Navigation mit Access Keys

SLF StartseiteÜber das SLFNewsBlogsLogbuchEin Schneeforscher wird Seemann

Ein Schneeforscher wird Seemann

Hauptinhalt

 

30.07.2019  | Blog Logbuch

  

Brandbekämpfung und Seenotrettung: SLF-Doktorand David Wagner berichtet in diesem Blog-Post, was er für eine Schiffsexpedition in die Arktis alles lernen muss.

 

Ich werde dieses Jahr an der MOSAiC-Expedition auf einem Eisbrecher im Nordpolarmeer teilnehmen, welche im September 2019 startet und an der sich das SLF mit Schneemessungen beteiligt. Für die Expedition musste und muss ich so einige Trainings und Tests über mich ergehen lassen. Dazu gehört unter anderem ein «Seemannskurs»: Ein zweiwöchiges, international anerkanntes Basistraining, das dazu dient, Menschen grundlegend für den Dienst auf See zu befähigen (International Convention on Standards of Training, Certification and Watchkeeping for Seafarers). Der Kurs beinhaltet je eine Woche Brandbekämpfung und eine Woche Seenotrettung, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis.

Los ging es in einem Klassenraum im Aus- und Fortbildungszentrum (AFZ) im Fischereihafen der Norddeutschen Hansestadt Rostock. Dort begrüsste uns Hamid, unser Ausbilder für die nächsten zwei Wochen. Jeder in der Runde – wir waren circa 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – stellte sich nun vor, und es zeigte sich, dass wir eine interessante Mischung waren, unter anderem aus Werftarbeitern, Stewardessen, Touristenführern, einem Krabbenfischer, einem Koch und Beamten.

 

Käfiglabyrinth und brennender Container

Wir begannen mit der Theorie in der Brandbekämpfung. Welche Informationen enthält der Brandschutz- und Sicherheitsplan auf einem Schiff? Welches sind die Hauptbrandorte auf Schiffen? Welche Brandklassen gibt es? Die Thematik könnte langweilig vermittelt werden, aber Hamid schaffte es, dass alle aufmerksam zuhörten.

Dann kam der praktische Teil. Gerüstet mit ein paar Hintergrundinformationen ging es für uns am nächsten Tag gleich in ein enges Käfiglabyrinth – im Feuerwehrjargon wird dieses auch «Schweinerennbahn» genannt. Die Schwierigkeit bestand darin, dass wir Atemschutzgeräte inklusive Sauerstoffflasche auf dem Rücken tragen mussten, und der Raum, in dem der Käfig stand, abgedunkelt wurde. Zudem wurde Nebel erzeugt, ein Stroboskop eingeschaltet, und es wurden unangenehme, laute Hintergrundgeräusche eingespielt, die den Adrenalinspiegel steigen liessen. Zuvor mussten wir mit der Brandschutzausrüstung an verschiedenen Geräten sechs Minuten lang Sport machen. Danach gingen wir in Dreiergruppen in den Käfig. Zwar wusste man, dass der Ausbilder per Kamera von aussen zusehen kann und man die Metallgitter im Notfall herausnehmen kann – das änderte jedoch nichts an der Aufregung und der doch recht beklemmenden Umgebung.

 
Bild 1 von 9
Aufwärmübung für das bevorstehende klaustrophobische Erlebnis im Käfiglabyrinth. Foto: Julia Bachmann
Bild 2 von 9
Nebel dringt durch die Gitter des Käfiglabyrinths, welches wir erfolgreich durchqueren konnten. Foto: Julia Bachmann
Bild 3 von 9
Ein Teilnehmer beim Feuerlöschen, der jedoch vergass (oder zu furchtlos war) sich zu ducken. Das sollte man im Innern des Containers immer tun, da jederzeit irgendwo ein Feuer ausbrechen kann. Foto: Julia Bachmann
Bild 4 von 9
In Überlebensanzügen im Hafenbecken schwimmen war eine Erfrischung, besonders nachdem es am Abend zuvor spät geworden war. Foto: Mathias Methner
Bild 5 von 9
Das Freifall-Rettungsboot: Solange es lediglich in seinem Gerüst hängt, wirkt es noch harmlos. Foto: Julia Bachmann
Bild 6 von 9
Vor dem Ausklinken des Freifall-Rettungsboots waren verständlicherweise alle aufgeregt – es fällt aus zehn Metern Höhe aufs Wasser. Foto: David Wagner
Bild 7 von 9
Wir hatten viel Spass in diesen zwei Wochen, hier beim Hinablassen und Hochziehen des Rettungsbootes. Foto: Julia Bachmann.
Bild 8 von 9
Vorsichtig lassen die Teilnehmenden ein Rettungsboot zu Wasser. Foto: David Wagner
Bild 9 von 9
Anstossen nach einem anstrengenden Tag: Die Teilnehmenden beim gemeinsamen Grillen auf dem Gelände des Aus- und Fortbildungszentrums in Rostock. Foto: Julia Bachmann.
 

Ein weiteres Highlight dieser Woche war es, mit Löschausrüstung den «Brandcontainer» zu betreten: Ein Zusammenbau aus drei Schiffscontainern, teilweise zweistöckig und im Inneren an einigen Stellen mit Gasdüsen und Zündern ausgestattet, die von aussen gesteuert werden können. Im Dreierteam geht man systematisch vor und löscht einen Brandherd nach dem anderen. Weil zusätzlich Wasserdampf entsteht, ist die Sicht irgendwann sehr eingeschränkt. Die Erfahrung ist durchaus realitätsnah, und die plötzlich entstehenden Brandherde neben einem, innerhalb eines geschlossenen Raumes, erzeugen in einem einen starken Fluchtimpuls. Nach dieser Erfahrung ist mein Respekt vor Feuerwehrleuten nochmals gestiegen. Bis zum Ende unsere Ausbildung mussten wir noch zweimal in den Container – einmal zur Übung und schlussendlich zur Prüfung.

Zehn Meter freier Fall mit dem Rettungsboot

In der zweiten Woche begannen wir mit der Seenotrettung. Wir lernten, welche Arten von Rettungsbooten und –inseln und welche Schwimmhilfen es gibt, wie sie funktionieren und welche Anforderungen im SOLAS (International Convention for the Safety of Life at Sea) Regelwerk festgeschrieben sind. Auch lernten wir, wie man sich im Falle eines Notfalls auf See verhält oder wie man Menschen wiederbelebt. Wir übten, wie man mit Überlebensanzügen von der Kaimauer springt und wir lernten, wie man sich unter dem Einfluss von Wellen richtig bewegt und wie man sich aus dem Wasser in eine Rettungsinsel rettet.

Als Gruppenübung trainierten wir regelmässig das Herablassen des Rettungsbootes mit einem sogenannten «Davit-Arm». Dabei gibt es viel zu beachten und Fehler können im Notfall tödliche Folgen haben. Zu unserem Training gehörte, das Rettungsboot selbst zu lenken und letztlich sogar das «Mann-über-Bord-Manöver» durchzuführen: Das Orten und Herausfischen eines Rettungsringes.

Mein persönliches Highlight war das Ausklinken des Freifall-Rettungsbootes. Dieses Boot hängt leicht geneigt auf  Schienen in der Luft. Man sitzt im Inneren mit dem Rücken Richtung Wasser. Sind alle angeschnallt, löst der Bootsführer die Sicherung und man fällt rückwärts 10 Meter tief aufs Wasser und taucht darin ein – um kurz darauf aufgrund des Wasserdrucks wieder nach oben zu schiessen. Besser als Freizeitpark.

Am letzten Tag des Kurses wurden wir noch theoretisch und praktisch geprüft. Alles in allem waren es zwei sehr intensive, aber lehrreiche Wochen mit vielen neuen Bekanntschaften. Neben dem unmittelbaren Nutzen, den mir der Kurs für die anstehende Expedition bringt, verbuche ich ihn unter «Schule des Lebens». Denn wissen, wie man einen Brand löscht, ist sicher auch in anderen Situationen nützlich.