Vom Winde verweht: SLF misst einzelne Schneeflocken

Schnee, Wind und Lawinen: Das SLF misst mit einer besonderen Messstation bei Davos einzelne Schneeflocken und wie der Wind sie verfrachtet. Die Ergebnisse verbessern Lawinenprognosen und Schneemodelle und helfen, Photovoltaikanlagen im Hochgebirge zu planen.

  • Wie Wind den Schnee formt: Eine einzigartige Messstation bei Davos zeigt, wie der Wind Schnee verfrachtet und die Schneedecke verändert. 
  • Wenn Schneeflocken hörbar werden: Forschende messen einzelne Schneeflocken mit Mikrofonen und Lasern.
  • Von Davos in die Welt: Die Messdaten fliessen in Computermodelle und stehen weltweit zur Verfügung – für den Lawinenwarndienst, die Forschung und die Planung von Solaranlagen im Gebirge.

«Wir messen hier bei Tschuggen im Winter einzelne Schneeflocken», sagt Michael Lehning, Leiter der Forschungsgruppe Schneeprozesse am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF und Professor für Kryosphärenwissenschaften an der EPFL. Lehning steht etwas oberhalb des Gasthauses zum Tschuggen bei Davos. Keine hundert Meter entfernt verläuft die Strasse zum Flüelapass. Genau hier hat die Elektronikwerkstatt des SLF seine Messstation errichtet. Diese sammelt unter anderem Daten, wie der Wind den Schnee umverteilt – verfrachtet – und eine strukturierte Schneeoberfläche schafft. Die Daten fliessen in Computermodelle ein, welche die Erkenntnisse von diesem auf andere Standorte in den Alpen ohne zahlreiche aufwändige Detailmessungen übertragen. Solche Modellsimulationen haben viele Zielgruppen, vom Lawinenwarndienst bis hin zu Planungsbüros für Photovoltaikanlagen im hochalpinen Gelände.

Schneeflocken erzeugen Töne

Die grosse Herausforderung war, einen geeigneten Standort für die Messstation zu finden, erklärt Lehning: «Der Wind benötigt eine gewisse Fläche, quasi als Anlaufzone, in der er mit dem Schnee, mit den Schneepartikeln in der Atmosphäre ins Gleichgewicht kommt.» Bei Tschuggen ist er fündig geworden. Das Gelände ist flach, aber links und rechts von Berghängen eingerahmt. «Hier zieht oft der Wind durch», weiss der Forscher. Zwölf Sensoren hängen an der Messstation, erfassen Werte wie Windgeschwindigkeit, Temperatur, einfallendes und am Boden reflektiertes Sonnenlicht und vieles mehr. So weit ist es eine herkömmliche Anlage für Wetterdaten. Das Besondere ist der Teilchenzähler. Im Grunde genommen handelt es sich dabei um ein Rohr mit einem Mikrofon. «Immer wenn Schneeflocken auf dieses Rohr treffen, erzeugen sie im Innern einen leisen Ton, und den kann man analysieren und so die Menge an Schnee, die verfrachtet wird, genau bestimmen kann», erläutert Lehning. Ebenfalls kein Standard ist ein Laserscanner. Dieser tastet mit seinem Lichtstrahl die Oberfläche der Schneedecke ab. So erkennt er beispielsweise Sastrugi, stromlinienförmige Erhebungen oder Rillen, die der Wind aus der Schneeoberfläche herausgefräst hat. «Die Kombination dieser Daten ist für uns extrem interessant, weil wir daraus erkennen, wie und wieviel Energie und Masse zwischen Schneeoberfläche und Atmosphäre ausgetauscht werden», sagt Lehning.

Zwilling in Zentralasien

Damit die Station hier, abseits von elektrischer Infrastruktur, auch funktioniert, liefern grosse Photovoltaikmodule Strom. Überschüsse speichert die Anlage in einer Batterie. «So versorgt sich die Anlage auch im Winter mit Strom», erklärt Lehning. Die Daten gehen per Funk direkt auf Server im SLF. «Dort laufen auch die Werte von einer Zwillingsstation in Tadschikistan ein», sagt Lehning. Nach einer Qualitätskontrolle stehen sie dann Forschenden und Interessierten rund um den Globus zur Verfügung.

Dieser Artikel erschien zuerst am 25. August 2026 in der Davoser Zeitung.

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