Im Januar wurde eine weiche, grobkörnige, kantige Schwachschicht eingeschneit. Diese war im Mai an der Basis der Schneedecke oberhalb von rund 2400 m immer noch vorhanden, am ausgeprägtesten an Nordhängen der inneralpinen Gebiete. Eine weitere solche Schwachschicht befand sich zumindest im Raum Davos – Unterengadin im oberen Teil der Schneedecke, siehe vorhergehender Abschnitt.
Erste Anfeuchtung
Kritisch für nasse Lawinen ist jeweils die erste Anfeuchtung der Schneedecke, und zwar ganz besonders, wenn diese solch weiche, grobkörnige, kantige Schichten enthält:
- an Übergängen von fein- zu grobkörnigen Schichten wird das Wasser gestaut. Grund dafür ist die höhere Saugspannung der feinkörnigen Schicht, welche das Wasser an der Schichtgrenze zurückhält. An solchen Schichtübergängen entstehen sehr hohe Wasserkonzentrationen.
- grobkörnige Schichten verlieren bei ihrer ersten Anfeuchtung bereits bei einem relativ geringen Wassergehalt von 3 bis 4% deutlich an Festigkeit. Damit können alte Schwachschichten wieder aktiviert werden.
Dringt Wasser in eine annähernd 0 °C –isotherme (auf der ganzen Höhe 0 °C warme) Schneedecke ein, bildet sich in relativ kurzer Zeit ein System aus Abflusskanälen, in denen das Wasser ungehindert abfliessen kann. Zudem wandeln sich die feuchten Schneekörner rasch zu Schmelzformen um. Damit klingt die Aktivität von nassen Lawinen meist schon nach kurzer Zeit ab, selbst wenn weiterhin Schmelzwasser durch die Schneedecke sickert.
Dass die Schneedecke diesen Winter grobkörnige Schwachschichten enthält, war bekannt. Aber wann findet die erste, tiefgreifende Anfeuchtung statt? Meistens geschieht dies auch nicht an einem einzigen Tag, sondern je nach Höhenlage und Exposition zu unterschiedlichen Zeiten. Um diese vorherzusagen, stehen der Lawinenwarnung nebst Wettermodellen und Lawinenbeobachtungen auch die nachfolgend beschriebenen Werkzeuge zur Verfügung.
Lysimeter
Ein Lysimeter misst direkt, wie viel Wasser aus der Schneedecke abfliesst (Abbildung 6). Weil es sich dabei um aufwändige Messeinrichtungen handelt, steht der Lawinenwarnung nur ein einziges auf dem Versuchsfeld am Weissfluhjoch in Davos zur Verfügung, auf einem Flachfeld in 2540 m Höhe.