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Dämmerung, Chicorée und Endspurt

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26.02.2020 | Logbuch

  

Die zweite Etappe der MOSAiC-Expedition nähert sich dem Ende: Wichtige Messungen sind im Kasten und das Licht kehrt langsam zurück. Doch bei der Ablösung zeichnen sich Schwierigkeiten ab, denn der Eisbrecher «Dranitsyn» mit neuer Mannschaft und Versorgungsgütern kommt wegen des dicken Eises nur sehr langsam voran.

 

Hurra! Zum ersten Mal seit langem verfärbt sich der Horizont. Mit ganz viel Phantasie kann man minimalste Nuancen in der «Schwarzfärbung» erkennen und sich darüber freuen. Das Licht kommt also in kleinen Schritten zurück. Die Temperaturen liegen zurzeit zwischen -25 und ‑34 Grad. Der Sturm von Ende Januar mit Windgeschwindigkeiten bis zu 25 m/s und Windchill-Temperaturen von unter ‑65 Grad hat uns einen freien Tag beschert. Uns Forscher nicht rauszulassen, war wohl ein weiser Entscheid vom Kapitän. Nebst der Gefahr innert weniger Minuten Erfrierungen zu haben, brachte der Sturm auch Dynamik ins Eis und öffnete einige Klüfte und Spalten.

 

Eislandschaft von oben und unten

Trotzdem konnten wir in den vergangen zwei Wochen wiederum viele Daten sammeln. Wahrscheinlich zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte werden hochaufgelöste Datensätze der Oberflächen- und Unterwassertopografie zusammengeführt. Die Oberflächentopografie des Eises messen wir mit einer im Zentimeterbereich liegenden Auflösung mit einem Terrestrial Laser Scanner (TLS), in einem Umkreis bis zu einem Kilometer ums Schiff. Um unseren Beobachtungsradius noch zu erweitern, finden zusätzlich Airborne Laser Scanner (ALS)-Messungen statt, welche aus dem Helikopter gemacht werden. Diese decken zwar mehr Fläche ab, haben dafür eine schlechtere Auflösung.

 

Die «Bestie» unter Wasser

Die Unterwassertopografie misst das «Beast» – so heisst der Unterwasserroboter. Die Zusammenführung beider Messmethoden führt dann zu einer genauen Beschreibung der räumlichen Ausdehnung der vorhandenen Eisdecke. Eisdickenverteilung kann man zwar auch aus Satellitenbildern bestimmen. Doch bevor man diese überhaupt interpretieren kann, muss man mindestens einmal messen, was am Boden wirklich ist. Mit der gegenwärtigen Erwärmung der Arktis und dem damit verbundenen und ändernden Verhältnis zwischen Ein- und Mehrjahreseis ist eine «Neukalibration» der Satellitenbilder sozusagen an der Zeit und diese Messungen von Wichtigkeit.

 

Träumen von frischem Rucola

Während der «Beast»-Messungen leidet ausschliesslich der Bärenwächter. Die anderen drei Personen befinden sich nämlich im warm beheizten Zelt über dem Eisloch. Zuerst ist ein kompletter Funktionstest des Roboters notwendig. Wenn alles in Ordnung ist, lässt man das schwere Teil mittels Flaschenzug ins Wasser und rollt dann ca. 700 m Kabel ab, so kann der Pilot die vordefinierten Bahnen abfahren und die Topografie der Eisunterseite aufnehmen. Während dieser zwei Stunden kann man vor sich hinträumen, in einen imaginären Chicorée beissen, sich den Geschmack von frischem Rucola vorstellen oder sich ganz einfach von einer urplötzlich aus dem Eisloch herausschauenden Robbe erschrecken lassen (gut, die Robbe ist auch erschrocken!).

 

Aufbauen, messen, abbauen, weiterfahren…

Im Vergleich dazu haben die TLS-Messungen einen etwas geringeren Komfortfaktor. Da ist man den ganzen Tag an der frischen Luft. Die Reflektoren, der Scanner, Stativ und Generator werden auf einen Schlitten gepackt. Für die Messungen sind wir zu zweit. Einer sitzt auf dem Schlitten, der andere fährt. Zuerst fahren wir das zu scannende Feld am Rand ab und verteilen die Reflektoren. Danach messen wir von acht bis zehn verschiedenen Positionen mit dem Scanner. Das bedeutet, Position anfahren, Stativ aufstellen, 12 kg schweren Scanner draufhieven, Halteschraube reindrehen, Scanner mit einem Kabel mit dem Generator verbinden, Laptop starten, USB Logitech Maus mit extra steifem Kabel einstecken, Software starten und messen. Für den Rundum-Scan braucht es 14 Minuten. Auch in dieser Zeit kann man etwas entspannen, den Sternenhimmel geniessen oder am Boden sitzen und über den Laptop Musik hören. Es ist sehr repetitive Arbeit: aufbauen, messen, abbauen, weiterfahren, aufbauen, messen, abbauen, weiterfahren… Und nicht nur das wiederholt sich. Der TLS-Tag ist auch immer Wurst- und Suppentag – und jedesmal, wenn es Wurst und Suppe gibt, ist wieder eine Woche geschafft.

 

Die Ablösung verzögert sich

Apropos geschafft. Kaum zu glauben, aber wahr: Für uns von der zweiten Etappe ist die planmässig letzte Woche angebrochen. Unsere Ablösung ist seit dem 28. Januar mit dem Eisbrecher «Dranitsyn» unterwegs. Dessen Tagesetappen sind aber ernüchternd. Manchmal kriegt man das Gefühl, dass wir mit der «Polarstern» schneller gegen den Nordpol driften, als die «Dranitsyn» uns folgen kann. Meine persönliche Einschätzung: Die «Dranitsyn» kommt verspätet und mit zu wenig Treibstoff für die Rückfahrt bei uns an, dann fahren wir los, bis es in der Treibstoffleitung nur noch gurgelt, werden dann von einem anderen Eisbrecher mit Treibstoff versorgt und laufen mit Verspätung in Tromsø ein. Zurück im Prättigau - irgendwann...