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Wochenbericht 04. - 10. März 2022

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Blauer Himmel, geringe Lawinengefahr und keine einzige Personenlawine

Sowohl Wetter als auch die Lawinensituation zeigten sich von ihren besten Seiten. Im Norden war es mit viel Sonne und geringer Lawinengefahr die perfekte Wintersportwoche! Im Süden wurde die Schneearmut noch grösser.

 
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Im Bedrettotal erfreute man sich unterhalb des Poncione Val Piana (2659 m, Bedretto, TI) steiler, pulvriger Abfahrten bei günstigen Bedingungen. Aufgrund der vorhandenen Schwachschichten im Altschnee, war es trotz der günstigen Lawinensituation weiterhin sinnvoll, Sicherheitsabstände einzuhalten (Foto: T. Schneidt, 05.03.2022).
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Es gab während dieser Woche zwar keinen frischen Schnee, dafür hatte der Wind seine Spuren hinterlassen. Es ist davon auszugehen, dass diese Wechte am Blüemberg (2404 m) im Muotathal (SZ), bereits etwas älter ist, da der Wind in dieser Berichtswoche meist schwach wehte. Die Windrichtung ist von rechts nach links über das Bild (Foto: F. Vanza, 06.03.2022).
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Wechtenbrüche, so wie hier am Landvogtehore (2616 m, Adelboden, BE), können sehr heimtückisch sein und verheerende Folgen haben. Neben der akuten Absturzgefahr besteht auch die Möglichkeit, dass durch den Aufprall der Wechte auf die darunterliegende Schneedecke, eine Lawine ausgelöst wird. Zum Glück verlief in diesem Fall alles glimpflich (Foto zur Verfügung gestellt).
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Am Cuolm da Latsch (2295 m, Bergün Filisur, GR) beginnen die Weiden im Bereich der Waldgrenze bereits deutlich auszuapern (Foto: B. Turner, 07.03.2022).
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Trotz der vorhandenen Schwachschichten waren seit Sonntag, 6. März, mit geringer Lawinengefahr in der gesamten Schweiz sehr günstige Bedingungen zu finden. So wurden verbreitet auch steile Abfahrten gewagt. Schattseitig, so wie hier, unterhalb des Piz Cazirauns (ostseitig, 2935 m, Sumvitg, GR), sogar mit Pulver (Foto: A. Stella, 07.03.2022).
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Traumhafte Bedingungen am Piz Cristallina (3127 m, Medel (Lucmagn), GR) (Foto: F. Vanza, 05.03.2022).
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Der eigentlich «unsichtbare» Wind wird bei Vorhandensein von transportfähigem Schnee und durch das Entstehen von Schneefahnen, sichtbar gemacht. Dieses Foto ist ein Paradebeispiel dafür, dass selbst bei schwach bis mässig prognostiziertem Wind (wie es an diesem Tag der Fall war) lokal durchaus höhere Windgeschwindigkeiten auftreten können (Dachberg, Vals, GR) (Foto: U. Berni, 04.03.2022).
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Wer findet die Lawine? Diese fächerförmige Lawine entdeckte das gut geschulte Auge von A. Möckli unterhalb des Piz d’Urezza (2905 m, Zernez, GR). Die Spur oberhalb der Lawine lässt vermuten, dass sie durch Steinschlag ausgelöst wurde (Foto: A. Furrer, 09.03.2022).
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Dieses künstlerische Ensemble aus Skispuren und kleinen, oberflächlichen Sluffs entstand bei der nordseitigen Abfahrt vom Hüreli (2458 m, Klosters, GR) im Bereich der Sandböden (Foto: SLF/S. Hochrein, 09.03.2022).
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Es ist ein wunderbares Gefühl mit Snowboard oder Skiern durch herrlich knisternden Oberflächenreif zu fahren. Allerding sollte man sich diese Abfahrten gut merken, getreu der Faustregel: Die Oberfläche von heute ist die Schwachschicht von morgen (Lobhoren, Lauterbrunnen, BE) (Foto: A. Furrer, 08.03.2022).
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Dieses Foto zeigt, warum über die gesamte Berichtswoche im Schneedecke&Wetter-Teil des Lawinenbulletins, vor einer erhöhten Spaltensturzgefahr gewarnt wurde. Die dünne, oft auch kantig aufgebaute Schneedecke auf den Gletschern, verhinderte häufig eine tragfähige Deckung der Spalten. Besonders im südlichen Wallis und in Südbünden, galt es, erhöhte Vorsicht walten zu lassen (Vadret Pers, Pontresina, GR) (Foto: R. Meister, 09.03.2022).
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Derartige «Eisfinger» (Nordosthänge des Mont Bonvin, 2994 m, Crans-Montana, VS) entstehen immer dann, wenn sich Regen- oder Schmelzwasser in Abflusskanälen sammelt und bei negativen Temperaturen wieder gefriert (siehe auch Wochenbericht vom 14.-20. Januar 2022). Bei genauem Hinschauen liessen sie sich in diesem Winter erstaunlich häufig in der Schneedecke finden. Die meisten stammten noch vom Regen Ende Dezember letzten Jahres (Foto: V. Battler, 09.03.2022).
 

Omegahoch

Über die ganze Berichtsperiode hinweg, brachte ein umfangreiches Hochdruckgebiet sehr sonniges und trockenes Wetter (Abbildung 1). Es handelte sich dabei um ein sogenanntes Omegahoch, also ein Hochdruckgebiet, welches zwischen zwei Höhentiefs „eingeklemmt“ ist. Dieses Gebilde erinnert auf der Isobarenkarte an den griechischen Buchstaben Omega, deshalb sein Name.

 

Mit meist etwas Nordwind blieb es relativ kühl. Die Nullgradgrenze blieb mehrere Tage unter 1500 m, erst am Mittwoch kletterte sie wieder über 2000 m (Abbildung 2).

 

Schneedecke und Lawinensituation

 

Ampel wechselt auf grün

Bereits in der letzten Wochenberichtsperiode hatte sich eine Beruhigung des Altschneeproblems abgezeichnet. In dieser Berichtsperiode erwies sich die Lawinensituation als ausgesprochen günstig. Ein Parameter dafür sind die gemeldeten Gefahrenzeichen: Über den gesamten Berichtszeitraum wurden dem SLF über 200 Meldungen zu Gefahrenzeichen (Wumms und Risse) aus dem Gelände gemacht. Dabei wurde nur ein einziges Wumm gemeldet, alle anderen Meldungen besagten, dass keine Alarmzeichen wahrgenommen wurden (Abbildung 3).

 

Zwar zeigten Schneeprofile, dass der Schneedeckenaufbau nach wie vor nicht überall stabil war. Im Bulletin wurde deshalb weiterhin vor ausgeprägten Schwachschichten gewarnt, insbesondere im südlichen Wallis, sowie in den inneralpinen Graubündens. Die Stellen, wo tatsächlich noch Lawinen ausgelöst werden konnten, wurden aber so rar, dass ab Sonntag, 06.03. in allen Gebieten geringe Lawinengefahr prognostiziert wurde.

Die Verhältnisse ändern nicht sprunghaft, und der Rückgang beim Altschneeproblem ist langsam. Ein Vergleich des Wortlautes des Gefahrenbeschriebs für die inneralpinen Gebiete zwischen Samstag, 05.03 und Sonntag, 06.03. zeigt dies deutlich (Abbildung 4). Bei alleiniger Betrachtung der Gefahrenstufe würde der reale Rückgang überschätzt werden.

 

Erneut «geringe» Lawinengefahr im Winter 2022

Bereits Mitte Januar gab es eine Periode mit geringer Lawinengefahr in den Schweizer Alpen. Im Folgenden werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der aktuellen und der Januar-Situation diskutiert.

 

Wetterlage

Beide Perioden waren geprägt von ausgeprägtem Hochdruckwetter: sonnig, relativ kalt, allgemein recht wenig Wind.

 

Personenauslösungen

Mitte Januar gab es während dieser Periode immer noch Personenauslösungen. In der aktuellen Periode blieben diese ganz aus (Abbildung 5). Die letzte Personenlawine (mind. Grösse 2 ("mittel") wurde vor 10 Tagen (27.02.) gemeldet. In Anbetracht der vielen Tourengänger im Gelände ist das doch eine sehr spezielle Situation.

 

Schneedecke

Sind wie jetzt Schwachschichten vorhanden, aber Lawinenauslösungen bleiben aus, ist dies anhand der Brett- und Schwachschicht-Eigenschaften zu erklären: Nur im Falle einer ungünstigen Kombination sind Auslösungen möglich.

  • Im Vergleich zum Januar liegt deutlich mehr Schnee.
  • An Stellen mit viel Schnee ist das Brett nun sehr kompakt und hart. Die hohe Steifigkeit des Brettes verhindert, dass sich Brüche initiieren lassen und sich diese gut ausbreiten.
  • An Stellen mit wenig Schnee finden wir eine vergleichbare Situation wie im Januar: Das Schneebrett wurde zunehmend kantig aufgebaut und verlor damit an Fähigkeit, einen Bruch auszubreiten.
  • Schwache Altschneeschichten verfestigen auch über Monate hinweg nur sehr wenig. Dennoch ist davon auszugehen, dass sie nun nochmals etwas weniger schwach sind.

Offensichtlich ist eine ungünstige Kombination von Schneebrett und Schwachschicht noch seltener geworden, und die aktuelle Situation damit stabiler als im Januar.

 

Nass- und Gleitschneelawinen

Die Aktivität von Gleitschneelawinen war aufgrund der eher tiefen Temperaturen bescheiden. Dennoch gab es am Alpennordhang mittlere und einige grosse Gleitschneelawinen (Abbildung 6). Das Abgleiten der ganzen Schneedecke auf dem Boden ergibt rasch Lawinen mit einem erhöhten Schadenspotential.

 

Für Donnerstag, 10.03. wurde mit den gestiegenen Temperaturen gebietsweise vor mässiger Gefahr von «Nasse Lawinen im Tagesverlauf» gewarnt. Damit nahm die Periode mit einer rein grünen Gefahrenkarte ein (vorläufiges) Ende.

 

Schneeprofile für die Forschung:

Dieses freistehende Schneeprofil wurde im Rahmen von Forschungsfeldarbeiten auf dem Dach eines Materiallagers des SLF am Eingang des Flüelatal (Davos, GR) gegraben (Abbildung 7). Durch das Durchscheinen der Sonne erkennt man deutlich die einzelnen Schichten, welche sich im Laufe des Winters gebildet haben. Besonders hell leuchteten die ausgeprägten Schwachschichten aus Oberflächenreif. Sie haben eine geringere Dichte im Vergleich zu den kompakteren Schichten.

 

Der Oberflächenreif bildet sich an diesem Standort, aufgrund der Nähe zum Bach (hohe Luftfeuchtigkeit) und der schattigen, windgeschützten Lage, sehr häufig. Werden solch grosse und kantige Kristalle im Gelände eingeschneit, verwandeln sie sich zu einer äusserst störanfälligen Schwachschicht. Beeindruckend ist auch, wie viele einzelne Schichten sich mit der Lupe durch genaues Hinschauen entdecken lassen.

 

Schneelage und klimatologische Einordnung

Auf Grund des warmen Winters und geringer Niederschläge (siehe Analyse MeteoSchweiz) ist es nicht überraschend, dass auch die gefallenen Neuschneemengen in vielen Gebieten gering sind. Abbildung 8 zeigt, dass die aufsummierten täglichen Neuschneehöhen an allen für die Alpensüdseite gezeigten Stationen ab Weihnachten unterdurchschnittlich (braune Farbe) sind (Beginn der Summenbildung: 1. November). Die aktuelle Summe an den Stationen Simplon Dorf (4SM), San Bernardino (6SB) und Bosco Gurin (6BG) war sogar noch nie so klein (basierend auf der Normperiode 1991-2020). Mit Ausnahme von Simplon Dorf (kleinste Neuschneesumme 54 cm im Winter 1989/90), gilt das auch über die ganze Messperiode betrachtet.

 

Unterhalb 1800 m liegt auf der Alpensüdseite aktuell kein oder nur wenig Schnee. Die Stationen Simplon Hospiz (VS, 2000 m), Robiei (TI, 1890 m) und Bosco Gurin (TI, 1525 m) beobachteten, trotz Messreihenlänge seit mindestens 1966, noch sie so wenig Schnee anfangs März. In San Bernardino (GR, 1640) lagen am 9. März 1981 ebenfalls 8 cm. Auch die grosse Mehrheit aller automatischen Stationen im Oberengadin, Tessin und angrenzenden Südost-Wallis liegt bezüglich minimaler Schneehöhe aktuell auf Rang 1 oder 2.

 

Unterhalb 1000 m sind die aktuellen Schneehöhen auch auf der Alpennordseite klar unterdurchschnittlich. An den beiden Stationen MeteoSchweiz Basel und MeteoSchweiz Luzern ist es sogar erst das zweite Mal (nach Winter 2019/2020), dass an keinem einzigen Tag seit November eine Schneedecke beobachtet werden konnte. Zwischen 1000 und 1800 m sind die Schneehöhen aktuell leicht unterdurchschnittlich bis durchschnittlich, mit Ausnahme von Nord- und Mittelbünden, wo leicht überdurchschnittliche Schneehöhen verzeichnet werden (Abbildung 9).  Über 1800 m sind die Schneehöhen momentan schweizweit mehrheitlich leicht unterdurchschnittlich.

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Gefahrenentwicklung

Lawinenbulletins dieser Zeitperiode im Überblick.

 

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