, Wummgeräuschen und zur räumlichen Verteilung der Gefahrenstellen. Oft ergibt sich ein einigermassen vollständiges Bild erst einige Tage später, wenn genügend Rückmeldungen vorliegen.

Blicken wir als Beispiel auf die Prognose für Donnerstag, 29.01. zurück. Bereits im letzten AvaBlog hatten wir vermutet, dass die Gefahr am Alpensüdhang und im Oberengadin eher zu tief vorhergesagt worden war. Mit den inzwischen zahlreichen Lawinenmeldungen bestätigt sich dieses Bild.

Abbildung 9 vergleicht das Lawinenbulletin (a) mit einer Einschätzung der Lawinenwarner im Nachhinein auf Basis der beobachteten Lawinen und anderer Rückmeldungen (b). Die vielen mittelgrossen und grossen (Grösse 2 und 3) spontanen Lawinen am zentralen und östlichen Alpenhauptkamm, am Alpensüdhang sowie im Oberengadin zeigen, dass es dort verbreitet sehr instabile Schneedeckenverhältnisse gab. Aus heutiger Sicht hätte für den 29.01. in diesen Gebieten eine grosse Lawinengefahr, Stufe 4 ausgegeben werden müssen. 

Auch in den darauffolgenden Tagen deuteten Rückmeldungen zu Wummgeräuschen und Lawinenauslösungen darauf hin, dass die Lawinengefahr in der Prognose gebietsweise eher unterschätzt worden war. Treffen entsprechende Rückmeldungen erst nach der Publikation des am Abend erscheinenden Bulletins ein, versuchen wir dies im Update am nächsten Morgen um 8 Uhr zu berücksichtigen. Besonders in dynamischen Situationen lohnt sich daher ein Blick ins aktualisierte Lawinenbulletin auch am Morgen.
 

Abbildung 9 zeigt (a) das Lawinenbulletin und (b) die Einschätzung im Nachhinein. Gezeigt ist die ausgegebene Zwischenstufe (Farben) und die im Bulletin angegebene Höhenlage (20 = 2000 m, usw.) für jede der Warnregionen, welche dem Bulletin hinterliegen. Die Farben entsprechen nicht den europäisch definierten Gefahrenstufenfarben, da diese – wenn aufgelöst auf Zwischenstufen, kaum unterscheidbar wären. Um den Überblick besser behalten zu können, benutzen die Lawinenwarner intern deshalb eine angepasste Farbskala.

Gefahrenentwicklung

Lawinenbulletins dieser Zeitperiode im Überblick.

 

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