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Wochenbericht 24. - 31. Dezember 2020

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Kalt, mit Neuschnee und Föhnsturm verbreitet Triebschnee, Altschneeproblem mit hoher Auslösebereitschaft vor allem im Wallis

Nach einer markanten Abkühlung über die Weihnachtstage kehrte Frau Holle zurück. Erst fielen im Norden bis zu 70 cm lockerer Schnee. Dann schneite es im Westen und im Süden bis zu 60 cm. Gleichzeitig verfrachtete ein Föhnsturm den im Norden noch lockeren Schnee intensiv. Viele Lawinen wurden durch Wintersportler ausgelöst, im Wallis vor allem im schwachen Altschnee, in den übrigen Gebieten auch im frischen Triebschnee.

 
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Diese Lawine wurde bei der Abfahrt vom Sidelhorn im Goms, VS fernausgelöst. Der Triebschnee war offenbar sehr einfach auslösbar. Die Lawine breitete sich über einen Geländerücken weiter aus, was auf eine flächige Schwachschicht unter dem Triebschnee hindeutete. Südosthang auf 2300 m (Foto: B. Birrer, 27.12.2020).
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Das letztwöchige Altschneeproblem war auch diese Woche noch verbreitet präsent, wie dieser Sprengerfolg am Mont Bonvin (Hang im Vordergrund, Exposition Südwest, 2800 m) und am Tubang (Hang in der Frontalansicht, Exposition Ost, 2700 m) Crans-Montana, VS zeigt (Foto: V. Bettler, 26.12.2020).
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Diese Schneebrettlawine im Aufstieg vom Passo del San Bernardino Richtung Piz Moesola (Marscholhorn), GR veranschaulicht, dass der Triebschnee kompakt war und nach dem Lawinenabgang in groben Schollen abgelagert wurde (Foto: M. Keller, 26.12.2020).
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Hier am Flüela Schwarzhorn, GR auf etwa 2600 m, war der Triebschnee weicher und somit die Ablagerungen der Schneebrettlawine locker (Foto: SLF/S. Margreth, 26.12.2020).
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Die glatten Schneeoberflächen können trügerisch sein, wie hier das Foto vom Schilthorn im Simplongebiet, VS zeigt: Der Schnee wurde durch den Wind von den Rücken und Kammlagen in Mulden verfrachtet, wo sich Triebschnee ansammelte und Schneebrettlawinen ausgelöst werden konnten (Foto: F. Pfammatter, 26.12.2020).
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Auch im Bedrettotal, TI hinterliess der Wind seine Spuren auf der Schneeoberfläche, wie hier beim Passo San Giacomo auf knapp 2500 m (Foto: T. Schneidt, 26.12.2020).
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Am Wochenende fand der angekündigte Föhnsturm den Weg in die Alpen. Erste Vorzeichen sah man schon am Heiligabend an den Gipfeln des Val Roseg bei Pontresina, GR (Foto: M. Casella, 24.12.2020).
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Muntaluna (2422 m, Pfäfers, SG) nach dem Südsturm: Die Schneedecke wurde in den Föhnschneisen ziemlich umgeschichtet, die Bergrücken zum Teil blank gefegt (Foto: SLF/L. Dürr, 27.12.2020).
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Wo sich der Triebschnee hinter Kammlagen ansammelte, konnten sich Schneebrettlawinen mit mächtiger Anrisshöhe lösen, wie hier zwischen Gatschieferspitz (2674 m) und Pischahorn (2980 m, Klosters-Serneus, GR). Ausgelöst wurde die Lawine im schwachen Altschnee (Foto: vom Tourenfahrer zvg., 27.12.2020).
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An windbearbeiteten Hängen wie zum Beispiel am Grüenihorn (2373 m) bei Davos, GR konnten auch in Mulden die Triebschneeansammlungen leicht ausgelöst werden (Foto: A. Raez, 27.12.2020).
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Wie das Foto dieser Schneebrettlawine zeigt, war die Schneedecke auf rund 2300 m nach dem Windeinfluss recht gedeckelt und brüchig. Auch dieses Schneebrett löste sich in Kammnähe unterhalb einer Geländekuppe auf der Inneralp (Obersaxen Mundaun, GR) (Foto: P. Degonda, 28.12.2020).
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Beim Aufstieg zur Furcletta beim Piz Toissa (2655 m) (Surses, GR) lagen unterschiedliche Schneemengen sehr nahe bei einander: der starke Wind der letzten Tage hatte den Schnee in die Mulden gefegt (Foto: G. Voide, 29.12.2020).
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Der Wind beweist sich einmal mehr als Baumeister kreativer Formen, wie hier im Val Cassinello (2400 m, Bedretto, TI). Der Oberflächenreif überzog das Kunstwerk mit einer glitzernden Decke (Foto: T. Schneidt, 30.12.2020).
 

Wetter

 

Heiligabend und Weihnachten: Abkühlung

Die Nullgradgrenze sank von fast 3000 m bis in tiefe Lagen. Auf 2000 m sanken die Temperaturen von plus 6 °C am 23. Dezember auf minus 9 °C am 26. Dezember. Damit war das Weihnachtstauwetter definitiv vorbei. Trotzdem: Das Jahr 2020 dürfte auch trotz diesem kalten Jahresende als wärmstes Jahr seit Messbeginn in die Annalen eingehen (Quelle: MeteoSchweiz). In der Nacht auf Heiligabend setzte aus Westen Schneefall ein. Die Schneefallgrenze sank von 2000 m rasch bis in tiefe Lagen. Bis am Morgen des 26. Dezembers fielen am Alpennordhang bis zu 70 cm Neuschnee (vgl. Abbildung 2).

 

Am Alpennordhang fiel der Schnee meist mit relativ wenig Wind und wurde sehr locker abgelagert. In der Höhe und am zentralen Alpenhauptkamm blies der Nordwind stärker.

 

Samstag, 26. Dezember: Viel Sonnenschein

Abgesehen von Restbewölkung in den nördlichen Gebieten unterhalb von etwa 2000 m war es recht sonnig. 

 

Sonntag, 27. bis Dienstag, 29. Dezember: Föhnsturm, Schnee im Westen und Süden

Sturm Hermine übernahm nun das Geschehen. Am Sonntag setzte in der Höhe starker bis stürmischer Südwestwind und in den Alpentälern des Nordens starker Föhn ein (siehe Abbildung 3). Der lockere Neuschnee der Weihnachtstage wurde dadurch intensiv verfrachtet (vgl. Abbildung 4). 

 

Am Sonntagabend setzten im Westen Schneefall ein, der bis Dienstagabend anhielt. Im Westen fielen 20 bis 60 cm, an der Grenze zu Frankreich bis zu 70 cm Schnee. Im Süden fielen verbreitet 20 bis 40 cm (vgl. Abbildung 5).

 
 

Mittwoch, 30. und Donnerstag 31. Dezember: Im Westen wenig Schnee, im Osten teils sonnig

Im Westen war es meist trüb und im Jura sowie vom Chablais über die Waadtländer bis in die Freiburger Alpen fielen rund 10 bis 20 cm Schnee. Im Osten blieb es trocken und es war oft sonnig. 
 

 

Schneedecke und Lawinensituation

In mittleren Lagen, wo die Schneedecke bis zu Weihnachten angefeuchtet wurde, verfestigte sich diese durch die Abkühlung. Es bildete sich teils eine Kruste, welche dann verbreitet eingeschneit wurde.
Das Altschneeproblem dauerte an. Vor allem im Wallis, aber auch in Graubünden und am Alpennordhang brachen Lawinen im schwachen Fundament der Schneedecke an. Betroffen waren vor allem die Regionen, die im Dezember nicht die höchsten Neuschneesummen aufzeichneten und damit eine kritische Überdeckung des schwachen Altschneefundaments aufwiesen (vgl. Abbildung 6 und 7).
 

 
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Abb. 7: Gesprengte Lawine, in Crans Montana, VS an einem Südwesthang auf 2700 m. Die Lawine brach tief im Altschnee an und hatte eine Anrisshöhe von bis zu einem Meter. Sie ist ein eindrückliches Beispiel für die gefährliche Grösse der Altschneelawinen (Fotos: V. Bettler, 26.12.2020).
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Abb. 7: Gesprengte Lawine, in Crans Montana, VS an einem Südwesthang auf 2700 m. Die Lawine brach tief im Altschnee an und hatte eine Anrisshöhe von bis zu einem Meter. Sie ist ein eindrückliches Beispiel für die gefährliche Grösse der Altschneelawinen (Fotos: V. Bettler, 26.12.2020).
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Abb. 7: Gesprengte Lawine, in Crans Montana, VS an einem Südwesthang auf 2700 m. Die Lawine brach tief im Altschnee an und hatte eine Anrisshöhe von bis zu einem Meter. Sie ist ein eindrückliches Beispiel für die gefährliche Grösse der Altschneelawinen (Fotos: V. Bettler, 26.12.2020).
 

Altschnee-Spurensuche: Wo lag Ende November 2020 Schnee?

Wer derzeit eine Tour plant und nicht gerade ins Tessin geht, wo die Überdeckung des schwachen Altschnees mächtig und stabil ist, wird sich vermutlich fragen, wo vor dem Schnee vom Dezember Altschnee lag, der potentiell eine Schwachschicht bilden könnte. Für diese Frage könnte das hochaufgelöste Bild des Sentinel Satelliten von Ende November helfen (vgl. Abbildung 8). Wer weiss, vielleicht fliessen solche hochaufgelösten Informationen in Zukunft auch direkt ins Lawinenbulletin?

 

In dieser Wochenberichtsperiode bildete sich aber auch ein Triebschneeproblem. Wind ist der Baumeister von Lawinen. Bereits am Freitag, 25.12. und Samstag, 26.12. bildete sich mit kräftigem Nordwind Triebschnee vor allem am zentralen Alpenhauptkamm und auch sonst in der Höhe. Noch mehr Schnee wurde aber mit dem Föhnsturm verfrachtet. Zusammen mit der Erwärmung bildete sich ein kompaktes «Brett», welches teils sehr auslösefreudig war. Typischerweise kann sich Triebschnee sehr rasch, innerhalb von wenigen Stunden, bilden und zu einem markanten Anstieg der Lawinengefahr führen. Und die Auslösebereitschaft kann auch rasch wieder abnehmen.

 

Triebschneeproblem in der Prognose

Die genaue Vorhersage dieses Anstieges ist eine grosse Herausforderung in der Prognose. Dies zeigte sich auch diesmal: Die Lawinengefahr wurde für den Sonntag, 27. Dezember in den bezüglich Triebschnee am kritischsten beurteilten Gebieten als gross (Stufe 4, alpines Schneesportgelände) eingeschätzt (Prognose für Sonntag, 27. Dezember). Dies nicht nur wegen des Windes sondern auch wegen der deutlich milderen Temperaturen während des Föhnsturmes. Der Wind hielt sich aber nicht ganz an die Prognose. Er kam zwar, aber deutlich später als vorhergesagt. Er setzte erst im Laufe des Sonntagnachmittags ein und somit war die Einschätzung für den Sonntagnachmittag mit Stufe 4 zu hoch. 

Da der Wind verzögert einsetzte und das Maximum in der Nacht erreichte, wurde die Stufe 4 für die Nacht auf den Montag, 28. Dezember beibehalten. Rückmeldungen aus den betreffenden Föhngebieten des Alpennordhanges bestätigten dann aber die sehr hohe Auslösbarkeit des Triebschnees nicht (u.a. wurden kaum spontane Lawinen beobachtet). 

 

Triebschneeproblem für den Wintersportler

Der geübte Wintersportler kann Triebschneeansammlungen oft gut erkennen und somit die Gefahrenstellen meiden. Vielmals ist die Gefahr vom Triebschnee auch deutlich spürbar, es gibt Gefahrenzeichen wie Rissbildung oder Wummgeräusche oder an kleinen Hängen lassen sich Abgänge provozieren (vgl. Abbildung 9). Allerdings ist das Umgehen der Gefahrenstellen nicht immer einfach, da insbesondere nach Stürmen, wie es in dieser Wochenberichtsperiode der Fall war, neben den Triebschneeansammlungen gar kein Schnee mehr liegt. Teilweise kann eine sichere Route nur zu Fuss begangen werden.


Hinzu kommt, dass Triebschneeansammlungen nicht immer gut erkennbar sind. Oft sind von der Schneeoberfläche keine Unterschiede in der Schneebeschaffenheit auszumachen und es kann nur über die Geländeform angenommen werden, wo Triebschnee liegen könnte (vgl. Abbildung 10). Oder der Triebschnee ist überschneit und deshalb nicht mehr erkennbar.

 
 

Lawinenunfälle

Vom 24. bis zum 31. Dezember wurden 14 Lawinenunfälle gemeldet, wobei insgesamt 20 Personen erfasst wurden. 
Insgesamt wurden diesen Winter bisher 35 Lawinenunfälle gemeldet, wobei sechs Personen ums Leben kamen und eine Person vermisst wird. Total wurden 46 Personen von Lawinen erfasst, was über dem Durchschnitt der letzten 10 Jahre von 29 erfassten Personen per Ende Dezember liegt.

Der nächste Wochenbericht erscheint am Donnerstag, 7. Januar 2021.

 

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Gefahrenentwicklung

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