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Alltagsleben auf der Station

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11.01.2018  |  News

 

Mittlerweile ist für Matthias eine Art Alltag eingekehrt. Doch so ganz gewöhnlich ist das Leben auf einer antarktischen Forschungsstation eben doch nicht. Zum Beispiel gibt es da einen Flugsimulator, den die Europäische Raumfahrtagentur für Tests verwendet. Denn die Bedingungen auf Dome C - Sauerstoffmangel und Isolation - ähneln denen auf einer Raumstation.

 
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Am Türschild ist klar ersichtlich, wo man sich befindet und dass die Station in italienischen und französischen Händen liegt.
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Eingangsbereich und Garderobe: Die roten Jacken gehören den Italienern, die blauen den Franzosen.
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Der Aufenthaltsraum in der Station wird rege genutzt.
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Medizinisches Labor, in dem die ersten Proben der Probanden (Überwinterer) für die ESA analysiert werden.
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Immer wieder kommen neue Labore oder Container zum Vorschein, die vom Triebschnee zugedeckt wurden.
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Trinkwasser, Duschwasser, alles muss aus Schnee geschmolzen werden, der hier gerade in den Schmelzofen gebaggert wird.
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Der Weitblick auf meinem Arbeitsweg fasziniert mich immer wieder von Neuem. Im Bild sieht man auch das Versuchslabor der Atmosphären-Chemie, wo ich mich zwischendurch aufwärmen kann.
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Ein sogenannter Halo, der durch Brechung des Sonnenlichts an Eiskristallen in der Luft entsteht.
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Löcher im Schnee, die ich bei Messungen mit dem SnowMicroPen mache, erscheinen blau, weil der blaue Anteil des Lichtes am weitesten in den Schnee hineindringt.
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Oberflächenreif, der sich bei wenig Wind bildet, bei starkem Wind aber auch schnell wieder verschwindet. Es bilden sich so eine Art Reif-Bällchen.
 

Diese Woche ist es nicht ganz einfach, zu bloggen, denn gefühlt ist Alltag eingekehrt. Die täglichen Messungen sind bereits Routine, die Handgriffe eingeübt. Man muss eher aufpassen, dass man vor lauter Gewohnheit nicht Dinge vergisst, die sonst noch auf dem Messplan stehen. Das Experiment aber läuft und die Instrumente funktionieren.

Gemäss den langjährigen Forschern hier auf der Station zeigt sich das Wetter eher von der schlechten Seite. Oft bläst der Wind mit 4 bis 10 Metern pro Sekunde. Am Morgen ist es häufig bewölkt oder sehr dunstig und der Horizont verschwimmt milchig weiss, was das Arbeiten draussen nicht einfacher macht. Während der letzten beiden Tage hat es geschneit, 260 Gramm Schnee auf einen Quadratmeter. Das entspricht umgerechnet einer mittleren Neuschneehöhe von 2,6 Millimeter. Durchschnittlich fallen hier pro Jahr insgesamt 100 Millimeter, aber vor allem im Winter. Die jetzigen 2,6 Millimeter scheinen zwar wenig, sind für den antarktischen Sommer aber ungewöhnlich viel, deshalb spricht man hier von einem Starkschneefall-Ereignis.

Rundgang durch die Station

Themawechsel. Wie sieht die Station eigentlich von innen aus? Wir machen einen kleinen Rundgang. Das Hausschild der Station zeigt unmissverständlich, wo man sich befindet und wer die «Besitzer» sind. Im Eingangsbereich hängen die roten und blauen «Skiklamotten», und viele Moon Boots stehen herum. Es stinkt erstaunlich wenig. Ein Bildschirm hängt prominent an der Wand, der das aktuelle Wetter und ein paar italienische Tagesnews anzeigt. Die Informatiker sind Italiener… Wir starten im linken Turm, wo sich auf Eingangsebene die Arztstation befindet. Die Einrichtung ist sicherlich nicht auf dem neusten Stand der Technik, aber hoffentlich zweckmässig. Es gibt einen Stationsarzt und eine Notärztin, die für die medizinischen Notfälle draussen verantwortlich ist. Eine schmale Treppe führt in den ersten Stock in den sogenannten ruhigen Teil der Station.

Kleine Zwischeninfo: Da die elektrische Erdung in Schnee und Eis schlecht ist und man sich mit dem Herummarschieren immer elektrostatisch auflädt, entlädt man sich jedes Mal, wenn man einen metallischen Gegenstand anfasst, zum Beispiel den Türgriff. Zum Glück ist die Nachttischlampe aus Kunststoff.

Raumfahrttraining im Flugsimulator

Im ersten Stock befinden sich die Schlafräume. Das spannendste aller Zimmer ist jedoch das mit dem Flugsimulator. An dieser Stelle muss ich einen kurzen Exkurs zu einem Projekt der europäischen Raumfahrtbehörde ESA machen. Die Station Dome C gilt als einer der extremsten Orte auf der Erde in Bezug auf Isolation und Sauerstoffmangel, denen sich Menschen gewollt beruflich aussetzen können. Für die 12 Personen, die auf der Station überwintern, heisst das während neun Monate mit einer Sauerstoffunterversorgung, kompletter Isolation und davon sechs Monate in Dunkelheit zu leben. Diese Gegebenheiten herrschen unter anderem eben auch auf einer Raumfahrtstation, weshalb die ESA die physiologischen Auswirkungen hier erforschen will. Die Überwinterer sind geeignete Probanden. Von ihnen werden regelmässig Proben entnommen: Urin, Stuhl, Speichel, Blut, Haare und alles sonst, was nicht niet- und nagelfest ist. Und um zum Flugsimulator zurückzukommen: Die Überwinterer müssen wöchentlich darin üben, ein Spaceshuttle an eine ISS-Station anzudocken. Dabei wird untersucht, wie sich die kognitiven und feinmotorischen Fähigkeiten mit der Zeit verändern.

Schnee baggern ist eine Daueraufgabe

Nochmals ein Stockwerk höher befindet sich das Büro des Stationsleiters. Dann folgt das Büro der Informatik, welche zum Beispiel dafür sorgt, dass an den meisten Orten auf dem Stationsgelände WLAN zur Verfügung steht. Daneben befindet sich das Funk- und Flugüberwachungsbüro, von wo gelegentlich die Meldung kommt, dass man in den nächsten 20 Minuten doch bitte nicht die Landebahn queren soll. Dann gibt es noch einige Arbeitsplätze und weitere Labors auf diesem Stock.

Nun geht es zwei Stockwerke runter (mit mindestens zwei Stromschlägen) und weiter in den rechten Turm. Hier befinden sich auf Eingangsebene die mechanische Werkstatt und das Büro der Betriebslogistiker. Es sind fünfzehn Personen, die schauen, dass die Station läuft. Ein 100%-Job ist zum Beispiel, das Stationsgelände vom Triebschnee zu befreien. Andere Arbeiten sind: Schnee für die Wasserversorgung in den grossen Schmelzofen baggern, die Heiz- und Abwassersysteme warten, Fenster reparieren und so weiter. Ich glaube, die Arbeit geht hier nie aus.

Im ersten Stock befinden sich zwei grosse Vorratskammern, ein Sport- und Kraftraum und ein Konferenzraum. Zuoberst sind der Speise- und Aufenthaltsraum mit Bibliothek, Tischfussball, Billardtisch, einem Fernseher mit unendlich vielen DVDs, einem Kühlschrank mit Getränken und dem Wichtigsten, einer richtig guten Kolben-Kaffeemaschine. Im Turnus hat man Küchendienst oder muss den Speise- und Aufenthaltsraum putzen. Wenigstens verlernt man das so nicht. Zusammengefasst heisst das, es lässt sich sehr gut leben. Und würde man nicht aus dem Fenster schauen, so würde man nicht ahnen, dass man sich auf dem antarktischen Hochplateau befindet.