Schneearmer Winter 2022/23: FAQ

Seit Wochen erreichen das SLF zahlreiche Anfragen zum aktuellen Schneemangel, seinen Folgen für den kommenden Sommer und den langfristigen Aussichten für die kommenden Jahrzehnte. In dieser FAQ finden Interessierte die elf häufigsten Fragen sowie die Antworten unserer Expertinnen und Experten.

War der ganze bisherige Winter aussergewöhnlich schneearm?

Die Schneemenge ist an vielen der 80 Messstationen im Alpenraum stark unterdurchschnittlich, und das schon den ganzen Winter über. Ende Februar erreichten die Schneehöhen dann vielerorts Rekordwerte im negativen Sinn. Oberhalb von 1000 Metern lag an immerhin 40 Prozent der Stationen weniger Schnee als in den vergangenen 70 Jahren.

Kann man die heutige Situation mit anderen Perioden in der Vergangenheit vergleichen?

Zwar gab es auch in der Vergangenheit ähnlich schneearme Winter. In der Regel hat aber später, ausgiebiger Schneefall das Defizit ausgeglichen. In Zeiten des Klimawandels mit seinen wärmeren Temperaturen ist die Chance auf umfangreiche Schneemengen nur noch in grosser Höhe gegeben, was dann auf Grund der kleineren Fläche auch nicht mehr viel nützt.

Unterscheidet sich die Schneearmut zwischen den verschiedenen Höhenlagen beziehungsweise Regionen?

Prinzipiell gilt in jedem Winter, dass in hohen Höhen und an Nordhängen mehr Schnee liegt als in der Ebene und an Südhängen. Das fällt in schneearmen Wintern, wie wir ihn diese Saison haben, allerdings stärker auf, da Südlagen dann oft grün sind, weil dort gar kein Schnee liegt. Die regionalen Unterschiede können aber gross sein. So hat diesen Winter die Südwestschweiz, insbesondere die hohen Lagen des westlichen Wallis, mehr Schnee abbekommen als der Rest der Schweiz. Im langjährigen Vergleich ist es aber auch für diese Region eher wenig. Wer einen genauen, interaktiven Vergleich für bestimmte Orte mit langjährigen Minima, Maxima und Durchschnitten sucht, wird hier fündig.

Was sind die Ursachen für diesen schneearmen Winter?

Über Westeuropa versperrten Hochdruckgebiete den Niederschlagsfronten den Weg. Dadurch blieben grosse Schneefälle aus. Seit November fielen – wenn überhaupt – selten mehr als zehn Zentimeter Schnee auf’s Mal, ausser in der Südwestschweiz, vor allem im Wallis. Hinzu kamen über lange Zeiten zu hohe Temperaturen. Diese Kombination aus Wärme und Trockenheit haben die Schneedecke deutlich reduziert. Mittlerweile treten zudem selbst in höheren Lagen erste Stellen auf, an denen der Boden sichtbar wird. Von solchen Flecken kann sich die Schneeschmelze gut ausbreiten, denn die Erde wird an diesen Stellen bereits warm. Auch Neuschnee hilft dann kaum. Fällt er jetzt auf freie Stellen, bleibt er oft nicht mehr lange liegen.

Die Aufnahme der Infrarotkamera zeigt, wie warme Luft durch Wind von oberhalb des freien Bodens links in den Bereich oberhalb der Schneedecke bewegt wird. Wie die Messung funktioniert, erklärt SLF-Wissenschafter Michael Haugeneder im Video hier. (Video: Michael Haugeneder / SLF)

Wie lange müsste es schneien, um das Defizit aufzuholen?

Zwar gab es in der Vergangenheit bereits schneearme Winter, in denen plötzliche, heftige Niederschläge das Defizit aufholten. Aber um aus dem Negativrekord ein Durchschnittsjahr zu machen, bräuchte es innerhalb kurzer Zeit viel Schnee. Schweizweit müssten 100 Millimeter Niederschlag fallen, in den Bergregionen sogar 200 Millimeter. Die Chancen dafür sind jedoch gering. Erschwerend kommt hinzu, dass die Temperaturen bereits frühlingshaft sind und der Schnee daher schneller taut. Geht es nur um die Feuchtigkeit, würde ein Monat Dauerregen das Defizit ausgleichen. Im Gegensatz zu Schnee ist das Wasser dann aber nicht temporär gebunden., d.h. ein Grossteil geht direkt in die Flüsse und Seen. Dadurch fehlt der regulierende Effekt der Schneeschmelze für den Wasserhaushalt.

Welche Rolle spielt der Klimawandel?

Für die aktuelle Schneearmut ist hauptsächlich der fehlende Niederschlag verantwortlich. Die durch den Klimawandel bedingten, wärmeren Temperaturen verschärfen die Situation allerdings zusätzlich. Langfristig betrachtet sehen wir, dass es in den vergangenen 30 Jahren je nach Ort und Lage bis zu 60 Prozent weniger Schneetage als in der Periode von 1963 bis 1992 gab. Historische Aufzeichnungen belegen zudem, dass es in den vergangenen 500 Jahren noch nie so geringe Schneemengen im Mittelland gegeben hat wie in den vergangenen Jahrzehnten. Wenn sich die Erde weiter so erwärmt wie bislang, wird es in Zürich ab 2050 noch alle 15 Jahre mehr als eine Woche Schnee geben. Zwischen 1963 und 1992 waren es im Durchschnitt noch 34 Tage.

Werden solche Winter in Zukunft die Regel sein?

Der langfristige Trend ist klar. Das zeigen verschiedene Studien. In den vergangenen Jahrzehnten gingen die Mittelwerte klar zurück, beispielsweise allein in den vergangenen 30 Jahren in Sedrun um fast 30 Prozent von 51 auf 36 Zentimeter, in Klosters um rund 43 Prozent von 78 auf 44 Zentimeter. Schon jetzt steigt die Zahl der Perioden mit Nassschnee. Mitte des Jahrhunderts dürfte in tiefen Lagen Schnee – wenn er mal kommt – gleich wieder tauen. Im Mittel wird es bereits in den kommenden 30 Jahren beispielsweise im Jura keine 50 Neuschneetage pro Saison mehr geben – zwischen 1981 und 2010 war das noch das absolute Minimum. Viel hängt allerdings auch von den künftigen Wetterlagen ab. Nordwestlagen bringen kalte Polarluft und Schnee, Südwestlagen warme Luft. Ostwind ist zwar kalt, bringt aber kaum Niederschläge.

Was bedeutet der Schneemangel für die Wintersportgebiete?

In Verbindung mit vergleichsweise hohen Temperaturen zum Jahreswechsel war es vielen Wintersportorten nicht möglich, technischen Schnee - umgangssprachlich Kunstschnee - zu produzieren und so den Mangel auszugleichen. Klimaszenarien zeigen, dass die Nullgradgrenze bis 2050 in den Bereich zwischen 1300 und 1800 Höhenmetern steigen wird. Selbst dort wird dann mit Naturschnee allein kein Wintersport mehr möglich sein. Tiefer gelegene Destinationen sind gut beraten, umzudenken und bereits jetzt Ideen zu entwickeln, mit welchen Argumenten und Aktivitäten sie Besucher anlocken, wenn der Schnee ausbleibt.

Was erwartet uns im kommenden Sommer, wenn es jetzt so trocken ist?

Der Schneemangel von heute ist potenziell die Trockenheit im kommenden Sommer. Da die Schneelage diesen Winter weit hinter den langjährigen Mitteln zurückgeblieben ist, dürfte Trockenheit auch diesen Sommer ein Problem werden, falls Niederschlag weiterhin ausbleibt. Es wäre das zweite Mal in Folge nach dem schneearmen Winter 2021/22. Selbst, wenn Niederschläge kommen sollten, dürften sie den Mangel kaum beheben. Denn dafür bräuchte es überdurchschnittlich viel Regen und Schnee in den kommenden Wochen.

Nach einer aktuellen Studie des SLF hat in den vergangenen Jahrzehnten zwar die Dauer von Dürreperioden abgenommen, aber ihre Intensität hat zugenommen – im gesamten Alpenraum. Ein langfristiger Vergleich zeigt zudem: Schneemangel war in den Jahren 1994 bis 2017 rund 15 Prozent häufiger für niedrige Pegelstände in Schweizer Fliessgewässern verantwortlich als in den Jahren 1970 bis 1993.

Welche Auswirkungen hat die Trockenheit auf Wasserversorgung, Vegetation, Landwirtschaft, Wasserkrafterzeugung?

Offensichtlich ist es bei der Land- und Forstwirtschaft. Denn im Sommer und Herbst leiden die Pflanzen unter der Trockenheit, von Gräsern über Sträucher bis hin zu Bäumen. Unter anderem dürfte der Ertrag der Winzer 2023 wie bereits 2022 schlecht ausfallen.

Hinzu kommt: Bei niedrigen Pegelständen können die Kantone die Entnahme von Wasser verbieten. Landwirtschaftliche Betriebe dürfen dann kein Wasser zum Bewässern entnehmen. Gleiches gilt auch für Gartenbesitzer.

Auch in der Höhe rechnen Forschende von WSL und SLF mit Problemen. Die Alpwirtschaft funktioniert nur, wenn genügend Frischwasser vorhanden ist – und das dürfte 2023 knapp sein. Wie bereits 2022, als die Saison wegen der Trockenheit früher endete. Im ebenfalls trockenen 2018 mussten Landwirte ihr Vieh sogar zum Teil notschlachten.

Knapp wird es auch für die Elektrizitätswirtschaft. Bleiben Niederschläge aus, geht die Produktion der Wasserkraftwerke zurück. Denn die Pegel in den Speicherseen sinken.

Wichtig für die Schweiz sind auch die Wasserstrassen, insbesondere der Rhein. Denn hier kommt ein grosser Teil der importierten Waren ins Land. Niedrige Pegelstände zwingen die Schifffahrt, langsamer zu fahren und weniger zu laden, wie bereits im Sommer 2022.

Schafft die besondere Lage bei den Schneemengen auch besondere Verhältnisse und Gefahren in Bezug auf Lawinen?

Teils, teils. Regnet es im Winter häufiger in hohen Lagen, könnten selbst auf 2500 Metern Höhe noch Nassschneelawinen abgehen, deutlich früher als üblich. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Phase, in der Nassschneelawinen eine Gefahr darstellen, um durchschnittlich drei Wochen nach vorne verschoben. Dieser Trend wird sich fortsetzen, so dass künftig das Maximum der Nassschneelawinen im März und nicht mehr wie bislang im Mai liegen wird. Ein Rückgang der allgemeinen Lawinengefahr erwartet das SLF für die kommenden Jahre allerdings nicht. Insbesondere in hohen Lagen könnte sie sogar zunehmen. Der Unsicherheitsfaktor bei solchen Prognosen ist jedoch hoch. Allerdings kämen die Lawinen voraussichtlich nicht so weit ins Tal wie bislang, da sie bereits zuvor auf nassen Schnee stossen, der sie bremst. Ein weiteres Risiko geht von der Trockenheit aus: Führt diese zu Bränden oder Schädlingsbefall in Schutzwäldern, so dass diese zusammenbrechen, kann das lokal die Gefahrenlage erhöhen.

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