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Wochenbericht 05. - 11. April 2019

Hauptinhalt

 

Ende des intensiven Schneefalls, dann Rückgang der Lawinengefahr

In der Nacht auf Freitag endete eine kurze, aber heftige Schneefallperiode. Eine Südstaulage hatte grosse Neuschneemengen gebracht, die auch weit über den Alpenhauptkamm nach Norden hinüber gegriffen hatten. An einzelnen Stationen wurden die höchsten 2-Tages-Neuschneesummen seit Beginn der Messungen registriert. In den Hauptniederschlagsgebieten wurde vor grosser Lawinengefahr (Stufe 4) gewarnt. Im Nachhinein zeigte sich, dass schon während des intensiven Schneefalls sehr viele Lawinen abgegangen waren. Diese waren teils sehr gross, aber nur selten aussergewöhnlich, so dass keine grösseren Schäden bekannt wurden. Bei wechselhaftem Wetter ohne grössere Schneefälle beruhigte sich die Lawinensituation in der Folge sehr schnell.

 
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Die Schneebrettlawinen hier an der Nordostflanke des Sentisch Horn (2826 m; Davos, GR) gingen spontan in der Nacht auf Freitag ab (Foto: M. Derivaz, 05.04.2019).
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Bezaubernde Stimmung am Munt Griatschouls (2500 m, S-chanf, GR): Die vermutlich spontane Schneebrettlawine wurde während der Schneefälle gleich wieder eingeschneit und gibt dem Hang nun eine einzigartige Struktur (Foto: A. Möckli, 05.04.2019).
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Diese Schneebrettlawine wurde am Parpaner Schwarzhorn (2600 m, Churwalden, GR) an einem Westhang wohl durch Personen ausgelöst. Auch wenn der Bruch im frischen Triebschnee stattfand und nicht bis in untere Altschneeschichten durchriss, breitete sich die Lawine zu einer beträchtlichen Grösse aus (Foto: A. Huwiler, 05.04.2019).
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Sicherheitssprengungen am frühen Morgen führten zu keinem nennenswerten Erfolg. Umso grösser war die Überraschung an der Gurschenalp (2200 m, Andermatt, UR), als am Mittag diese Schneebrettlawine von der Pistenraupenspur rechts im Bild über 200 m fernausgelöst wurde. Der Hang war bereits davor verspurt (Foto: SkiArena Gemsstock, 05.04.2019).
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Im Süden wurden die Lawinen teilweise sehr gross und stiessen mitunter bis weit ins Grüne vor. Sie blieben aber im üblichen Rahmen und führten zu keinen nennenswerten Schäden. Hier im Dorf Torre auf 790 m, Blenio, TI (Foto: F. Vanza, 05.04.2019).
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Die Lawinenverbauungen am Geissberg bei Gurtnellen (2000 m, UR) waren bereits während der Grossschneefälle im Januar gefährlich stark gefüllt (siehe hierzu die Bildergalerie des Wochenberichts 11.-17.01.2019). Nach der letzten Niederschlagsperiode wuchs die Schneehöhe weiter an (Foto: H. Müller, 05.04.2019).
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Prächtige Aussicht am Piz d’Emmat (2900 m, Surses, GR). Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die gesamte Flanke in der Bildmitte quasi „leergefegt“, d.h. abgegangen ist (Foto: J.A. Bisaz, 05.04.2019).
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Auch hier am Glacier des Grands (3000 m, Trient, VS) ist die überschneite, aber flächige Schneebrettlawine auf den ersten Blick nur schwer zu erkennen; daher die markierten Umrisse (Foto: J.-L. Lugon, 05.04.2019).
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Beim morgendlichen Blick aus dem Fenster der Chamanna Coaz wurde klar: Es gab fast schon serienweise spontane Lawinenabgänge am Vadret da Roseg (3000 m, Samedan, GR; Foto: U. Schranz, 05.04.2019).
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Hier ein Lawinenniedergänge auf der Nordseite des Garvera (2273 m, Sumvitg, GR). Die Lawinen gingen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag spontan ab (Foto: W. Degopnda, 05.04.2019).
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Fällt viel Schnee, steigt auch der Räumaufwand. Hier bei Acquacalda im Valle Santa Maria (1700 m, Blenio, TI) wurde diese Strasse wieder von der Ablagerung einer Lawine befreit (Foto: F. Genucchi, 06.04.2019).
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Diesen Winter wurden bereits einige Messfelder des SLF von Lawinen getroffen, wodurch die Werte der automatischen Schneehöhenmessungen fälschlicherweise drastisch in die Höhe schnellten. Die Station „Unter Surettasee (3HTR)“ in Rheinwald (GR) auf 2200 m blieb jedoch bisher verschont (Foto: G. Valenti, 06.04.2019).
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Am wenigsten Schnee fiel im Nordosten. An den felsigen Hängen der Nordwestflanke des Speer gingen auf 1800 m diverse kleine bis mittlere Lockerschneelawinen ab (Schänis, SG; Foto: M. Escher, 06.04.2019).
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Diese Auslösung ereignete sich am Gurbsgrat (2100 m, Diemtigen, BE) durch zwei Tourenfahrer. Die Schneebrettlawine ging durch die grössere Hangneigung und die Zugspannung der Geländeform an dem Hang nieder - im Gegensatz zur verspurten, flachen Variante rechts im Bild (Foto: G. Lipps, 07.04.2019).
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Die Gleitschneelawine am Garzen (2711 m) war bereits unten; am Südosthang des Wandelhoren (2303, Meiringen, BE) ging rechts im Bild noch eine kleine weitere nieder (Foto: B. Henauer, 06.04.2019).
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Eine weitere Gleitschneelawine, diese mit grösserem Ausmass, konnte bei Vieux Emosson (2600 m, Finhaut, VS) beobachtet werden (Foto: J.-L. Lugon, 09.04.2019).
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Gute Tourenbedingungen am Crap Baselgia (2500 m, Disentis, GR). Zwar hatte es an der Surselva bis auf 2200 m hinauf geregnet, doch oberhalb luden die wenigen cm Neuschnee auf einer tragfähigen Kruste zu schönen Schwüngen ein (Foto: P. Degonda, 09.04.2019).
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Ist der Himmel nachts bewölkt, strahlt die Schneeoberfläche kaum Wärme ab. Dadurch war die Schneedecke am Grat Rocce del Gridone (2150m, Centovalli, TI) an der Grenze zu Italien bereits am Morgen durchfeuchtet (Foto: D. Silbernagel, 09.04.2019).
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Wehe, wenn das eingeschneit wird: Grosser Oberflächenreif ist an der Schneeoberfläche ein faszinierendes Phänomen, in der Schneedecke jedoch eine langlebige Schwachschicht. Hier in Vieux Emosson, Finhaut, VS auf 2500 m (Foto: J.-L. Lugon, 09.04.2019).
 

Freitag, 05.04.: Ende des Grossschneefalls und gebietsweise grosse Lawinengefahr (Stufe 4)

 

Die 3-tägige Schneefallperiode

Bereits am Dienstag, 02.02. fiel im Süden Niederschlag (siehe letzten Wochenbericht). Von Mittwoch- bis Freitagmorgen schneite es dann verbreitet und gebietsweise sehr intensiv, wobei sich die stärksten Schneefälle mit der Zeit vom Oberwalliser Alpenhauptkamm nach Osten bis zum Berninagebiet verlagerten und weit über den zentralen Alpenhauptkamm nach Norden übergriffen. Die Schneefallgrenze lag zunächst bei 1600 bis 2000 m. Im Norden sank sie rasch unter 1000 m, im Süden und im Osten auf 1200 bis 1600 m. Der Südwind blies anfangs stark bis stürmisch. Im Norden war er von Westen her schon während des Niederschlags stark abgeflaut. Insgesamt fielen im Süden von Dienstag- bis Freitagmorgen bzw. im Norden von Mittwoch- bis Freitagmorgen folgende Schneemengen (Abbildung 1):

  • Alpenhauptkamm vom Simplon Gebiet bis zum Berninapass, Haslitäler, Meiental, Maderanertal, nördliches und mittleres Tessin, Moesano: 100 bis 150 cm, von den oberen Maggiatälern bis in die Urseren bis 180 cm 
  • Direkt angrenzende Gebiete 60 bis 100 cm
  • Sonst verbreitet 40 bis 60 cm, im nördlichen Unterwallis und vom Alpstein über Nordbünden bis ins nördliche Unterengadin 20 bis 40 cm.

 

Am Freitag war es im Süden meist bewölkt, sonst sonnig (Abbildung 2).

 

 

 

Maximale 2-Tages-Neuschneesummen an einzelnen Stationen

So viel Neuschnee in so kurzer Zeit ist im Süden nicht aussergewöhnlich, in den nördlichen Gebieten aber schon. So wurden an den beiden Messstationen in den Haslitälern (Guttannen und Gadmen) die höchsten, und an vier weiteren Stationen in Uri und Obwalden die zweithöchsten, je gemessenen 2-Tages Neuschneesummen verzeichnet (Tabelle 1). Im Süden dagegen reichte es einzig an der Station Ritom oberhalb von Piotta für einen 8. Rang. Ursache ist einerseits, dass Starkniederschläge im Süden häufiger sind, und andererseits, dass die Schneefallgrenze im Norden deutlich tiefer lag, so dass dort auch die gewöhnlich weniger schneereichen, eher tiefer gelegenen Stationen viel Neuschnee erhielten. Von den höher gelegenen, langjährigen IMIS-Stationen erreichte einzig die Station Laucheren im Meiental (UR) einen neuen 2-Tages Neuschneerekord.

 

Tab. 1: Aussergewöhnliche 2-Tages-Neuschneesummen am Freitagmorgen, 05.04.2019, gemessen an den manuellen Messfeldern von SLF und MeteoSchweiz.

Station (Kanton)

Höhe

(m ü.M.)

Messdauer

(Jahre)

2-Tages Neu-schneesumme (cm)

Rang

Guttannen (BE)

1055

72

160

1

Gadmen (BE)

1190

66

112

1

Göscheneralp (UR)

1550

31

160

2

Göschenen (UR)

1110

51

136

2

Gurtnellen (UR)

950

51

117

2

Engelberg (OW)

1055

70

95

2

Diavolezza (GR)

2090

74

100

3

Meien (UR)

1320

66

130

4

Juf (GR)

2117

25

89

4

Curaglia (GR)

1330

43

89

7

Ritom (TI)

1800

64

128

8

Corvatsch (GR)

2690

26

91

9

Andermatt (UR)

1440

79

101

10

 

Ungewöhnlich grosse Schneehöhen für einen 5. April

In mittleren Höhen liegt um diese Jahreszeit normalerweise nicht mehr allzu viel Schnee. Deshalb reichten die grossen 2-Tages-Neuschneesummen an folgenden 3, eher tief gelegenen Messfeldern für die höchsten, je an einem 5. April gemessenen Schneehöhen:

  • Curaglia (GR, 1330 m): 75 cm
  • Engelberg (OW, 1550 m): 84 cm
  • Guttannen (BE, 1055 m): 98 cm

 

In grosser Höhe lag schon davor viel Schnee, so dass nach dem Grossschneefall an fast einem Drittel der IMIS-Stationen mit mindestens 10-jähriger Messreihe (35 von 115) so viel Schnee gemessen wurde wie noch nie an einem 5. April. Darunter waren allerdings auch einzelne Stationen, die während des aktuellen Winters durch Lawinen getroffen wurden und seither zu grosse Schneehöhen lieferten. Jede 5. Station mass den zweithöchsten Wert (23 von 115). Die grössten oder zweitgrössten Schneemengen traten vor allem am Alpenhauptkamm vom Oberwallis ostwärts, in den Urner Alpen und in Graubünden auf (Abbildung 3). Die Schneehöhen waren praktisch in den ganzen Schweizer Alpen überdurchschnittlich, am Oberwalliser Alpenhauptkamm und am östlichen Alpenhauptkamm sogar stark überdurchschnittlich (Abbildung 4).

 
 

Hohe Lawinenaktivität bereits während des Schneefalls

Der Neuschnee fiel auf eine verbreitet günstig aufgebaute, stabile Schneedecke. Brüche in tiefen Altschneeschichten wurden denn auch keine bekannt. Trotzdem wurde in diversen Gebieten eine sehr hohe Lawinenaktivität beobachtet (Abbildung 5 und Bildstrecke). Dabei standen folgende Schwachschichten im Zentrum:

  • Brüche am Übergang vom Altschnee zum Neuschnee. Dies vor allem an windgeschützten Nordhängen, wo die Altschneeoberfläche aus kantig aufgebauten Kristallen bestand und damit eine ungünstige Unterlage für den Neu- und Triebschnee darstellte.
  • Brüche innerhalb des Neu- und Triebschnees. Kurzfristig können auch innerhalb des Neu- oder Triebschnees sehr schwache Schichten vorhanden sein sein. Bei so intensiven Schneefällen können auch daraus beachtliche Lawinen abgehen.

 

Wegen der schlechten Sicht wurden viele grössere Lawinen nur gehört statt gesehen. Am Freitag waren viele Lawinen kaum mehr zu erkennen, sodass vermutlich nur ein kleiner Teil davon gemeldet wurde. Überraschend war die teils hohe Lawinenaktivität auch in Gebieten mit relativ wenig Neuschnee. Diese betraf oft hoch gelegene Nordhänge (Abbildung 6).

 

Samstag 06. bis Donnerstag, 11.04.: Rascher Rückgang der Lawinengefahr bei wechselhaftem Wetter

 

Wetter

In der Folge war es bei flacher Druckverteilung wechselhaft mit meist schwachen Winden. Oberhalb von etwa 1500 m fiel verschiedentlich Schnee, die Mengen waren insgesamt aber bescheiden.

  • Am Samstag war es nach einem kurzen Nordwindschub mit mässigem und lokal starkem Südföhn im Süden bedeckt und im Norden meist sonnig.
  • Am Sonntag war es im Osten teils sonnig, sonst bewölkt. Vor allem im Wallis fiel etwas Schnee, am meisten vom Monte Rosa bis zum Simplon Gebiet mit etwa 25 cm.
  • Von Montag bis Mittwoch war es genau umgekehrt: ziemlich sonnig im Westen und Süden, stark bewölkt im Osten. Am Dienstag fielen Berninagebiet etwa 30 cm Schnee, sonst deutlich weniger.
  • Am Donnerstag war es meist bewölkt mit gebietsweise wenig Niederschlag. Im Norden blies eine mässige Bise, in der Höhe mässiger Nordostwind.
 

Schneedecke und Lawinen

Schwachschichten innerhalb des Neuschnees verfestigen sich innerhalb von Stunden oder maximal wenigen Tagen. Dies ist der Grund, warum trotz hoher Lawinenaktivität während der Schneefallperiode die Gefahr in den folgenden Tagen rasch abnahm. Anders die Altschneeoberfläche an windgeschützten Nordhängen. Weil sich Schichten aus kantig aufgebauten Kristallen nur langsam verfestigten, konnten hier vor allem in den Regionen mit wenig Neuschnee und an schneearmen Stellen noch längere Zeit Lawinen ausgelöst werden (Abbildung 6).

 
 

Ab Sonntag ging die Lawinengefahr vor allem von meist kleinen Triebschneeansammlungen aus, die sich in der Höhe und zu Beginn auch in den Föhngebieten des Nordens gebildet hatten. Vor allem zu Beginn der Berichtsperiode waren zudem feuchte Rutsche und nasse Lawinen zu beachten. Trotz verhaltener Temperaturen wurden Nordhänge bis über die Waldgrenze hinauf nass, und vielerorts bis auf über 2500 m oberflächlich leicht feucht. Dies trübte nicht nur den Spass am Skifahren, sondern führte in mittleren Lagen auch zu einer Schwächung der Schneedecke. Feuchte Rutsche gingen damit nicht nur aus Sonnenhängen, sondern unterhalb von rund 2000 m auch aus Nordhängen ab (siehe Bildgalerie).

Auch in dieser Berichtsperiode gingen immer wieder Gleitschneelawinen nieder. Diese waren zwar nicht allzu zahlreich, mit der mächtigen Schneedecke aber teils gross (Abbildung 7).

 
 

Bei der meist günstigen Lawinensituation und der wenig dynamischen Wetterentwicklung wurde die Morgenausgabe des Lawinenbulletins am Dienstag, 09.04. bis auf weiteres eingestellt. Die Abendausgabe erscheint weiterhin täglich.

 

Unfälle und Schadenslawinen

Die Lawinen während und kurz nach dem Grossschneefall waren zwar teils sehr gross, aber nur selten aussergewöhnlich. Grössere Gebäude- oder Waldschäden wurden keine gemeldet. In dieser Berichtsperiode wurden folgende Unfall- und Schadenslawinen registriert:

  • Freitag, 05.04.2019: Eine Lawine bei der Fuchsegg (Realp, UR) riss ein Pistenfahrzeug 60 m mit. Der Fahrer blieb unverletzt, es blieb bei Sachschaden.
  • Freitag, 05.04.2019: Ein Freerider löste am Brämabüel (Davos, GR) eine Lawine aus und wurde erfasst. Es blieb bei Materialverlust.
  • Freitag, 05.04.2019: Eine grosse Schneebrettlawine am Geissberg (Andermatt, UR) verursachte eine Suchaktion. Es zeigte sich, dass niemand erfasst worden war.
  • Dienstag, 09.04.2019: Beim Schneeräumen im Göscheneralptal (UR) wurde eine Person von einer spontanen Lawine erfasst und ganz verschüttet. Sie wurde nach 1½ Stunden von einem Lawinenhund gefunden und mit mittelschweren Verletzungen ins Spital geflogen.
 

Nächster Wochenbericht

Wegen Ostern erscheint der nächste Wochenbericht bereits am Mittwoch, 17.04. auf Deutsch und am Donnerstag, 18.04. auf Französisch.

 

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Gefahrenentwicklung

Lawinenbulletins dieser Zeitperiode im Überblick.

 

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