Wochenbericht 16. - 23. Dezember 2020

Gefährliches Altschneeproblem an hoch gelegenen Nordhängen

Nach der neuschneereichen letzten Berichtsperiode stellte sich wieder weitgehend trockenes Wetter ein. Nur zu Beginn und am Ende des Wochenbericht-Zeitraums fielen einige Zentimeter Schnee. Der schwache Schneedeckenaufbau blieb erhalten. Auch diese Woche kam es zu spontanen und durch Personen ausgelösten Lawinen, welche in tieferen Schichten anbrachen.

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In weiten Teilen des Schweizer Alpenraums waren Schwachschichten in der Schneedecke vorhanden. Diese konnten zu Schneebrettlawinen führen, wie auf diesem Bild an der Pointe de Vatseret (2810 m, Icogne, VS) (Foto: V. Bettler, 17.12.2020).
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Auch am Piz Salatschina (2825 m, Bregaglia, GR) waren diese Schichten schwach - so schwach, dass diese eindrückliche Schneebrettlawine spontan abging (Foto: S. Estermann, 17.12.2020).
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Diese Schneebrettlawine am Mont Gelé (3023 m, Riddes, VS) riss stellenweise tiefere Schichten der Schneedecke mit. Dies ist ein deutliches Anzeichen für das Vorhandensein eines Altschneeproblems in diesem Gebiet (Foto: A. Michellod, 22.12.2020).
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Die Wellenmuster an der Schneeoberfläche im Gebiet Mattmark (Saas-Almagell, VS) sind typische Anzeichen für die Windverfrachtung und weisen damit auf Triebschnee im Gebiet hin (Foto: G. Voide, 17.12.2020).
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Einige Lockerschneelawinen waren neben Schneebrettlawinen ebenfalls zu beobachten, wie hier in Zermatt (VS) (Foto: V. Perren, 18.12.2020).
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Auch in den tieferen Lagen kann der Schnee in Richtung Tal rollen – hier für einmal nicht als Lawine, sondern in schneckenartiger Form (Goms, VS) (Foto: R. Imsand, 16.12.2020).
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Dass Schnee ein sehr formbares und plastisches Material sein kann, beweist dieses Foto aus Airolo (TI) in der oberen Leventina. Bei sehr langsamer Verformung verhält sich Schnee wie eine zähe Flüssigkeit. Dank der Kriecheigenschaft entstehen solche Strukturen, ohne dass der Schnee dabei bricht (Foto: A. Stella, 20.12.2020).
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Anfangs Weihnachtswoche regnete es im Wallis bis in hohe Lagen. Nach einer klaren Nacht war die Schneeoberfläche mit einer glänzenden dünnen Kruste überzogen (Crans-Montana, VS) (Foto: V. Bettler, 22.12.2020).
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Auch in den Bündner Bergen glänzte die Schneeoberfläche: Aufgrund der klaren Nächte bildete sich stellenweise ein glitzernder Oberflächenreif (Davos, GR). Dieser wurde mit dem Schneefall vom 22. Dezember gebietsweise eingeschneit. Die so entstandene Schwachschicht kann auch nach weiteren Schneefällen relevant für die Lawinenbildung sein (Foto: SLF/A. Beilstein, 19.12.2020).
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Fussspur eines Schneehuhns mit Abdrücken der Flügelschläge links und rechts der Spur (Stoos, Morschach, SZ). Schneehühner sind wegen dem knappen Nahrungsangebot im Winter gezwungen, Energie zu sparen. Eine Störung kann für sie grosse Folgen haben. Umso wichtiger ist die Rücksichtnahme und Einhaltung der Wildschutzgebiete durch Schneesportler (Foto links: M. Marty 18.12.2020, Foto rechts: Vogelwarte Sempach, ©Jari Peltomäki).

Wetter

Das Wetter war geprägt durch einen Mix von Sonne und Wolken und wenig Niederschlag. Die Nullgradgrenze pendelte zwischen 1800 und 2800 m (Abbildung 1). Der Anstieg der Nullgradgrenze in der Nacht auf den 22. Dezember führte gebietsweise zu Regen bis auf 2300 m.

Mittwoch, 16.12.: Lokal etwas Neuschnee

In der Nacht auf Mittwoch fielen im Jura 5 bis 10 mm Regen, in den Alpen oberhalb von rund 1500 m lokal wenig Neuschnee. Nachdem sich die Wolken am Morgen auch im Osten rasch aufgelöst hatten, war es verbreitet sonnig.

Donnerstag, 17. bis Sonntag, 20.12.: Viel Sonnenschein

Abgesehen von einigen Wolkenfeldern war es recht sonnig. Die Nullgradgrenze sank stufenweise von 2500 m auf knapp 2000 m. Der Wind blies meist schwach bis mässig aus südlichen Richtungen.

Montag und Dienstag, 21./22.12: Warmfront bringt etwas Niederschlag

Eine Warmfront aus Westen leitete einen Wetterumschwung ein. Am Sonntagabend fiel bereits etwas Niederschlag, am Montag war es tagsüber bewölkt. In der Nacht auf Dienstag fiel im Norden verbreitet Niederschlag, im Süden blieb es trocken. Die Schneefallgrenze lag zwischen 2200 und 2500 m.
Oberhalb von rund 2500 m fielen bis am Dienstagmorgen folgende Schneemengen :

  • Alpennordhang, Wallis und nördliches Prättigau: 10 bis 20 cm, in den Berner Alpen bis 30 cm
  • sonst wenige Zentimeter
  • im Süden trocken

Am Dienstag floss hinter der Warmfront milde und mässig feuchte Luft in den Alpenraum. Dies führte zu einem raschen Temperaturanstieg, wie z.B. in Abbildung 2 an der Station Alp Piänetsch (Hinterrhein, GR).

Die Schneeoberfläche kann sich bis maximal 0 °C erwärmen. Bei noch mehr Wärme schmilzt der Schnee. Dann wird sie feucht, bleibt aber bei 0 °C. Um zu wissen, ob dies tatsächlich geschah, muss die gesamte Energiebilanz berechnet werden. Im vorliegenden Fall wurde die Anfeuchtung auch vielerorts von den Beobachtern gemeldet (Abbildung 3).

Mittwoch, 23.12.: Viel Wolken, etwas Sonne

In der nur teils klaren Nacht auf Mittwoch bildete sich gebietsweise eine brüchige Kruste an der Oberfläche. Tagsüber war es meist bewölkt.

Schneedecke und Lawinensituation

Auch in dieser Berichtsperiode blieb das markante Altschneeproblem bestehen, das bereits im vorangehenden Wochenbericht  beschrieben wurde. In weiten Teilen des Schweizer Alpenraums waren tiefer in der Schneedecke schwach verfestigte Altschneeschichten vorhanden. In diesen Schichten brachen Lawinen spontan an (Abbildung 4) oder wurden von Personen ausgelöst (Abbildung 5).

Abbildung 6 zeigt die bestätigten Altschneelawinen und markante Gefahrenzeichen (wie z.B. grossflächige Wumms) während dieser Berichtsperiode. Erfolgt ein Bruch in der Schneedecke, setzt sich die Schneedecke. Dieses Absacken wird oftmals mit einem Wumm-Geräusch wahrgenommen. Im Flachen bleibt die Schneedecke nach dem Bruch liegen, bei einer Steilheit ab 30° kann sie als Lawine niedergehen. Ein Wumm- Geräusch besagt also, dass die Schneedecke eine Schwachschicht enthält und diese durch unser drauftreten grossflächig gebrochen ist. Es sollte als Warnzeichen zur Vorsicht mahnen.

In Abbildung 6 wird deutlich, dass sich das Altschneeproblem nicht auf die inneralpinen Gebiete beschränkt. Vielmehr betraf es den zentralen und östlichen Alpennordhang oberhalb von rund 1800 m, sowie das Wallis und Graubünden oberhalb von rund 2000 bis 2400 m. Es liess sich zudem auf Schattenhänge (Expositionen West-Nord-Ost) eingrenzen. An Südhängen und aus den schneereichen Gebieten des Alpensüdhanges war der Schneedeckenaufbau günstiger; von dort wurden keine Altschneebrüche gemeldet.

Auch in Schneeprofilen und Stabilitätstests wurden ausgeprägte Schwachschichten beobachtet und damit das Altschneeproblem bestätigt, wobei die Schwachschichten meist nicht bodennah, sondern im Mittelteil der Schneedecke lagen. Oft handelte es sich dabei um die inzwischen eingeschneite Schneeoberfläche vom November. In Abbildung 7 (links) wurde eine markante Schwachschicht in rund 50 cm Höhe festgestellt. Mit dem Rutschblock brach diese und das Schneebrett glitt ab (Abbildung 7, rechts). Rezept für ein Altschneeproblem: siehe letzter Wochenbericht.

Im Lawinenbulletin wurde über die ganze Berichtsperiode vor Altschnee gewarnt. Im Osten blieb die Gefahrenstufe gebietsweise bis am Samstag, 19.12., im Westen bis zum Berichtsende am Mittwoch, 23.12. auf Stufe 3. Aber auch in den meisten anderen Gebieten wurde mit dem Gefahrenbeschrieb «Tiefer in der Schneedecke sind vor allem an Schattenhängen ausgeprägte Schwachschichten vorhanden. Lawinen können von einzelnen Wintersportlern ausgelöst werden und gefährlich gross werden.» vor dem Altschnee gewarnt - einfach bei Stufe 2. Einzig im schneereichen Süden stellten die gut überdeckten Schwachschichten im Altschnee kein ernsthaftes Problem mehr dar.

Mit dem Wetterumschwung zum 22.12. hin, stieg die Lawinengefahr besonders im Westen wieder an. Mit starkem Westwind entstanden leicht auslösbare Triebschneeansammlungen. Mit der hohen Schneefallgrenze führte der Regen zu einer Zunahme der Gleitschneeaktivität in mittleren Lagen.

Problematik Altschnee

Das Altschneeproblem ist problematisch: Es ist oft schwer zu erkennen, selbst für Geübte. Zeichen für Instabilität (z.B. Wummgeräusche) sind nicht zwingend vorhanden. Die Schwachschicht ist meist weit verbreitet, im Gegensatz zum Triebschnee, der meist lokal eingegrenzt werden kann. Eine Auslösung kann sich über mehrere 100 m ausbreiten und grosse Teile der Schneedecke mitreissen. Und grosse Lawinen sind noch gefährlicher als kleinere. Dann bieten auch gängige Vorsichtsmassnahmen, wie einen Hang mit Abstand befahren, oft nicht mehr den gewünschten Schutz. Siehe dazu auch den Artikel „Fürchtet den Altschnee “.
Der beste Umgang mit dem Altschneeproblem ist damit defensives Verhalten und Geduld. Viel Geduld, denn das Altschneeproblem kann uns noch wochenlang begleiten.

Lawinenunfälle

Vom 16. bis zum 23.12. wurden 5 Lawinenunfälle gemeldet. Eine Person verlor dabei ihr Leben.

 


Der nächste Wochenbericht erscheint am Donnerstag, 31. Dezember.

 

Gefahrenentwicklung

Lawinenbulletins dieser Zeitperiode im Überblick.

 

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