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Wochenbericht 29. Dezember 2017-04. Januar 2018

Hauptinhalt

 

Jahreswechsel 2017/18: viel Neuschnee, Sturm, hohe Lawinenaktivität

Zwei Grossschneefälle und zeitweise stürmische Winde führten in dieser Wochenberichtsperiode zu zwei sehr kritischen Lawinensituationen. Insbesondere am Donnerstag gingen viele grosse, spontane Lawinen nieder. Die Nullgradgrenze fuhr Achterbahn (vgl. Abbildung 1).

 
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Am Mittwochnachmittag verschüttete eine spontane Schneebrettlawine die Gleise der Matterhorn Gotthard Bahn. Sie glitt in der Runse ,Sparrenzug‘ ab und kam nordöstlich des Bahnhofs St. Niklaus (VS) zum Stillstand (Foto: P. Frehner, 03.01.2018).
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Eine weitere Lawine überführte in St. Niklaus (VS) am Nachmittag die Strasse. Ihre Kraft wurde durch die verbogenen Leitplanken eindrücklich dokumentiert (Foto: P. Frehner, 03.01.2018).
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An der Arête Chuffort (1528 m, Val-de-Ruz, NE) wurde durch den starken Wind Schnee erodiert. Die steile Seite ragt in die Richtung, aus welcher der Wind geblasen hat (Luv); oder in anderen Worten: Erosionsformen zeigen dem Wind die Stirn. Auf diesem Bild hat der Wind demnach von links nach rechts geblasen (Foto: V. Berret, 29.12.2017).
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Im Vergleich zum vorhergehenden Bild handelt es sich bei diesen Windspuren nicht um Erosions- sondern um Ablagerungsformen. Sie werden Schneedünen genannt und besitzen eine flache, dem Wind zugewandte Seite (Luv). Auf diesem Bild vom Col du Chasseral (1502 m, Nods, BE) wehte der Wind entsprechend von der rechten zur linken Bildseite (Foto: V. Berret, 28.12. 2017).
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Deutliche Windspuren am Südost-Rücken ‚Mosch‘ oberhalb der Alp digl Guert (2297 m, Albula, GR). Die Rücken wurden freigeblasen, die Triebschneeansammlungen sind in Form der Dünen und Wächten zu erkennen. Der Wind wehte im Bild von rechts unten nach links oben. Am linken, oberen Bildrand thront das Lenzerhorn (2905 m, Lenz, GR; Foto: R. Meister, 29.12.2017).
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Diese Regenrillen verleihen den coupierten Nordosthängen des Isizer Rosswis (2333m, Walenstadt, SG) eine eindrückliche Mikrotopographie. Diese Rillen zeigen an, dass Wasser in der Schneedecke abgeflossen ist. Der Skitourengänger am oberen, linken Bildrand musste sich auf eine holprige Abfahrt gefasst machen (Foto: A. Pecl, 31.12.2017).
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Schneefahnen am Güferhorn (3379 m, Hinterrhein, GR), vom Skigebiet Vals aus gesehen. Im Hintergrund ist das Rheinwaldhorn (3402, Hinterrhein, GR) zu sehen. Während einer Sturmphase bei schönem Wetter erkennt man die Triebschneebildung am Schneetreiben (Schneefahnen) in den Kammlagen. Im Bild weht der Wind aus westlicher Richtung (Foto: U. Berni, 31.12.2017).
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Am Breithorn (2599 m, Gringiols, VS) löste sich im Ussergrabe (im Bild der rechte Graben) am Sonntag, 31.12. eine Lawine spontan und verschüttete im Tal die im Winter nicht befahrbare Strasse (Foto: R. Schmid).
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Diese spontane Schneebrettlawine am Ostgrat des Haut-de-Cry (2969 m, Conthey, VS) wurde mittels Fernrohr von Sensine (Conthey, VS) aus erspäht (Foto: V. Debons, 31.12.2017).
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Erfolgreiche Lawinensprengung am extrem steilen Nordosthang des Selbsanfts (2904 m, Glarus Süd, GL) auf ca. 2500 m. Die Sprengladung ist in der Bildmitte explodiert, wodurch die Schneedecke auf mehreren Schichten angerissen ist und eine Schneebrettlawine ausgelöst wurde (Foto: R. Stüssi , 31.12.2017).
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Am Sonntag, 31.12. löste ein Skitourenfahrer am P. Cotschen (3029 m, Scuol, GR) an einem steilen Südhang in der Abfahrt eine Schneebrettlawine aus. Er konnte sich mit einer Schussfahrt aus dem gefährdeten Bereich retten und wurde nicht erfasst. Die Lawine riss in den schwachen Altschnee. Der Anriss betrug bis zu 1 m.
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Dank des Zusammenspiels einer eindrücklichen Neuschneemenge und des Baumeisters Wind wurde die Arête de la Reffa (2226 m, Salvan, VS) pünktlich zum Neujahrstag zu einer wahren Augenweide (Foto: J. Lugon, 01.01.2018).
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Im sehr steilen Chenau-Graben am Westhang des Croix des Prélayes (2417 m, Trient, VS) gingen am Neujahrstag innert weniger Stunden zwei Nassschneelawinen ab. Wie anhand des Lawinenkegels zu erkennen ist, war der Schnee der Ablagerung feucht (Foto: J. Lugon, 01.01.2018).
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Neujahrs-Überraschung für die Besitzer einer Alphütte oberhalb von Habkern, (BE). Beim Öffnen der Haustüre erwartete sie dieser Anblick. Wenn Schnee warm ist (Temperatur nahe bei 0 °C) und langsam belastet wird, ist er sehr gut verformbar (Foto: C. Kuster, 01.01.2018).
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Spontane Lawine am Osthang des Bel Oiseau (2631 m, Finhaut, VS) im Bereich Lués de Balayer. Die Lawine brach im sehr steilen Osthang auf rund 2400 m an und erreichte beträchtliche Ausmasse (Foto: J.L. Lugon).
 

Wetterentwicklung und Lawinengefahr

 

Freitag, 29.12.: Niederschlagspause

Am Freitag gab es eine Niederschlagspause. Im Tagesverlauf zogen im Norden rasch Wolken auf, begleitet von zügigem Westwind. Im Süden blieb es sonnig.

Das Schönwetterfenster wurde für Sicherungsaktionen genutzt. Die Sprengerfolge waren durchzogen. Die Triebschneeansammlungen, welche am Donnerstag, 28.12. mit stürmischem Nordwestwind entstanden, waren vielerorts so hart, dass sie kaum ausgelöst werden konnten. Es waren einige spontane Lawinen sichtbar, die wahrscheinlich am Donnerstag oder in der Nacht auf Freitag abgegangen waren. Ebenfalls wurden einzelne Gleitschneelawinen gemeldet (vgl. Abbildung 2).

 

Samstag, 30.12. und Sonntag, 31.12.: Intensiver Schneefall im Westen und Norden mit zeitweise hoher Schneefallgrenze

Am Samstag war es stark bewölkt mit Niederschlag im Westen und im Norden. Die Niederschläge hielten bis in die Nacht auf Sonntag an (vgl. Abbildung 3). Die Schneefallgrenze lag zunächst in tiefen Lagen. Am Samstagvormittag begann sie im Westen zu steigen, bis zum Niederschlagsende kletterte sie dort auf 2300 m. Im Osten stieg sie am Samstagabend gegen 2000 m.

Am Sonntag war es in den Bergen sonnig. Spuren der hohen Schneefallgrenze wie Regenrillen waren vielerorts sichtbar (vgl. Bildgalerie). Der Wind blies am Samstag im Wallis und am Alpennordhang stark bis stürmisch, in Graubünden und im Tessin mässig bis stark. Am Sonntag liess der Wind nach.

 

Aufgrund der intensiven Schneefälle und der zeitweise hohen Schneefallgrenze wurde am Samstag für das Wallis und für grosse Teile des westlichen und zentralen Alpennordhangs die Gefahrenstufe 4 („gross“) ausgegeben. Zusätzlich zu den spontanen Lawinen aus hohen Lagen, welche vereinzelt bis in die Täler vorstiessen, lösten sich infolge hoher Schneefallgrenze unterhalb von rund 2200 m viele Nass- und Gleitschneelawinen. Exponierte Verkehrswege waren gebietsweise gefährdet. Die Strasse zwischen Täsch und Zermatt (VS) beispielsweise musste aus Sicherheitsgründen gesperrt werden (vgl. Abbildung 4).

 

Mit dem Ende der Niederschläge beruhigte sich die Lawinensituation am Sonntag etwas. Die spontane Lawinenaktivität ging deutlich zurück. Für Schneesportler war die Situation weiterhin kritisch. Neu- und Triebschneeschichten konnten leicht als Lawine ausgelöst werden und in den Hauptniederschlagsgebieten mittlere Grösse erreichen. In den Gebieten mit einer schwachen Altschneedecke – im südlichen Unterwallis, im Oberwallis, in den nördlichen Teilen des Tessins, in Mittelbünden, im Engadin und in den Bündner Südtälern - wurden auch Lawinenauslösungen in bodennahen, schwachen Schichten der Schneedecke gemeldet (vgl. Abbildung 5).

 

Montag, 01.01. bis Donnerstag, 04.01.: Sehr intensiver und ergiebiger Schneefall, erneut Regen bis über 2000 m, Sturm

In der Nacht auf Montag fiel im Norden etwas Schnee. Tagsüber war es wechselnd bewölkt. Von Dienstag bis Donnerstag schneite es mehr oder weniger durchgehend, am Donnerstag sehr ergiebig und intensiv (vgl. Abbildung 6). Die Schneefallgrenze schwankte innerhalb von 48 h zweimal zwischen tiefen Lagen und rund 2000 m.

Begleitet wurden die Schneefälle von meist starkem Wind aus westlichen Richtungen. Am Mittwoch brachte das Sturmtief „Burglind“ in den Bergen Windspitzen zwischen 140 und 180 km/h.

 
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Abb. 6: Neuschneesummen von Montagmorgen, 01.01. bis Donnerstagmorgen, 04.01. gemessen von den SLF-Beobachtern und berechnet an den IMIS-Stationen. Von Donnerstagmorgen kamen bis zum Redaktionsschluss am Alpennordhang, im Wallis, im Bedretto, in Nordbünden sowie im nördlichen Unterengadin oberhalb von rund 2000 m nochmals 40 bis 60 cm Schnee dazu. Nach Süden nahmen die Neuschneemengen deutlich ab.
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Abb. 6: Neuschneesummen von Montagmorgen, 01.01. bis Donnerstagmorgen, 04.01. gemessen von den SLF-Beobachtern und berechnet an den IMIS-Stationen. Von Donnerstagmorgen kamen bis zum Redaktionsschluss am Alpennordhang, im Wallis, im Bedretto, in Nordbünden sowie im nördlichen Unterengadin oberhalb von rund 2000 m nochmals 40 bis 60 cm Schnee dazu. Nach Süden nahmen die Neuschneemengen deutlich ab.
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Abb. 6: Neuschneesummen von Montagmorgen, 01.01. bis Donnerstagmorgen, 04.01. gemessen von den SLF-Beobachtern und berechnet an den IMIS-Stationen. Von Donnerstagmorgen kamen bis zum Redaktionsschluss am Alpennordhang, im Wallis, im Bedretto, in Nordbünden sowie im nördlichen Unterengadin oberhalb von rund 2000 m nochmals 40 bis 60 cm Schnee dazu. Nach Süden nahmen die Neuschneemengen deutlich ab.
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Abb. 6: Neuschneesummen von Montagmorgen, 01.01. bis Donnerstagmorgen, 04.01. gemessen von den SLF-Beobachtern und berechnet an den IMIS-Stationen. Von Donnerstagmorgen kamen bis zum Redaktionsschluss am Alpennordhang, im Wallis, im Bedretto, in Nordbünden sowie im nördlichen Unterengadin oberhalb von rund 2000 m nochmals 40 bis 60 cm Schnee dazu. Nach Süden nahmen die Neuschneemengen deutlich ab.
 

Am Montag und Dienstag beschränkte sich die Lawinengefahr auf das alpine Schneesportgelände. Die frischen Triebschneeansammlungen konnten leicht ausgelöst werden. In den Gebieten mit einer schwachen Altschneedecke kam es zu mehreren Lawinenauslösungen, dabei wurden zwei Personen ganzverschüttet (vgl. Abbildung 7).

 
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Abb. 7.: Im Aufstieg zum Piz Cotschen (3029 m, Scuol, GR) verursachte eine Gruppe von Skitourengängern am Neujahrstag eine Fernauslösung. Sie ereignete sich an einem 35-40° steilen Westhang auf 2750 m (Foto: A. Schürmann, 01.01.2017).
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Abb. 7.: Im Aufstieg zum Piz Cotschen (3029 m, Scuol, GR) verursachte eine Gruppe von Skitourengängern am Neujahrstag eine Fernauslösung. Sie ereignete sich an einem 35-40° steilen Westhang auf 2750 m (Foto: A. Schürmann, 01.01.2017).
 

Ab Dienstag spitzte sich die Lawinensituation im Westen und Norden laufend zu. Mit viel Neuschnee und Sturm entstanden umfangreiche Triebschneeansammlungen. Ab Mittwochabend herrschte verbreitet eine sehr kritische Lawinensituation (Gefahrenstufe 4 „gross“). Bereits in der Nacht auf Donnerstag gingen mehrere grosse Lawinen nieder (vgl. Abbildung 8, Details zum Strassensicherungsprojekt). Unterhalb von rund 2000 m musste wegen dem Regen mit zahlreichen Gleit- und Nassschneelawinen gerechnet werden. Mehrere Strassen- oder Bahnabschnitte wurden infolge Lawinengefahr gesperrt. Eine so grossflächige Einschätzung mit Gefahrenstufe 4 kommt im Durchschnitt nur einmal pro Winter vor.

 
 

Etwas günstiger war die Situation einzig ganz im Süden, wo es praktisch trocken blieb und die Hauptgefahr von den frischen Triebschneeansammlungen ausging, die mit teils starkem Wind entstanden waren.

 

Klimatologisches

Die Neuschneesummen der letzten Tage waren an den SLF-Beobachterstationen nicht aussergewöhnlich.

Anders sah das Bild bei einigen automatischen Stationen aus (IMIS-Messnetz): Die auffälligsten Neuschneewerte von Donnerstagmorgen, 04.01. waren 83 cm an der Station Oberer Stelligletscher und 81cm an der Station Triftchumme. Diese beiden Werte liegen in den 18-jährigen Messreihen auf Rang 1, respektive Rang 4.

Etwas anders sah es bei der Schneehöhe aus. Diese lag am Donnerstagmorgen an 9 IMIS-Stationen auf Rang 1 (nur Stationen mit mindestens 20-jähriger Messreihe):

Bei den SLF-Beobachterstationen lagen 3 Stationen bzgl. der Schneehöhe auf Rang 1:

Am Donnerstagmorgen waren die Schneehöhen verbreitet überdurchschnittlich. In grossen Teilen vom westlichen und östlichen Alpennordhang sowie im Wallis, am zentralen Alpenkamm sowie in Nord- und Mittelbünden und im Unterengadin lag doppelt so viel Schnee wie normalerweise Anfang Januar (vgl. Schnee im Vergleich zum langjährigen Mittel).

Ein Rückblick auf den vergangenen Dezember zeigt, dass Locarno und Bellinzona den dritt-schneereichsten Dezember nach 1940 und 1990 erlebt hatten (21 Tage mit einer Schneehöhe grösser gleich 1 cm).

 

Lawinenunfälle

In dieser Wochenberichtsperiode ereignete sich ein tödlicher Lawinenunfall:

  • Am Sonntag, 31.12. wurden zwei von drei Personen auf einer Schneeschuhwanderung von Kandersteg Richtung Blüemlisalphütte (BE) auf rund 2650 m an einem steilen Südwesthang von einer Schneebrettlawine erfasst und mitgerissen. Eine Person wurde ganz verschüttet. Sie wurde von einem Lawinenhund geortet, verstarb aber kurze Zeit später im Spital (vgl. Medienmitteilung KAPO BE).

Des Weiteren wurden Personen bei Lawinenunfällen verletzt:

  • Am Teysachaux (Semsales, FR) wurde eine Person am Freitag, 29.12. von einer Schneebrettlawine mitgerissen und rutschte 140 m über den sehr steilen Nordhang auf hartem Schnee ab. Die Auslösung erfolgte auf etwa 1700 m. Die Person wurde nicht verschüttet, verletzte sich aber durch den Aufprall an einem Baum.
  • Am Sonntag, 31.12. wurden zwei Personen im Aufstieg zur Maighels-Hütte (Oberalp, GR) von einer Lawine verschüttet. Sie waren mit Schneeschuhen unterwegs. Die Lawine löste sich an einem extrem steilen Osthang auf rund 2300 m. Eine Person wurde verletzt und war teilverschüttet. Die zweite Person wurde ganzverschüttet. Sie wurde von einem Lawinenhund geortet und in kritischem Zustand ins Spital geflogen (vgl. Medienmitteilung KAPO GR).
  • Am Montag, 01.01. löste eine vierköpfige Skitourengruppe auf der Abfahrt vom Piz Belvair (2821 m, Zuoz, GR) an einem Südhang eine Schneebrettlawine aus. Dabei wurde eine Person dieser Gruppe nur leicht verschüttet und blieb unverletzt. Gleichzeitig wurden zwei Personen im Aufstieg von derselben Lawine verschüttet. Die Mitglieder der Vierergruppe konnten die zwei Verschütteten mit den Lawinenverschüttetensuchgeräten rasch orten und ausgraben. Zum Glück blieben auch diese zwei Personen unverletzt.

 

Es wurden mehrere gesperrte Strassen und Bahngeleise von Lawinen verschüttet. Über allfällige grössere Sachschäden durch Lawinenabgänge war bis Redaktionsschluss nichts bekannt.

 

 

 

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Gefahrenentwicklung

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