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Der praktische Forscher

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Der ETH-Rat hat Jürg Schweizer zum Titularprofessor an der ETH Zürich ernannt. Dem SLF-Leiter und WSL-Direktionsmitglied ist anwendungsorientierte Forschung besonders wichtig.

 

Jürg Schweizer war schon immer breit interessiert. So entschied er sich für das Studium der Umweltphysik. Dort wurde neben Physik auch Chemie gelehrt, so dass er sich nicht auf eines der beiden Fächer beschränken musste. Einen eigentlichen Berufswunsch hatte der gebürtige Thurgauer zunächst nicht. Klar war aber, dass sein zukünftiger Beruf mit Physik, wenn möglich auch mit Bergsteigen, Schnee und bestenfalls auch Skifahren zu tun haben sollte. Die Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter am SLF auf dem Weissfluhjoch oberhalb Davos erwies sich nach dem Studium als Glücksfall: «Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen, dafür bin ich noch heute dankbar.»

Wie Lawinen entstehen

Wie und wann ein Bruch in der Schneedecke entsteht und unter welchen Bedingungen er sich über einen ganzen Hang ausbreitet, so dass eine Lawine abgeht, dazu forschen Schweizer und seine Mitarbeitenden experimentell sowohl im Kältelabor wie auch im Feld und kombinieren dies mit numerischer Simulation. Schweizer prägte mit seiner Forschung die bruchmechanische Sichtweise auf die Lawinenbildung: die Lawine als Bruchprozess mit Bruchinitialisierung und nachfolgender Bruchausbreitung in der Schneedecke. Dabei sind nicht nur die Eigenschaften der Schwachschicht, sondern auch des Schneebretts essentiell.

 

Anwendungsorientierte Forschung

Neben seiner Forschung war und ist Jürg Schweizer die Umsetzungsorientierung sehr wichtig. Nachdem die Ereignisanalyse zum Lawinenwinter 1999 gezeigt hatte, dass die Ausbildung der lokalen Lawinendienste professionalisiert werden musste, war er von 2001 bis 2010 für die neu ins Leben gerufenen SLF-Lawinenkurse verantwortlich. Bis dato haben über tausend Sicherheitsleute die Kurse besucht.
Schweizer nimmt sich auch heute noch die Zeit, sein Wissen an einzelnen Kursen weiterzugeben. «Der Kontakt mit Praktikern ist für mich sehr wertvoll», so der SLF-Leiter, der zum Thema «Schnee und Lawinen» in der Science Community weltweit zu den drei meist zitierten Forschenden gehört und auch als Gutachter für Lawinenunfälle geschätzt wird. «Ich kann nicht nur Wissen weitergeben, sondern ich erfahre auch aus erster Hand, wo den Praktikern der Schuh drückt.» Schweizer, Leiter der Forschungseinheit «Lawinen und Prävention», war es auch, der 2009 den ISSW, die wichtigste professionelle Schnee- und Lawinenkonferenz, erstmals nach Europa – natürlich nach Davos – holte. Heute findet die Konferenz alternierend in Europa und Übersee statt.

 
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Jürg Schweizer beim Vorbereiten eines bruchmechanischen Tests im Steintälli oberhalb Davos. Foto: F. Zahner
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Welche Grösse hat der Schneekristall? Studierende am Exkursionstag beim Charakterisieren der Schichten in der Schneedecke. Foto: J. Schweizer, SLF
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Umgang mit Lawinengefahr ist UNESCO Kulturerbe: Jürg Schweizer mit Reto Baumann, stv. Sektionschef BAFU, Paul Steffen, Vizedirektor BAFU, und Bundesrat Alain Berset am 30. November 2018. Foto: R. Buchmüller, SLF
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«Ein solides Prozessverständnis ist Grundvoraussetzung für Modellierungen», Jürg Schweizer am Forum für Wissen 2019 in Davos. Foto: R. Buchmüller, SLF
 

Auch am Forum für Wissen und an den Seminaren «Lawinen und Recht», die das SLF im Kongresszentrum Davos veranstaltet und die jeweils sehr gut besucht sind, findet der Austausch zwischen Forschung und Praxis statt. Gut besucht ist auch Schweizers Vorlesung an der ETH Zürich, «Snow and Avalanches: Processes and Risk Management», die er zusammen mit SLF-Kollege Stefan Margreth hält. Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses pflegt er vor allem mit der Betreuung von Doktorierenden. Die Auseinandersetzung mit jungen Forschenden empfindet er als sehr bereichernd und er versucht, die Karriere der nächsten Generation von Schneeforschenden zu fördern.

Der Klimawandel und die Alpen

Schweizers Blick indes geht noch weiter: Zusammen mit Forschenden der WSL hat er CCAMM ins Leben gerufen, ein interdisziplinäres Forschungsprogramm der WSL, das den Einfluss des Klimawandels auf alpine Massenbewegungen untersucht. Vor allem im Hochgebirge dürfte es zu markanten Veränderungen kommen: Naturgefahren wie Schnee- und Steinlawinen, Murgänge und Felsstürze, sowie auftauender Permafrost, werden zunehmen. Hier gilt es, «das Undenkbare zu denken und Szenarien für mögliche Verkettungen von Naturgefahren zu entwickeln», so der Vater von drei Kindern. Auch daran arbeiten die 140 Mitarbeitenden des SLF – damit die Forschung zeitnah in die Praxis einfliessen kann.

 

Jürg Schweizer studierte Umweltphysik an der ETH Zürich und promovierte 1989 in Glaziologie. Seine Karriere startete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am SLF, seine Forschungsarbeiten vertiefte er als Research Fellow an der Universität von Calgary. 2006 wurde er Leiter der damaligen Forschungsgruppe «Bildung alpiner Naturgefahren». Seit 2011 leitet er die Forschungseinheit «Lawinen und Prävention», zudem ist er Leiter des SLF und Mitglied der Direktion der Eidg. Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf. Von 2013 bis 2017 war er Präsident der Cryospheric Sciences Division der European Geosciences Union (EGU) und Editor-in-Chief der Fachzeitschrift Cold Regions Science and Technology.

 

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