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Einsamkeit, Pinguine und Lawinen

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23.10.2019 | Logbuch

  

Mittlerweile hat SLF-Forscher Yves Bühler in Neuseeland schon einiges erlebt: Beim Skifahren machte er Bekanntschaft mit hinterlistigen Grasbüscheln und lernte den Geschmack von neuseeländischem Schnee kennen. Am meisten beeindruckten ihn aber die steilen Gebirgsflanken und welch ungeheure Ausmasse Lawinen hier annehmen können.

 

Nun sind wir bereits seit fast drei Monaten in Neuseeland und haben uns gut eingelebt. Die Tage werden länger und eine faszinierende Pflanzenwelt beginnt zu blühen. Den Jungs gefällt es in der Schule und sie sprechen nun bereits Englisch, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Auf zahlreichen Wochenendausflügen konnten wir bereits einen Teil der Südinsel erkunden. Das Fazit ist: Egal, ob man in die Berge oder an die Küste fährt, man ist allein und die Natur ist wunderschön. Man braucht aber auch eine warme und eine wasserdichte Jacke. Der Wetterbericht ist mehr eine unverbindliche Orientierungshilfe denn eine zuverlässige Vorhersage.

 

An der Uni habe ich mich ebenfalls bestens eingelebt. Ich durfte zu Beginn ein Seminar über meine Arbeiten in Davos halten. Nun ist das Eis gebrochen und die Leute wissen, was ich mache und warum ich hier bin. Scheinbar haben die Bilder aus den Schweizer Bergen Eindruck gemacht, denn nach dem Vortrag wurde ich oft gefragt, ob es Möglichkeiten gibt in Davos zu studieren.

Der Vermesser-Lehrling

Ich profitiere viel vom Know-how und den Vorlesungen hier an der School of Surveying, und es ergeben sich spannende Diskussionen. Mir wird wieder mal bewusst, dass es einen Unterschied zwischen Geographen (wie mir) und Vermessern gibt, insbesondere im Umgang mit Koordinatensystemen. In Neuseeland bewegen sich die Nordinsel und die Südinsel mit Geschwindigkeiten von bis zu 10 cm pro Jahr aufeinander zu. Das führt nicht nur zu einer grossen Gefahr für starke Erdbeben, sondern auch dazu, dass die Vermessung des Landes enorm anspruchsvoll wird.

 

Von «Fixpunkten» kann hier nicht gesprochen werden, da sich ja alles bewegt. Wir haben intensiv mit den Satelliten-, Flugzeug- und Drohnendaten aus Davos gearbeitet und die fotogrammetrischen Workflows analysiert, getestet und optimiert. Die ersten Resultate für die Schneehöhenkarte von Davos, berechnet aus den Pléiades Satellitendaten, sehen vielversprechend aus.

Skifahren im August

Anfang August ging es auf einen ersten Feldeinsatz in der Pisa Range, um einen neuen Schneehöhensensor an einer Wetterstation zu montieren. Eintägige Einsätze sind wegen den enormen Distanzen in Neuseeland kaum möglich.

 

Nach einer Übernachtung in Wanaka, einem Skigebiet ca. 200 km nordwestlich von Dunedin, schnallte ich mir also das erste Mal auf der südlichen Hemisphäre (auch eine Premiere, im August) die Ski an die Füsse. Die Schneedecke und das Gelände waren allerdings etwas ernüchternd und ich lernte schnell, was die Kiwis unter einem Tussock Turn verstehen: Aus der dünnen Schneedecke schauen überall Tussock-Grasbüschel heraus und bremsen die Skischwünge abrupt. Allerdings war die Landschaft einmal mehr wunderschön und auch das Wetter hat mitgespielt.

Spannende Lawinenprobleme

Ende August folgte dann der zweite Trip. Neuseeland hat insgesamt wenig Lawinenprobleme, aber mit der «Milford Road» wohl eines der spektakulärsten weltweit! Die touristisch wichtige Strasse führt über einen Pass und durch einen Tunnel auf 1000 m ü. M., vom Osten in wenigen Kilometern bis an die Westküste. Oft reiht sich hier Bus an Bus, gefüllt mit erlebnishungrigen Touristen.

 

Die Gipfel in dieser Region erreichen Höhen von 2500 m ü. M. Auf dem 45. Breitengrad Süd gelegen ist das Gebiet voll in den «roaring forties», wo die starken Westwinde viel Feuchtigkeit ans Gebirge drücken. Das Resultat sind ca. 8000 mm Niederschlag pro Jahr - acht Mal mehr als in Davos! Dieser fällt oft als Schnee im Winter, aber immer mal wieder auch als Regen auf die massive Schneedecke. Und dann ist da dieses Gelände: Unglaublich steil, durchsetzt von vertikalen Felswänden und mit Höhendifferenzen von bis zu 2000 Metern.

 
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Extrem steiles Gelände entlang der Milford Road – prädestiniert für extreme Lawinen. Foto: Yves Bühler, SLF
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Ein Schild warnt davor, das lawinengefährdete Gebiet zu betreten. Zum Glück kann der Kea (die einzige Papageienart, die im Gebirge lebt) fliegen. Foto: Yves Bühler, SLF
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Der beeindruckte Schweizer Lawinenforscher mit seinem Forschungspartner Pascal Sirguey (rechts) bei der Besichtigung der Milford Road. Foto: Aubrey Miller
 

Wir besuchen die Leute vom Lawinenwarndienst, die für diese Strasse verantwortlich sind, und sie versichern uns: Milford Road ist anders. Sie zeigen uns Bilder von Lawinen von unglaublichem Ausmass mit Ablagerungstiefen, wie ich sie noch nie gesehen habe. Wegen den grossen Schneemengen und dem extremen Gelände machen Schutz-Verbauungen kaum Sinn. Die ganze Kontrollarbeit zur Sicherung der Strasse wird mit Sprengstoff aus dem Helikopter gemacht. Nach einem intensiven Austausch mit dem Warnteam einigen wir uns darauf, dass wir hier das Staublawinen-Modul unseres Simulationsprogramms RAMMS testen wollen. Hier entwickeln sogar Nassschneelawinen Staubwolken mit grossen Drücken, das wird sicher spannend! Tief beeindruckt fahren wir am Abend sechs Stunden zurück nach Dunedin.

PS: In den vergangen drei Monaten haben wir sehr viel erlebt, nur Orcas haben wir immer noch nicht gesehen. Hoffentlich kann ich davon in meinem nächsten Beitrag berichten!