Naturereignisse wie Stürme, Waldbrände und Insekten bauen Europas Wälder um

Stürme, Borkenkäfer, Dürre und Waldbrände reissen Lücken in Europas Wälder. Sie bieten aber auch die Chance, den Wald an den Klimawandel anzupassen. Darüber diskutierten Fachleute aus Forschung und Praxis an der Tagung Forum für Wissen an der WSL.

Geknickte Stämme, kahle Kronen und verkohlte Stümpfe sind für Waldenthusiasten kein schöner Anblick. Aber Naturgewalten wie Stürme, Feuer oder Massenvermehrungen von Insekten öffnen Lücken im Wald, in denen neue Vielfalt aufkommen kann, und sind Teil der natürlichen Erneuerungsprozesse von Wäldern. Für all jene, die unsere Wälder bewirtschaften und deren Dienste für den Menschen wie den Schutz von Siedlungen und Verkehrswegen vor Naturgefahren garantieren müssen, sind extreme Naturereignisse eine wachsende Herausforderung.

Seit den 1980er Jahren nimmt die Menge an geschädigten Bäumen und Waldbeständen infolge von Witterungsextremen – Forstfachleute sprechen von Störungen – deutlich zu. Für das Ausmass der Schäden ist der Mensch mitverantwortlich: Im Tiefland sind die einst als Nutzholz angepflanzten Nadelbäume heute schlecht an zunehmende Wärme und häufigere Trockenheit angepasst. Auch der steigende Holzvorrat durch Nutzungsaufgabe an schwer zugänglichen Orten erhöht die Schäden. Im aktuellen Klimawandel werden Extreme wie Dürre, Hitze und Spätfrost zum neuen «Normal».

Stürme und Borkenkäfer

Ein guter Zeitpunkt also für ein Forum für Wissen, der Tagungsreihe der WSL, zu diesem Thema. Fachleute aus Forschung, Waldwirtschaft und Politik diskutierten, was sich aus vergangenen Störungen lernen lässt und wie die Wälder für die Zukunft gerüstet werden können. Die Erfahrungen Südtirols mit einer Serie von Extremereignissen teilte Camilla Wellstein von der Universität Bozen. Dort hinterliess die Sturmnacht Vaia vom 29. Oktober 2018 schwere Windwurfschäden, gefolgt von mehreren Fällen von Nassschnee, der viele Bäume brach, und anschliessender Borkenkäfer-Plage. Wellstein betonte die Vorteile von standortangepassten Baumarten und Nachteile der hohen Wildbestände Südtirol, welche die Wiederbewaldung oft verhindern.

Ähnliche Bilder dürften auch in der Schweiz vermehrt zu erwarten sein, betonte Thomas Wohlgemuth, der sich seit Jahrzehnten mit der Störungsökologie des Waldes beschäftigt. Er und seine Kollegen haben die Schadensmengen nördlich der Alpen seit 1900 anhand von historischen Aufzeichnungen und Schadensmeldungen zusammengetragen. Diesen Zeitraum teilten sie in 41-Jahr-Perioden auf. Im Vergleich zur Periode von 1900 bis 1940 betrug die Schadholzmenge von 1982 bis 2022 mehr als das Zehnfache. Die hauptsächlichen Verursacher waren Winterstürme wie Vivian (1990) und Lothar (1999) sowie Borkenkäferbefall von Fichten, dazu kam das Eschensterben in den letzten Jahren. In Schweizer Wäldern ist die Holzmenge heute höher als früher, da weniger genutzt wird, und entsprechend anfälliger auf Störungen.

Jungbäume von Huftieren gefressen

Südlich der Alpen sind die Herausforderungen noch vielfältiger, zeigte Marco Conedera von der WSL-Aussenstelle in Cadenazzo auf. Winterfröste werden seltener, Sommerdürren nehmen zu, wärmeliebende, invasive Exoten breiten sich aus. «Die Wälder der Südschweiz sind ein Freilandlabor und eine Frühwarnregion, was die Auswirkungen des Klimawandels betrifft», sagte Conedera. Weil beispielsweise viele Kastanienniederwälder nicht mehr bewirtschaftet werden, sind diese schnell überaltert und drohen ihre Schutzfunktion zu verlieren. Sie bieten auch mehr Zündstoff für Waldbrände, die jedoch dank besserer Prävention nicht häufiger wurden.

In Bergwäldern stellen Stürme oder Borkenkäferschäden den Schutz vor Naturgefahren wie Lawinen oder Steinschlag zunehmend in Frage. Peter Bebi fasste zwei kürzlich am SLF durchgeführte Doktorarbeiten zusammen, welche bestätigen, dass auch stehendes und liegendes Totholz wie Wurzelteller und windversehrte Bäume in vielen Fällen sehr gut vor Lawinen und Steinschlag schützt. Durchmischte Wälder in punkto Alter und Baumarten sind für eine rasche Wiederbewaldung und eine bestmögliche Anpassung an das Klima von grosser Bedeutung.

Dem stehen vielerorts sowohl auf der Alpensüdseite als auch in Gebirgswäldern mit Schutzfunktion zu hohe Huftierbestände entgegen, die solche Bäume und allgemein die Naturverjüngung nicht aufkommen lassen.

Vorbeugen statt Aufräumen

Wie kann der Staat zukunftsfähige Waldbaupraktiken fördern? Das Waldmanagement sollte vermehrt auf vorbeugende Massnahmen setzen, statt erst nach Störungen zu handeln, betonten die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Tobias Schulz und Dominik Braunschweiger von der WSL. Vielfältige Wälder sind widerstandsfähiger, und wenn schon Jungbäume – idealerweise von klimafitten Baumarten – da sind, kann nach Störungen schneller wieder ein robuster Wald nachwachsen. Einen Trend zu dieser Art Waldpflege fanden die beiden im Rahmen einer Umfrage in den Kantonen Bern und Aargau. Die befragten Fachleute würden staatliche Fördermassnahmen mehrheitlich für Klimaanpassung und Naturverjüngung einsetzen statt für Schadenmanagement nach einem Störungsereignis.

Der Bund setzt die Leitplanken für die nötigen Massnahmen, um zukunftsfähige Wälder zu fördern, erläuterte Stefan Beyeler vom Bundesamt für Umwelt BAFU. Statt jeglichen Schaden abzuwenden zu versuchen, müsse das Ziel ein Optimum zwischen Sicherheitsniveau und finanzieller Tragbarkeit sein, was dem Ansatz des integralen Risikomanagements entspricht. Der Bund plant derzeit eine «Integrale Wald- und Holz-Strategie 2050», die den Umgang mit Waldschäden erleichtern soll.

Das Forum für Wissen 2023 macht deutlich, dass es in Zukunft noch wichtiger werden wird, die Prioritäten in der Bewirtschaftung von Wäldern richtig zu setzen. Ein Schlüssel, um Waldfunktionen und -leistungen langfristig zu erhalten, ist die Förderung Arten- und Strukturvielfalt sowie der Verjüngung ausserhalb von Naturwaldgebieten. Auf diese Weise können Wälder nicht nur resistenter, sondern auch resilienter gestaltet werden – sich also nach Störungen rascher erholen. «Störungen bieten hierbei auch eine Chance für den nötigen Umbau der Wälder im Rahmen des Klimawandel», fasste es Rupert Seidl von der Technischen Universität München, zusammen.

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