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Turbulente Zeit im arktischen Eis

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Nachdem das Forschungsschiff «Polarstern» an einer geeigneten Eisscholle festgemacht hat, beginnt auch SLF-Forscher David Wagner, die Umgebung zu erkunden und Messgeräte zu installieren. Dabei verläuft selten alles nach Plan: Besuche von Eisbären und starke Verschiebungen im Eis erschweren die Arbeit.

 

Nachdem wir nun an «unserer» Scholle angekommen waren, erkundeten wir zunächst die Gegend genauer. Das Ziel war, geeignete Orte für unsere Haupt-Installationen zu finden. Überall auf dem Eis würden kleine «Städte» entstehen: «MET City», «Ocean City», zudem die Installationen für  den Unterwasserroboter ROV  und Fernerkundungsgeräte. Mit „Cities“ sind Forschungs-Camps auf dem Eis gemeint, in denen die nötigen Apparaturen und Messgeräte installiert werden, um Atmosphäre, Meereis oder Unterwasserwelt zu erforschen.

Für uns vom Team Meereis war es auch wichtig, Orte zu finden, an denen wir in den kommenden Monaten regelmässig Schneeprofile graben werden. Wir begannen bald mit der Installation der Stromleitungen und Datenkabel und richteten an den Hauptorten grössere Stromverteiler ein. Auch machten wir die ersten Scans der Schneeoberfläche mit einem Laser. Scannt man zum Beispiel jede Woche den gleichen Bereich, lassen sich durch Differenzen zwischen Scans Aussagen darüber machen, wie der Schnee mit der Zeit akkumuliert, aber auch erodiert, wobei Wind eine grosse Rolle spielt.

 

«Evakuierung» wegen Eisbären

Unsere Tagespläne wurden immer wieder durcheinandergewirbelt. Erst einmal kamen zwei alte
Bekannte vorbei, eine Eisbärenmutter und ihr Junges, um «Hallo» sagen. Mit der Zeit gab es immer wieder Eisbärenbesuche. In dem Fall ist ein Arbeiten im Camp natürlich erstmal nicht mehr möglich. Einmal gab es eine «Evakuierung»: Mit dem Ertönen des Schiffshorns mussten alle so schnell wie möglich zurück aufs Schiff kommen. Das gelang trotz vieler Leute auf dem Eis gut. Die Eisbären werden meist mit Signalpistolen vertrieben, die man in die Luft schiesst, oder als letztes Mittel durch ein Annähern mit dem Helikopter. Das ist wichtig, damit die Bären sich nicht zu wohl in unser Nähe fühlen – denn auch wenn sie kuschelig wirken, bleiben sie für uns gefährlich.
Neben den Eisbären gab es auch immer wieder recht starke Eisbewegungen, die dazu geführt haben, dass Stromkabel gekappt werden mussten. Eines Nachts sind die Installationen für ROV, den  Unterwasserroboter, davongeschwommen. Am Morgen waren sie plötzlich mehrere Hundert Meter weit von ihrem ursprünglichen Ort entfernt. Das erforderte eine Neuplanung und -installation von «ROV City».

 

Fragile Schneedecke

Mit der Zeit war jedoch das meiste aufgebaut und die Lage stabilisierte sich schliesslich etwas. Zirka zwei Wochen nach dem Andocken an die Scholle konnten wir endlich mit den Schneemessungen beginnen. Für das erste Schneeprofil wählten wir eine Stelle mit zweijährigem Eis. Und auch wenn es für mich nicht ganz überraschend kam:
Nun wurde mir auch in der Praxis klar gemacht, mit welchem Typ Schnee man sich hier auseinandersetzen muss. Dieser ist extrem fragil, weil er grösstenteils aus lose zusammenhängendem Tiefenreif besteht. Es ist daher schwierig, Proben zu nehmen,
wenn man wie wir bestrebt ist, die Mikrostruktur zu erhalten.
Zu Beginn nahmen wir ganze Schneeblöcke mit an Bord. Im Kältelabor bereiteten wir die Messung im Mikro-Computertomografen vor und vergossen die Schneeproben mit Phtalat, um ihre Struktur zu konservieren. Später gingen wir dazu über, den
Schnee direkt im Feld zu vergiessen, da unsere Kapazität in den Transportschlitten
limitiert ist.

 

Ein Riss in der Scholle

Dann kam der erste wirkliche Sturm, der zwei Tage dauerte. Damit einher gingen wieder Eisbewegungen - diesmal so stark, dass vorübergehend ein weiter Riss diagonal
durch die Scholle auftrat. Leider haben wir drei Hauptinstallationen auf
der anderen Seite des Risses. Mit den Bewegungen hat sich nun alles
wieder etwa 500 Meter weit verschoben. «Ocean City» musste geräumt und
versetzt werden, «Met City» war zweitweise ohne Strom. Und nun ist bereits wieder ein Tiefdruckgebiet in unserem Bereich unterwegs und beschert uns gerade eine Drift-Geschwindigkeit mit dem Eis von fast einem Kilometer pro Stunde.
Wir hoffen, dass das nicht wieder zu viel im Camp verändert. Doch auch wenn
die Schneemessungen schwierig sind, weil wir immer wieder neue Messorte finden müssen: Daten über Schnee können wir hier trotzdem weiterhin sammeln.

 
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Die Eisverhältnisse um das Schiff herum sind stabil. Nachdem wir zu Beginn der Drift eine recht dynamische Phase erlebt hatten, beruhigten sich die Eisbewegungen. Foto:
Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath (CC-BY 4.0)
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Nach dem Sturm herrscht viel Druck auf das Meereis, wodurch die Eisscholle deutlich bewegt wird. Wir überwachen die Eisbewegungen von der Brücke der Polarstern und auch vom Meereis aus. Foto: Alfred-Wegener-Institut / Stefan Hendricks (CC-BY 4.0)
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Als Vorbereitung auf den Sturm haben wir die Skidoos an Bord gebracht und nur zwei von ihnen aus Sicherheits- und Notfallgründen auf dem Eis gelassen. Foto: Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath (CC-BY 4.0)
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Nach der Bergung der ROV City, die vor einigen Tagen weggetrieben wurde, fand das Team ICE nun einen neuen Platz für diese Forschungsstation.
Foto: Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath (CC-BY 4.0)