AvaBlog 24. Februar - 6. März 2026

Sechs Wochen erhebliche Lawinengefahr

Will das Altschneeproblem niemals enden? Im Engadin herrschte seit rekordverdächtigen 41 Tagen mindestens «erhebliche» Lawinengefahr (Stufe 3). Es wurden zwar gegen Ende dieser Berichtsperiode nicht mehr so viele Lawinen ausgelöst, aber diese konnten nach wie vor gross werden.

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Im Valsertal, GR, unterhalb des Wissgrätli (2865 m) wurde diese grosse Lawine durch die letzte Person einer Gruppe von neun Skifahrern ausgelöst. Trotz der vorhandenen Spuren der Gruppe reichte es aus, dass diese Person eine der wenigen schwachen Stellen befuhr, um den gesamten Hang auszulösen. Glücklicherweise wurde niemand mitgerissen (Foto: E. Oberson, 26.02.2026).
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Zu Beginn der Periode gab es noch einige Lawinen mit Staubanteil, wie hier auf rund 2900 m am Westhang der Arête de Sorebois (Anniviers, VS) (Foto: V. Bieri, 24.02.2026).
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In Zermatt (VS), am Hohtälli, auf rund 3000 m Höhe, wurde diese trockene Lawine aus der Ferne in einer schwachen Altschneeschicht sehr nahe am Boden ausgelöst. Der im November gefallene Schnee stellt hier auch vier Monate später noch immer eine Gefahr für Wintersportler dar (Foto: D. Redli, 25.02.2026).
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Während sich das trockene Altschneeproblem zu entschärfen scheint, dringt an steilen Sonnenhängen Schmelzwasser unbemerkt in die Schneedecke ein, bis es die schwache Schicht durchnässt und schwächt. Ein typisches Beispiel dafür ist diese spontane Lawine, die am Südosthang des Diablon (3053 m, Anniviers, VS) spontan abging und die vorhandenen Spuren mit einer mächtigen Ablagerung bedeckte (Foto: M. Zaninetti, 27.02.2026).
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Unterhalb der Wyssi Flue (2435m, Diemtigen, BE) lösten sich diese beiden grossen Lawinen wahrscheinlich spontan aufgrund der Wasserinfiltration in die Schneedecke. Sie illustrieren deutlich, dass man sich vom Fuss steiler Hänge fernhalten sollte (Foto: R. Michel, 04.03.2026).
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Diese Lawine am Majinghorn (Ferden, VS) wurde durch einen Wächtenbruch ausgelöst. Sie brach in einer tiefen Schwachschicht am Nordosthang auf 2900 m an und lagerte sich auf dem Oberferdengletscher ab (Foto: B. Jaggy, 28.02.2026).
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Im Schlapintal (Klosters, GR) gingen mehrere spontane Lawinen ab, beispielsweise diese grosse Lawine an einem Osthang auf 2500 m Höhe in der Nähe des Hinterbergs (Foto: K. Kessler, 28.02.2026).
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Direkt unterhalb des Gipfelgrats von La Motte (2575 m, Ayent, VS) riss eine Gleitschneelawine die gesamte Schneedecke mit sich (erkennbar am sichtbaren Boden und am Gleitschneeriss). Weiter unten löste sich durch die Überlast der Gleischneelawine eine nasse Schneebrettlawine, erkennbar an dem Umriss der Lawine und der darunter liegenden glatten Schneeoberfläche (Foto: E. Morard, 04.03.2026).
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Die grossen Mengen an Neuschnee, die Mitte Februar gefallen waren, blieben an steilen Südhängen in mittleren Lagen (wie hier im Hintergrund zu sehen) nicht lange liegen. An den Westhängen hingegen lösten sich teils sehr grosse Nassschneelawinen, hier eine grosse Ablagerung unterhalb des Bonhomme du Tsapi (Bourg-Saint-Pierre, VS) von einer Lawine die am 3. März, auf knapp 2000 m anriss (Foto: M. Dietrich, 04.03.2026).

Wetter

Am Dienstag, 24. Februar fielen in Nordbünden, und von Montag auf Dienstag, 02./03. März im Süden, je 10 bis 15 cm Schnee. Sonst war es frühlingshaft mild mit viel Sonnenschein und einer Nullgradgrenze meist zwischen 2000 und 3000 m (Abb. 1). Dieser AvaBlog beschreibt somit nicht einen spezifischen Lawinenzyklus, sondern das anhaltende Altschneeproblem.

Schneedecke

Vor dieser Avablog-Periode waren vom 8. bis zum 24. Februar im Westen und im Norden verbreitet 2 bis 3 m Neuschnee gefallen, im Süden, im Engadin und im südlichen Mittelbünden mit etwa 1 m bedeutend weniger. Dieser Schnee überlagerte die dünne, aber ausgesprochen schwache Schneedecke von Anfangs Winter. In diesen alten, grobkörnigen Schichten konnten auch am Ende dieser Berichtsperiode immer noch stellenweise Lawinen ausgelöst werden. 

Altschneeproblem

Der ungünstige Schneedeckenaufbau war weit verbreitet, und mit ihm das Altschneeproblem.

Zu Beginn der Berichtsperiode, unmittelbar am Ende der zweiwöchigen Niederschlagsphase (AvaBlog vom 23.02.), gingen vor allem im Westen noch etliche sehr grosse Lawinen spontan ab (Abbildung 2). Begünstigt war dies durch die tageszeitliche Erwärmung nach einer bedeckten Nacht. In den Gebieten mit weniger Neuschnee war die Schneedecke genauso instabil, nur stiessen die Lawinen hier in aller Regel nicht bis in die Täler vor (Abbildung 3).
 

Das Altschneeproblem blieb bestehen, und so gab es schweizweit vom 6. Januar bis zum 6. März keinen einzigen Tag, an dem nicht Wummgeräusche gemeldet worden wären (Abbildung 4). Mit der Zeit nahm die Auslösebereitschaft von Lawinen ab. Spontane Lawinen wurden seltener, so dass Personenauslösungen in den Vordergrund rückten und die Gefahr nach und nach in vielen Gebieten auf Stufe 2 (mässig) zurückgestuft werden konnte. Insbesondere im Westen und im Norden waren die Schwachschichten so massiv überdeckt, dass es kaum noch Stellen gab, wo die Belastung eines Wintersportlers zum Bruch der darunterliegenden Schwachschicht reichte. 

In den Gebieten mit weniger Neuschnee, und insbesondere in den südlichen Teilen Graubündens, war die Überlagerung perfekt zur Auslösung von Lawinen durch Personen, und die Schwachschichten darunter wohl noch etwas schwächer als in den übrigen Gebieten. Dass hier vergleichsweise wenig Schnee lag, verbesserte die Situation nicht wirklich, die Lawinen konnten trotzdem gross werden - oder auch mal sehr gross (Abbildung 5). Typisch für das Altschneeproblem ist, dass es wenige Orte gibt, wo man Lawinen auslösen kann, aber wehe, wenn. Dann breiten sich die Brüche weit aus und die Anrisshöhen sind beträchtlich. Abbildung 6 zeigt das exemplarisch.

Nasse Lawinen

Am Dienstag, 24. Februar fiel im Osten noch etwas Regen bis 2000 m, im Westen folgte nach bedeckter Nacht ein sonniger und warmer Tag. Damit gingen nebst sehr grossen trockenen (Abbildung 2) auch nasse Lawinen ab (Abbildung 7).

In der Folge stieg die Nullgradgrenze zeitweise auf über 3000 m (Abbildung 1). In den sternenklaren Nächten kühlte die Schneedecke trotzdem gut aus und blieb nordseitig kalt und trocken. An Sonnenhängen aber war die Einstrahlung so stark, dass steile Südhänge bis auf etwa 2700 m hinauf bis in tiefe Schichten feucht wurden. 

Bei ihrer ersten Anfeuchtung verlieren grobkörnige Schwachschichten an Festigkeit (Abbildung 8). Meist ist das der Zeitpunkt, an dem im Frühling nasse Schneebrettlawinen spontan abgehen. Interessanterweise wurden ab Freitag, 27. Februar nur noch wenige spontane Nassschneelawinen gemeldet, dafür aber immer wieder Wummgeräusche und auch etliche Personenauslösungen (Abbildung 9). 
 

Personenauslösungen von feuchten Schneebrettlawinen bei noch tragfähiger Schneeoberfläche passen nicht ins gewohnte Bild. Mit den ausgeprägten Schwachschichten muss diesen Frühling aber damit gerechnet werden. Es ist deshalb besonders wichtig, die Touren früh zu beenden. Die erste Anfeuchtung findet nicht überall gleichzeitig statt, sondern ist unter anderem von der Höhe und der Hangrichtung abhängig. Bei schönem Wetter trifft es vor allem die Sonnenhänge. Später im Frühling folgen die Nordhänge, oft bei warmem Wetter mit hoher Luftfeuchtigkeit.

Gleitschneelawinen

Wie üblich, gingen kurz nach den Grossschneefällen viele Gleitschneelawinen ab. Danach hat die Gleitschneeaktivität trotz hoher Lufttemperatur markant abgenommen. Aber weniger heisst nicht keine (Abbildung 10 und Video 1).

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Abb. 10/1: Perfekter Sulz am Speer (Nesslau, SG) …
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Abb. 10/2: … und plötzlich ein Rumpeln. Die Gleitschneelawine hat sekundär beidseitig eine nasse Schneebrettlawine ausgelöst. Vor dem Abgang war ein Gleitschneeriss sichtbar (Fotos: U. Christen, 04.03.2026).

Lawinenunfälle

In dieser Berichtsperiode wurden bei 35 gemeldeten Personenauslösungen insgesamt 7 Personen erfasst und 2 Personen verletzt. Trotz oft grosser Lawinen waren zum Glück keine Todesopfer zu beklagen. 

Dank

Wir bedanken uns bei allen Tourenfahrerinnen und Tourenfahrern, die die Warnungen ernst genommen, sich über so lange Zeit zurückgehalten und ihre Touren auf mässig steiles Gelände beschränkt haben. Ohne diese Zurückhaltung wären wir vermutlich mit den aktuellen Unfallzahlen an einem anderen Ort.

Gefahrenentwicklung

Lawinenbulletins dieser Zeitperiode im Überblick.

 

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