Wochenbericht 26. - 31. März 2021

Frühlingshaftes Wetter, nasse Lawinen

Die Berichtsperiode war dominiert von viel Sonne und nassen Lawinen. Mit ausgesprochen milden Temperaturen schritt die Durchfeuchtung der Schneedecke fort und es gingen zahlreiche nasse Schneebrettlawinen ab. Diese lösten sich meist in einer ausgeprägten Schwachschicht im Bereich der Kruste mit dem Saharastaub von Ende Februar. Nasse Lawinen wurden auch immer wieder von Personen ausgelöst, teilweise sogar bereits am Vormittag trotz tragfähiger Oberfläche.

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In der vergangenen Wochenberichtsperiode erreichten uns etliche Meldungen von Schneebrettlawinen, die häufig im Bereich der Schichten mit Saharastaub anbrachen. Über der Kruste mit dem braunen Saharastaub hatte sich verbreitet eine Schwachschicht gebildet. Nur wenn in dieser Schwachschicht ein flächiger Bruch stattfindet, kann das darüberliegende zusammenhängende Schneebrett in der Folge abgleiten. Zurück bleibt die braun gefärbte Gleitfläche wie bei den beiden Schneebrettern am Poncione di Manìo (2925 m, Bedretto, TI) (Foto: B. Gallera, 28.3.2021).
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Schneebrett am Col de Fénestral (2450 m, Salvan, VS), welches mutmasslich auf Triebschnee zurückzuführen ist (Foto: J.-L. Lugon, 26.3.2021).
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Dieses Schneebrett im Engadin am Piz Muragl (3156 m, Pontresina, GR) zeigt in der Ablagerung ebenfalls Spuren vomSaharastaub (Foto: T. Good, 26.3.2021).
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Die leichte Braunfärbung der abgebildeten Gleitfläche im Val d’Acletta (Disentis/Mustér, GR) stammt vom Saharastaub, der indirekt auch zur Entstehung der Schwachschicht in diesem Bereich geführt haben könnte (Foto: Bildautor unbekannt, 26.3.2021).
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Nasse Schneebrettlawine am La Motte (2755 m, Ayent, VS). In der Schwachschicht kommt erneut der Saharastaub zum Vorschein (Foto: P. Darbellay, 30.3.2021).
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Ebenfalls häufig zu beobachten sind dieser Tage Lockerschneelawinen, wie hier am Mattstogg (1934 m, Amden, SG) (Foto: R. Grischott, 30.3.2021).
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Dieses Mal Glück gehabt: Vor gut zwei Monaten löste sich ein Schneebrett weiter links und verschüttete die Grüenihornhütte in Davos (GR) (siehe Wochenbericht vom 15. – 21. Januar 2021). Dieses Mal blieb die Hütte knapp verschont. Auch hier sind Spuren des Saharastaubes sichtbar (Foto: SOS Jakobshorn Davos, 28.3.2021).
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Vielerorts prägen Windformen die Schneeoberfläche, wie hier am Fluchthorn (3794 m, Saas-Almagell, VS) (Foto: F. Vanza, 28.3.2021).
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Augenweide im Gebiet Les Grandes des Otanes (2679 m, Trient, VS): Blick Richtung Pointe des Grands (3100 m, Trient, VS) in der Bildmitte. Dahinter links der Glacier des Grands mit den Aiguilles du Tour (3540 m, Trient, VS) am Horizont (Foto: J.-L. Lugon, 29.3.2021).
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Schöne Aussichten auch vom Steinlimi Richtung Steinlimigletscher und Tierbergli mit der gleichnamigen SAC Hütte auf dem Felsvorprung in der Bildmitte. Links ist der Bockberg (2633 m, Innertkirchen, BE) und rechts das Gwächtenhorn (3404 m, Göschenen, UR) zu sehen (Foto: P. Diener, 29.3.2021).

Wetter

Sonne pur und milde Temperaturen wurden in dieser Wochenberichtsperiode nur von einer kurzen Störung am Samstag, 27. März unterbrochen. An den übrigen Tagen war es in den Bergen sonnig und mild. Zu Beginn der Periode lag die Nullgradgrenze (Abb. 1) um 2000 m. Am Sonntag, 28. März stieg sie an und lag seit Montag, 29. März oberhalb von 3000 m. Der Wind blies meist schwach bis mässig aus westlichen Richtungen.

In der Nacht auf Samstag, 27. März fiel verbreitet etwas Schnee. Die Schneefallgrenze lag im Süden bei 1600 m, im Norden sank sie von 1800 auf 1200 m. Insgesamt fielen bis Samstagmittag im Westen 10 bis 20 cm sonst verbreitet 5 bis 10 cm. Tagsüber wurde es im Westen in der Höhe rasch sonnig, sonst blieb es meist bewölkt. Während dem Schneefall blies der Wind mässig bis stark aus Süd bis West.

Schneedecke und Lawinen

Mit den milden Temperaturen schritt die Durchfeuchtung der Schneedecke weiter fort (Abb. 2). Südhänge wurden bis ins Hochgebirge durchfeuchtet. An Osthängen war die Schneedecke am Ende der Berichtsperiode bis auf 2000 m (pinke Linie), an Westhängen bis auf 2500 m (dunkelviolette Linie) durchfeuchtet. Nordhänge blieben vorerst noch grösstenteils trocken; lediglich in mittleren Lagen begann die das Wasser auch dort langsam in die Schneedecke einzudringen. Mit dem Eindringen der Wärme in die Schneedecke, wurden Schwachschichten innerhalb der Schneedecke angefeuchtet und geschwächt. Dies führte in dieser Berichtsperiode zu zahlreichen Lawinen – spontane und durch Personen ausgelöste.

Die Lawinen brachen in den meisten Fällen in Schwachschichten rund um die Schicht mit dem Saharastaub an (Abb. 3). Der Saharastaub selber war in einer bräunlich-orange gefärbten Kruste enthalten, welche nach Lawinenabgängen häufig zum Vorschein kam. Dies führte dazu, dass immer wieder von Lawinenauslösungen im Saharastaub berichtet wurde. Das ist aber nicht ganz korrekt. Die Kruste selber ist nämlich nicht die Schwachschicht. Rund um Krusten bilden sich aber bevorzugt schwache Schichten, die dann zu Lawinenauslösungen führen können. Mehr zum Einfluss vom Saharastaub auf die Bildung von Schwachschichten kann hier nachgelesen werden.

Die Schwachschichten um die Saharaschicht sind im Schneeprofil in Abb. 4 gut zu sehen. Auf knapp 170 cm über Boden befindet sich die Kruste mit dem Saharastaub, darunter und darüber weiche Schichten mit kantigen Körnern. Der Stabilitätstest ist analog zu vielen Lawinen in der Schwachschicht oberhalb der Kruste gebrochen.

Lawinen, die in diesen Schichten abgingen waren meist feucht, sehr vereinzelt wurden an steilen Nordhängen auch noch trockene Lawinen ausgelöst. Speziell an dieser Berichtsperiode ist, dass auch nasse Lawinen immer wieder von Personen ausgelöst wurden, dies teilweise bereits am Vormittag trotz tragfähiger Kruste. Nasse Lawinen gehen meist spontan ab. Auch Lawinenauslösungen unterhalb einer tragfähigen Kruste sind sehr selten. Dass beide Phänomene in dieser Berichtsperiode vermehrt beobachtet wurden, lag wohl daran, dass die Schwachschicht sehr ausgeprägt war und durch die Anfeuchtung ausgesprochen störanfällig war. Ähnliches wurde bereits Ende Februar zu beobachten, als während einer längeren milden Periode an Südhängen immer wieder feuchte Lawinen ausgelöst wurden – damals aber im bodennahen schwachen Altschnee.

Dass die Schwachschicht in Graubünden teilweise flächig vorhanden war, sieht man im Video in Abb. 5. Am Schafgrind (Davos, GR) gingen auf engem Raum vermutlich am Dienstag, 30.03. zahlreiche mittlere bis grosse Lawinen ab. Auch hier sieht man zum Teil die bräunliche Färbung im Anriss. Ein Profil (Abb. 6), welches an einem der Anrisse gemacht wurde, enthält erwartungsgemäss eine ausgeprägte Schwachschicht oberhalb der Kruste mit dem Saharastaub.

Abb. 5: Blick auf die Südflanke vom Schafgrind (2637m, Davos, GR) am Mittwochmorgen, 31.03. mit zahlreichen Lawinenabgängen. Die Lawinen gingen vermutlich am Dienstag, 30.03. ab.

Die grössten während der Periode beobachteten Lawinen ging am Dienstag, 30.03. am SLF Testgelände im Vallée de la Sionne ab und wurden sehr gross. Eine erste Lawine ging gegen Mittag ab, eine zweite gegen 15 Uhr. Ob es sich bei der Schwachschicht um die Schicht oberhalb der Kruste mit dem Saharastaub handelte oder um eine andere Schwachschicht ist nicht bekannt. Sicher ist aber, die Schwachschicht, in welcher die Lawine brach, war sehr flächig vorhanden, so dass die Lawinen solch grosse Ausmassen erreichen konnten.

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Abb. 7a: Das Testgelände des SLF im Vallée de la Sionne (Arbaz, VS) am Dienstag, 30.03. gegen 11 Uhr morgens vor den Lawinenabgängen. Im rechten unteren Teil des Bildes steht der Mast mit den zahlreichen Messgeräten des SLF.
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Abb. 7b: Foto nach dem Abgang der ersten sehr grossen Lawine gegen Mittag. Die dunkelblaue Linie zeigt den ungefähren Umriss der Lawine. In hellblau sind noch zwei weitere Lawinenabgänge, die sich bereits vorher ereignet hatten, eingezeichnet.
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Abb. 7c: Foto nach dem zweiten Lawinenabgang gegen 15 Uhr. Die dunkelblaue Linie zeigt den Umriss dieser sehr grossen Lawine.

Lawinengefahr

Die Gefahr von trockenen Lawinen nahm langsam ab. Vor allem in den inneralpinen Gebieten blieb die Gefahr an hoch gelegenen Nordhängen bis zum Ende der Berichtsperiode mässig (Stufe 2).
Die Gefahr von nassen Lawinen stieg an Sonnenhängen jeweils im Tagesverlauf an. Deshalb wurde, mit Ausnahme vom eher bewölkten Samstag, 27.03., jeweils eine Doppelkarte publiziert, welche die Gefahr am Morgen und am Nachmittag darstellten. Ab Montag, 29.03. wurde bis zum Ende der Berichtsperiode am Nachmittag vor erheblicher Gefahr von nassen Lawinen gewarnt. Die grösser werdenden roten Balken im Lawinenaktivitätsindex (Abb. 8) lassen den Rückschluss zu, dass der tageszeitliche Anstieg auf erheblich (Stufe 3) ab Montag gerechtfertigt war.

Wegen der stabilen Wetterverhältnisse wurde ab Sonntag, 28.03. nur noch einmal täglich um 17 Uhr ein Lawinenbulletin erstellt. Wenn das Wetter und die Lawinensituation wieder dynamischer werden, wird bei Bedarf wieder zusätzlich ein Morgenbulletin morgens um 8 Uhr publiziert.

Lawinenunfälle

In dieser Berichtsperiode wurden dem Lawinenwarndienst 11 Lawinenunfälle mit 15 beteiligten Personen gemeldet. Glücklicherweise gingen alle Unfälle mehr oder weniger glimpflich aus. Dabei war teilweise grosses Glück mit im Spiel. So konnte sich die Person, die durch die Lawine in Abb. 9 mitgerissen wurde an den Felsen festhalten und somit einen Absturz vermeiden. Dieses Beispiel zeigt eindrücklich, dass man bei der Entscheidung ob ein Hang begangen oder befahren werden soll, immer sowohl das Gelände oberhalb wie auch unterhalb der Spur beachten sollte um Gefahr und Konsequenz eines Lawinenabganges richtig abzuschätzen.

Winterrückblick

Am Mittwoch, 31.03. wurde der vorläufige Winterrückblick mit Stichdatum 30.03. publiziert. Wer sich fragt ob dieser Winter schneereicher war als andere, wie häufig eigentlich welche Gefahrenstufe verwendet wurde und ob es tatsächlich mehr Lawinenunfälle gab als üblich kann dies und vieles mehr hier nachlesen.

 

Gefahrenentwicklung

Lawinenbulletins dieser Zeitperiode im Überblick.

 

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