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Island: Der schlechteste Ort für die Installation eines Lawinendetektionssystems?

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Wann und wo gehen Lawinen ab? Diese Frage versuchen Forschende und Lawinenprognostiker und -prognostikerinnen immer wieder zu beantworten. Früher mussten wir aus dem Fenster schauen, um eine Antwort zu bekommen, aber oft sahen wir gar nichts. Heute beginnen Systeme zur Lawinenerkennung, uns diese Informationen zu liefern – in Echtzeit und unter allen Wetterbedingungen.

 

Alec van Herwijnen, Leiter der Forschungsgruppe Lawinenbildung und Lawinendynamik, verbringt mit seiner Familie ein Sabbatical in Island. Dort will er untersuchen, ob ein für die Schweizer Berge entwickeltes Lawinendetektionssystem auch in Island funktioniert – trotz vieler Vulkane und Erdbeben. Die in Island erfassten Daten werden auch dazu beitragen, die Algorithmen und damit das gesamte System zu verbessern.

 

Beim SLF haben wir daher kürzlich ein Projekt zur Entwicklung eines neuen kostengünstigen Lawinendetektionssystems eingeleitet. Dieses System kombiniert seismische und Infraschallsensoren mit dem Ziel, an unserem oberhalb von Davos gelegenen Feldstandort von Lawinen erzeugte Bodenschwingungen automatisch zu «fühlen» und niederfrequenten Schall zu «hören». Ziel des vom SNF finanzierten wissenschaftlichen Austausches ist es, ein ähnliches Erkennungssystem in Island zu installieren, um Daten für eine unabhängige Validierung in einem völlig unterschiedlichen Umfeld zu erheben.

 

Aber warum dann nach Island gehen? Ist es nicht das Land von Feuer und Eis? Das stimmt wohl, aber Vulkane sind auch Berge, und Lawinen gibt es durchaus in Island. Lawinenprognostiker in Island gehörten übrigens zu den ersten, die ein Infraschallsystem zur Lawinenerkennung einsetzten. Aufgrund von starken Winden und Eisschichten, die sich über den Sensoren bildeten, war das System allerdings nicht sehr effizient. Ich beabsichtigte, eine Lösung für diese Probleme zu finden und an einem anderen Ort die Infraschallsensoren zusammen mit einem seismischen Sensor zu installieren, so wie das bei unserem System in Davos der Fall ist.

Als meine Familie und ich nach einer dreitägigen Reise mit der Fähre Ende Mai in Island ankamen, stellten wir sofort fest, dass hier ganz andere Bedingungen herrschten. Es war neblig, windig, regnerisch und eisig kalt (nur 2 Grad!). Nach einer einwöchigen Reise durch Nordisland, wo wir schöne Landschaften, unzählige Vulkane und viele heisse Quellen sahen, kamen wir in Ísafjörður an, unserem neuen Zuhause für die nächsten Wochen. Ísafjörður ist die grösste Stadt in den Westfjorden und war ursprünglich ein Fischerdorf, das sich jetzt langsam in einen Touristen-Hotspot und einen Zwischenhalt für Kreuzfahrtschiffe verwandelt. Sie ist von steilen Bergen und zahllosen Lawinenpfaden umgeben. Schwere Schneestürme im Jahr 1995 führten zu katastrophalen Lawinen am 16. Januar in Súðavík mit 14 Toten und am 26. Oktober in Flateyri mit 20 Toten. Hier hat auch das Schnee- und Lawinenzentrum des isländischen Amts für Meteorologie seinen Sitz.

 
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Ísafjörður. Im Vordergrund der Halbinsel erblickt man das Schnee- und Lawinenzentrum, rechts im Hintergrund ein grosses Kreuzfahrtschiff.
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Einer der vielen Vulkane, die man im ganzen Land sieht. Hier ein Vulkan, der in den 1980er Jahren ausbrach.
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Zumindest kann man bei kaltem Wetter jederzeit in eine der zahlreichen natürlichen Thermalquellen in Island eintauchen.
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Eine der vielen versteckten Thermalquellen, die überall über die Westfjorde verstreut sind.
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Einer der wenigen Sandstrände. Dieser liegt in der Nähe von Flateyri, einer Stadt mit einer langen und problematischen Lawinengeschichte.
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Wanderung auf einen Bergpass über Ísafjörður Ende Juni. Der Pass liegt in etwas über 500 Metern Höhe. Schade, dass wir unsere Skier nicht dabeihatten.
 

Obwohl dies in Ísafjörður der kälteste Juni in 30 Jahren war, fühlten wir uns in unserem warmen kleinen Haus wohl und waren froh, dass wir unsere Badesachen mitgebracht hatten, um die vielen natürlichen Thermalquellen zu geniessen, die die Westfjorde zu bieten haben. Mein erstes Ziel am Schnee- und Lawinenzentrum war es, einen neuen Ort für das Lawinendetektionssystem zu finden. Das Schöne an Lawinenerkennungssystemen ist, dass sie einem sagen, wo Lawinen abgegangen sind, ohne dass man aus dem Fenster schauen muss. Doch das automatische Erkennen von Lawinen in den zahllosen seismischen und Infraschallsignalen, die bei einem Ereignis aufgezeichnet werden, ist keine leichte Aufgabe. So können sich beispielsweise Erdbeben wie Lawinen «anfühlen», und wir können Lawinen nicht «hören», wenn der Wind heult. Doch Moment mal – ist Island nicht ein windiger Ort, an dem die Erde andauernd bebt? Ja, so ist es, und genau deshalb wollte ich hier Daten erheben. Um neue Algorithmen zur automatischen Erkennung von Lawinen zu entwickeln, bauen wir auf die Daten aus unserem System in Davos. Mit dem neuen System in Island erhalten wir völlig unabhängige Daten, um zu beurteilen, wie gut unsere Algorithmen funktionieren. Und wenn es an einem der ungünstigsten Orte für die Lawinenerkennung gut funktioniert, können wir zuversichtlich sein, dass es überall gute Arbeit leisten wird!

Als neuen Standort für das Erkennungssystem wählten wir einen Ort namens Skriða, kurz vor der Stadt Bolungarvík, nordwestlich von Ísafjörður. Es handelt sich um ein kleines bewaldetes Gebiet in der Talsohle, umgeben von steilen Bergen.  Ein perfekter Ort, um unsere Sensoren vor Wind und gefrierendem Regen im Winter zu verstecken. Zudem liegt er dicht genug an den zahlreichen Lawinenpfaden des Gebiets. Im nächsten Schritt wurde die Ausrüstung zum Standort transportiert und installiert. Zu meiner Überraschung gehörte zur Ausrüstung auch ein kleines Trollhaus, das der Elektronik als Schutz dienen sollte. Es hatte sogar eine hübsche Tür und drinnen ein kleines Licht! Nachdem wir es über zahlreiche Felsbrocken den Berg hinaufgerollt hatten, vergruben wir unsere Sensoren, verlegten unsere Kabel und schlossen alles bequem im Trollhaus an. Ich installierte auch ein Kamerasystem, das ich aus Davos mitgebracht hatte, sodass wir die im Winter abgehenden Lawinen auf den Bildern sehen können, die auf unsere Plattform gestreamt werden. Wirklich ein schöner Aufbau – und jetzt müssen wir nur noch auf den Winter warten, damit wir gute Daten erheben können. Nachdem ich das Wetter in den Westfjorden erlebt habe, bin ich sicher, dass es nicht mehr lange dauern wird...

 
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Vorbereitung der Ausrüstung für die Installation im Feld. Ich fragte mich, wie wir das Trollhaus auf den Berg befördern würden...
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...aber meine isländischen Kollegen hatten schnell eine pragmatische Lösung: Rollen wir es ganz einfach den Hügel hoch!
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Anschliessen aller Kabel nebst der Elektronik und Fertigstellen der Installation. Im Winter gehen auf dem Berg im Hintergrund oft Lawinen ab.
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Sicherstellen, dass die Kamera korrekt funktioniert und in die richtige Richtung zeigt.