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Wochenbericht 04. - 10. Februar 2022

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Ausgeprägtes Altschneeproblem, grosse Lawinen und ausserordentlich viele Lawinenunfälle

Ausgeprägte, tief in der Schneedecke verborgene Schwachschichten bestimmten die für Schneesport abseits der gesicherten Pisten gebietsweise kritische Lawinensituation. Schneesportler lösten im freien Gelände zahlreiche, teils auch grosse, Lawinen aus. Bei 36 dieser Lawinen wurden Personen mitgerissen. Sechs Personen verloren in Lawinen ihr Leben.

 
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Die meisten Lawinen dieser Berichtswoche brachen tief in der Altschneedecke. Dementsprechend mass so manche Anrisskante, wie auch hier am Cuolm-Cavorgia (Tujetsch, GR), über einen Meter Höhe (Foto: M. Kreiliger, 04.02.2022).
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Lawinenabgang im Hintergurschenälpetli (Andermatt, UR). Zum Glück befanden sich die Beobachter in sicherer Entfernung (J. Allemann, 04.02.2022).
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Unterhalb der Zenjiflue (2685 m, Arosa, GR) löste ein Wintersportler diese Schneebrettlawine mittlerer Grösse aus, blieb jedoch unverletzt (Foto: C. Hossli, 04.02.2022).
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Wahrscheinlich spontan sind diese beiden grossen Schneebrettlawinen im Camaner Tälli (Safiental, GR) im Altschnee angebrochen.
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Becherkristalle, wie hier am Amselboden (Davos, GR), sind zurzeit sehr häufig im Altschnee zu finden. Die wenigen Berührungspunkte der kantigen, grossen Kristalle zu ihren Nachbarkristallen machen sie zu einer perfekten Schwachschicht (Foto: SLF/T. Stucki, 05.02.2022).
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500 m lang und 200 m breit war diese Schneebrettlawine unterhalb des Muntischè (2566 m, Zuoz, GR). Sie wurde auf 2500 m ausgelöst, teilte sich im Hang und floss bis zum Hangfuss (Foto: U. Stahel, 05.02.2022).
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Diese «lawinenförmigen» Risse im Hang (Bärentälli, Davos, GR) deuten darauf hin, dass zwar ein Bruch in der Schwachschicht erfolgt, das Gelände aber für ein Abgleiten der Schneetafel zu flach gewesen war (Foto: M. Altenbach, 06.02.2022).
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Der Spindrift infolge der stürmischen Kaltfront von Sonntag, 06.02. bis Montag, 07.02. sorgte auf der Schibenstoll Ostwand (Gluristal, Wildhaus-Alt St. Johann, SG) für eine mystische Stimmung (Foto: P. Diener, 06.02.2022).
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Auch oberhalb der Alp de Stabi (Mesocco, GR) gingen mehrere Lawinen im Altschnee ab (Foto: R. Heusi, 06.02.2022).
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Am Nordosthang des Cúvers (2424 m, Lumnezia, GR) löste sich diese Schneebrettlawine (Foto: U. Riedi, 06.02.2022).
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Der Wintersturm am Sonntag, 06.02. und Montag, 07.02. machte sich auch auf den Gipfeln über dem Val Cavagnolo (Bedretto, TI) bemerkbar. Sogar vom Tal aus erscheinen diese Windfahnen geradezu riesig (Foto: C. Giudici, 07.02.2022).
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Auch so mancher Baum blieb nicht verschont von den zeitweisen stürmischen Winden während dieser Berichtswoche (1814 m, Chemispitz, Pfäfers, SG; Foto: T. Wälti).
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Isoliert man einen dünnen Schneeblock auf zwei Seiten, sodass das Sonnenlicht durchscheinen kann, so erkennt man häufig die einzelnen Schneeschichten. Besonders deutlich erkennt man hier am Übergang vom gebundenen Neu- und Triebschnee zur hell schimmernden Altschneedecke. (Parwengebire, St. Stephan, BE; Foto: L. Hofer, 08.02.2022)
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Eine Gruppe von Skitourengehern löste diese Schneebrettlawine vom Flachen her aus (Obersaxen Mundaun, GR; Foto: T. Strüby, 08.02.2022).
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«Heimtückisch» ist zurzeit die richtige Bezeichnung für die Lawinensituation. Nachdem die Gasex-Sprenganlage im Skigebiet Belalp (Naters, VS) Reparaturarbeiten unterzogen werden musste, versuchte man zunächst – etwa fünf Meter neben dem Rohr – den Hang mit Hilfe einer Sprengladung aus dem Hubschrauber zu entladen: Erfolglos. Kurze Zeit später erfolgte dann eine Sprengung mit der Gasex: Der komplette Hang löste sich und hinterliess eine übermannsgrosse Anrisskante (Foto: P. Schwitter, 08.02.2022).
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Nach einem plötzlichen Wumm im Flachen, löste sich auf der gegenüberliegenden Talseite am Älplihorn (Davos, GR) diese erste Lawine (links unterhalb des Gipfels) … (Foto: T. Heldstab, 09.02.2022)
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…einige Sekunden später war der ganze Hang von Lawinen durchsetzt (Foto: T. Heldstab, 09.02.2022).
 

Freitag, 04.02. bis Sonntag, 06.02.: Ausgeprägtes Altschneeproblem – viele grosse Lawinenauslösungen und Fernauslösungen

Nach dem Sturm, welcher gebietsweise einen Meter Neuschnee gebracht hatte (siehe Wochenbericht der Vorwoche), lag in den meisten Regionen eine mächtige Neu- und Triebschneeschicht auf einer schwachen Altschneedecke (Abb. 1a). Dies war die «perfekte» Kombination aus Schwachschicht und darüber liegendem «Schneebrett». Schon die Belastung durch das Gewicht einer Person genügte, einen Bruch in der Schwachschicht zu erzeugen. Da die Schwachschicht-Schneebrett-Konstellation oftmals über grosse Flächen gegeben war, konnten sich Brüche in der Schneedecke über grosse Distanzen ausbreiten. Die Folgen waren zum einen Fernauslösungen über Hunderte von Metern Distanz, zum anderen aber auch, dass Lawinen grossflächig abgingen (Abb. 1b,c und 2). Vereinzelt lösten sich Lawinen noch spontan (Abb. 3). Besonders in den Regionen und an Stellen, an welchen diese «Schneebrett»-Schicht weniger mächtig war, konnten grosse, vereinzelt sogar sehr grosse Lawinen durch Personen ausgelöst werden. Die meisten der Lawinen brachen am Übergang zwischen dem Neu- und Triebschnee der Sturmphase und der schwachen Altschneedecke. Lawinenauslösungen waren im südlichen Wallis etwas seltener, und die Lawinen etwas weniger gross (Abb. 4).

 
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Abb. 1a: Schneeprofil, aufgenommen am 06.02. am Anriss einer rund 500 m breiten, von Personen ausgelösten Lawine im E-SE-Hang am Rossboden (Davos/GR). Das Schneeprofil zeigt (von oben nach unten): etwas lockerer Neuschnee (oberste Schicht, grün) lag auf einer recht kompakten Neu- und Triebschneeschicht (rosa, zwischen ca. 69 cm und 115 cm), dem «Schneebrett». Darunter bestand die Schneedecke meist aus sehr weichen und aufbauend umgewandelten Schichten (hellblaue und dunkelblaue Schichten) und aus Schmelzharschkrusten (rot, gestreift). Die Lawine war in der sehr weichen, kantig aufgebauten Schicht unterhalb der dünnen Schmelzharschkruste bei 68 cm angebrochen. Teils wurde die gesamte Schneedecke bis zum Boden mitgerissen.
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Abb. 1b: Schneeprofil-Aufnahme am Lawinenanriss. Der Anriss war zwischen 30 und 120 cm mächtig. Das Schneeprofil wurde an einer eher schneearmen Stelle aufgenommen. Im oberen Teil des Bildes ist ein weiterer Teil des Anrisses derselben Lawine sichtbar (Foto: SLF/J. Trachsel, 06.02.2022).
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Abb 1c: Die gleiche Lawine, aufgenommen vom Gipfel des Sentisch Horn (Foto: T. Theile, 05.02.2022).
 
 
 
 

Sonntag, 06.02. bis Montag, 07.02.: Stürmische Kaltfront führt zu gebietsweisem Anstieg der Lawinengefahr

Zwischen Sonntagmittag und Montagabend dominierte nochmals stürmisches Wetter. Verbreitet schneite es, am meisten am Alpennordhang und in Nordbünden (Abb. 5). Mit dem starken, in Gipfellagen stürmischen, von Südwest auf Nord drehenden Wind entstanden umfangreiche Triebschneeansammlungen. In der Folge lösten sich erneut Lawinen spontan. Lawinenanrisse im Altschnee wurden besonders aus den inneralpinen Gebieten gemeldet (Abb. 6).

 
 

Dienstag, 08. bis Donnerstag, 10.02.: Weiterhin ausgeprägtes Altschneeproblem besonders in den inneralpinen Gebieten

Die mit dem Sturm entstandenen, teils umfangreichen Triebschneeansammlungen stabilisierten sich zusehends. Im Vordergrund stand daher meist weiterhin das ausgeprägte Altschneeproblem, besonders im südlichen Wallis und in Graubünden. Wiederum wurden Fernauslösungen durch Personen gemeldet (Abb. 7 und 8).

Die Nullgradgrenze stieg innert zweier Tage um fast 3000 m an, von 700 m am Montag auf rund 3500 m am Mittwoch. Mit der Erwärmung und Sonneneinstrahlung lösten sich an besonnten Hängen einzelne feuchte Lawinen.

 
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Abb. 7a: Nordwesthang des Pazzolastocks (2739 m, Andermatt, UR) mit rund 10 Abfahrtsspuren,… (Foto: J. Kölliker, 08.02.2022)
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Abb. 7b: … nur wenig später lösten sich nach einem Wummgeräusch drei Lawinen an diesem Hang. Der Ort der mutmasslichen Auslösung lag rund 500 m entfernt (Foto: J. Kölliker, 08.02.2022).
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Abb. 7c: Am darauffolgenden Tag stiegen Bergführerinnen mit ihren Gruppen zu diesen Lawinen auf. Dabei entstand dieses eindrückliche Foto der teils mächtigen Schneeschollen. Die Lawine war im schwachen Altschnee auf oder unter der Regenkruste von Ende Dezember gebrochen. Der Anriss war 50 bis 150 cm mächtig (Foto: A. Huwiler, 09.02.2022).
 
 

Zahlreiche Lawinenauslösungen durch Personen und Lawinenunfälle

Besonders während und unmittelbar nach dem Sturm am Sonntag und Montag wurden einzelne, teils sehr grosse spontane Lawinen gemeldet. In den meisten Gebieten standen aber Lawinenauslösungen durch Personen im Vordergrund. In den acht Tagen zwischen Donnerstag, 3. Februar und Donnerstag, 10. Februar (Meldungen bis mittags) wurden 138 durch Personen ausgelöste Lawinen gemeldet, die meisten davon in Graubünden (Abb. 9). Es war damit, vom Blickwinkel der Personenauslösungen, die bisher lawinenaktivste Phase des Winters (Abb. 10).

Es ereigneten sich zahlreiche Lawinenunfälle:

  • 21 Unfälle ereigneten sich beim Variantenfahren, davon 6 in den Gebieten mit vorhergesagter Gefahrenstufe 4 (gross)
  • 14 Unfälle passierten auf Tour.
  • 1 Lawine verschüttete eine Loipe, wobei Personen erfasst wurden.

Insgesamt wurden 55 Personen in 36 Lawinen erfasst, wobei tragischer Weise auch 6 Personen ihr Leben verloren.

 
 

Vorsicht: Altschnee!

Wie eine kürzlich publizierte Studie gezeigt hat (siehe hier), steigt das Risiko eines Lawinenunfalls (beim Touren) stark mit der Gefahrenstufe an (Faktor 4 von einer Stufe zur nächsthöheren). Allerdings hat auch das Lawinenproblem einen Einfluss auf das Risiko: bei gleicher Gefahrenstufe war das Risiko bei einem vorhergesagten Altschneeproblem rund 50% höher verglichen mit Tagen an denen ein anderes Lawinenproblem vorhergesagt wurde (bspw. Neuschnee oder Triebschnee). Gründe dafür liegen darin, dass Lawinen, welche im Altschnee anbrechen, tendenziell grösser sind, und dass diese Gefahrenstellen von aussen kaum sichtbar sind. In diesen Situationen ist ein möglichst defensives Verhalten empfehlenswert.

 

Gefahrenentwicklung

Lawinenbulletins dieser Zeitperiode im Überblick.

 

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