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Schweizweit einheitliche Lehrinhalte für die Lawinenprävention stärken

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18.11.2022  |  Birgit Ottmer  |  News SLF

 

Aktuelle Tools und Methoden der Lawinenprävention – darüber informierten sich Bergführer, Tourenleiterinnen und Skilehrer am LawinenForum. Denn alle Schweizer Anbieter von Lawinenkursen wollen grundsätzlich die gleichen Inhalte vermitteln.

 

Skitouren, Schneeschuhlaufen und Freeriden geniessen in der Schweiz jeden Winter unzählige Personen. Sie alle setzen sich bei ihrem Hobby der Lawinengefahr aus. Viele möchten daher in einem Lawinenkurs von einem Tourenleiter oder einer Bergführerin lernen, wie sie Touren richtig planen und wie sie im Gelände das Lawinenrisiko verringern.

14 Schweizer Organisationen und Verbände aus dem Bereich Schneesport koordinieren im Kern-Ausbildungsteam «Lawinenprävention und Schneesport (KAT)», was in solchen Lawinenkursen gelehrt wird. Denn die Schneesportlerinnen und Schneesportler sollen, egal wo und bei wem sie ihren Kurs besuchen, die gleichen Inhalte und Methoden lernen und die gleichen Unterlagen dazu ausgehändigt erhalten. So entstehen im KAT auch die jeweils neuesten Versionen des schon fast legendären Merkblatts «Achtung Lawinen!» (Download der total überarbeiteten, soeben erschienenen 8. Auflage).

Erstmals hat das KAT nun seine Arbeiten einem breiteren Fachpublikum vorgestellt. Rund zweihundert Personen, die Lawinenkurse anbieten (Bergführer, SAC-Skitourenleiterinnen, Skilehrer, Inhaberinnen von Bergsportunternehmen…), trafen sich anfangs November zum eintägigen «LawinenForum» in Luzern. Vertretende der verschiedenen Verbände und Organisationen informierten die Teilnehmenden über den neuesten Stand der Lehrmeinung und der Lehrinhalte.

 

RiskCheck und Cockpit: Neue Tools

Besonders intensiv diskutierten sie den von Stephan Harvey vorgestellten «RiskCheck», der dazu anleitet, von der Planung bis zum Einzelhang das Lawinenrisiko an Schlüsselstellen zu beurteilen. Es geht darum, die Gefahr zu erkennen und zu beurteilen, die Konsequenzen eines Lawinenabgangs abzuschätzen und so das Risiko unter Berücksichtigung von (wirkungsvollen) Massnahmen zu bewerten. Neu ist vor allem der Fokus auf die Konsequenzen. Die möglichen Folgen einer Lawinenauslösung – also z.B. ob ein Sturz über eine Felswand oder eine tiefe Verschüttung droht – beeinflussen das Risiko nämlich ganz entscheidend. Sie sind oft besser abschätzbar als die Wahrscheinlichkeit einer Lawinenauslösung. Aber auch diese ist wichtig. Man schätzt sie anhand der für die Lawinenbildung wichtigen Prozesse ab. Unter Berücksichtigung des aktuellen Lawinenproblems fragt man sich: Gibt es eine Schwachschicht. Hat es darüber ein Schneebrett? Kann ich einen Bruch initiieren? Unterstützt das Schneebrett die Bruchausbreitung?

 

Die Teilnehmenden im Vertiefungs-Workshop zum RiskCheck erlernten zudem eine eingängige Methode, bei der mit Hilfe der Daumen beider Hände die Stufen des RiskChecks durchgegangen werden und letztlich ein symbolisches «Daumen hoch» herauskommt – oder eben auch nicht.

Ist das Risiko beurteilt, gilt es zu entscheiden. Dazu stellte Markus Müller das Tool «Cockpit zum Entscheiden» vor. Dieses innere Bild soll sicherstellen, dass beim Entscheiden alle wichtigen Aspekte berücksichtigt werden: Der Faktor Mensch – inklusive der eigenen Intuition – gehört genauso dazu wie die fachliche Beurteilung der Lawinengefahr. Nicht zuletzt muss der Entscheid dann auch umgesetzt und der Gruppe kommuniziert werden.

 

Was passiert, wenn es trotzdem passiert?

Weitere Vorträge und Workshops beschäftigten sich mit neuen Erkenntnissen der Lawinenforschung, mit dem (Schein-)Widerspruch zwischen probabilistischen und analytischen Methoden, mit Neuerungen im Lawinenbulletin, mit den Online-Angeboten White Risk und Skitourenguru sowie mit dem Umgang mit Fehlern und Fast-Unfällen.

Ein Podium zu «Was passiert, wenn es trotzdem passiert?» beschloss den Tag. Eine Juristin, ein Vertreter eines Bergsportanbieters sowie ein Tourenleiter und ein Bergführer, die mit ihren Gruppen einen tödlichen Unfall erlebt hatten, diskutierten über juristische Folgen des Unfalls, über Medien und Polizei, über den Umgang mit Angehörigen der Opfer und mit den restlichen Mitgliedern der Gruppe, vor allem aber auch darüber, was im eigenen Kopf passiert und wie man Versöhnung mit sich selbst findet. Sie appellierten einhellig, dass man in so einem Fall unbedingt Hilfe in Anspruch nehmen soll – von einer Anwältin oder einem Anwalt, aber auch für die persönliche Verarbeitung des Erlebten und für organisatorische Angelegenheiten – da sei auch der Anbieter moralisch in der Pflicht. Eine Blitzumfrage bei den Zuhörerinnen und Zuhörern hatte gezeigt, dass schon rund die Hälfte der Anwesenden bei einem tödlichen Bergunfall dabei waren (nicht alles Lawinen, meist nicht in verantwortlicher Position). Entsprechend hoch war das Interesse am Thema; und viele äusserten grossen Respekt und Bewunderung für die beiden Direktbetroffenen, die auf dem Podium so offen über ihre Erlebnisse sprachen.

  

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