WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF Link zu SLF Hauptseite Link zu WSL Hauptseite
 

Erklärungen zu den Gefahrenstellen

Allgemeines

Bei der Ausarbeitung des Lawinenbulletins werden jeweils zusätzlich zur Gefahrenstufe die als kritisch erachteten Geländeteile erwähnt. Beispiel: „Gefahrenstellen befinden sich vor allem an Triebschneehängen der Expositionen West über Nord bis Südost oberhalb von etwa 2000 m“.
Als Grundlage für die Interpretation und im Sinne einer seriösen Tourenplanung, sollten Neigung, Exposition, Höhenlage und Hangform mit Hilfe der Landeskarten der Swisstopo im Massstab 1:25'000 bestimmt werden.

Hangneigung

Die meisten Skifahrerlawinen ereignen sich bei Hangneigungen zwischen 35 und 40 Grad. Vor allem bei der Gefahrenstufe gross und sehr gross können vereinzelt Lawinen auch aus Gebieten mit einer Hangneigung von weniger als 30 Grad anreissen.
Die Angabe der Hangneigungsklasse im Lawinenbulletin bedeutet, dass Hänge, welche mindestens dieser Neigung entsprechen, besonders kritisch sind. Im Lawinenbulletin werden folgende Hangneigungen verwendet:

mässig steil: flacher als 30° (3% der Skifahrerlawinen im langjährigen Mittel)
steil: steiler als 30° (95% der Skifahrerlawinen im langjährigen Mittel)

Diese Angabe wird im Lawinenbulletin am häufigsten verwendet.

sehr steil: steiler als 35° (82% der Skifahrerlawinen im langjährigen Mittel)

Diese Angabe kommt im Lawinenbulletin nur selten zur Anwendung.

extrem steil: steiler als 40° (43% der Skifahrerlawinen im langjährigen Mittel)

Diese sind meist auch bezüglich Geländeform, Kammnähe oder Bodenbeschaffenheit besonders ungünstig. Diese Angabe kommt vor allem im Zusammenhang mit der Gefahrenstufe „gering“ im Lawinenbulletin zur Anwendung.

Es ist naturbedingt, dass nicht von den exakten Werten (z.B. steiler als 35°) ausgegangen werden kann, sondern dass diese als Richtwerte gelten und Übergangsbereiche beachtet werden müssen.

Hangexposition

Ein Nordhang fällt nach Norden ab. Stehen wir auf einem Berggipfel und blicken nach Norden (mittags mit der Sonne im Rücken), so liegt der Nordhang direkt vor und unter uns. Im Hochwinter liegen steilere Nordhänge über lange Zeit im Gebirgsschatten und erhalten deshalb keine direkte Sonneneinstrahlung. Setzung und Verfestigung schreiten hier üblicherweise nur langsam voran.
Ein Südhang fällt nach Süden ab und bekommt deshalb auch im Hochwinter regelmässig Sonne, womit sich dort der Schnee meist schneller setzt und besser verfestigt. Am Morgen bescheint die Sonne zuerst die Osthänge. Die letzten Sonnenstrahlen fallen auf die Westhänge.
Schattenseitige Hänge, auch „Schattenhänge“ genannt, sind im Hochwinter (bei tiefem Sonnenstand) mehr verbreitet als gegen das Frühjahr (bei steigendem Sonnenstand). Je nach Abschattung durch den Nahhorizont kommen sie in allen Expositionen, und nicht nur an Nordhängen vor.
Entsprechend sind „stark besonnte Hänge“ oder „Sonnenhänge“ zu interpretieren.
„Windexponierte Hänge“ liegen im Luv (auf der dem Wind zugekehrten Seite). Der Schnee wird dort meist weggeblasen.
Windschattenhänge“ liegen im Lee (auf der dem Wind abgekehrter Seite). Der im Luv weggeblasene Schnee wird hier wieder abgelagert. Oft weisen diese Leehänge ein Mehrfaches der mittleren Schneehöhe auf und werden deshalb auch als „Triebschneehänge“ bezeichnet.
Luv- und Leehänge sind nicht nur im Gipfelbereich zu beachten, sondern sind auch in gipfelfernen Hanglagen zu finden (z.B. an den Talflanken mit bevorzugter Windrichtung). Die Windrichtung kann dort, durch das Gelände abgelenkt, deutlich von der ungestörten Hauptwindrichtung abweichen.
Kammnahe Steilhänge“ liegen in der Regel in Grat- und Gipfellagen, sind oft felsdurchsetzt und kommen in allen Expositionen vor.

Höhenlage

Angaben über die besonders kritischen Höhenlagen erfolgen üblicherweise in Schritten von 200 m. Für trockene Lawinen wird meist die Meereshöhe angegeben, oberhalb der sie auftreten können. Bei nassen Lawinen wird die Meereshöhe erwähnt unterhalb welcher sie vorwiegend auftreten können. Formulierungen mit Höhenlagenbereichen, wie etwa „zwischen 2500 m und 3000 m“, werden eher selten verwendet.
Folgende Begriffe werden im Lawinenbulletin häufig verwendet:

  • tiefe Lagen: Lagen unterhalb von etwa 1000 m
  • mittlere Lagen: Lagen zwischen etwa 1000 m und 2000 m
  • hohe Lagen: Lagen zwischen etwa 2000 m und 3000 m
  • Hochgebirge: Lagen oberhalb etwa 3000 m

Auch die Waldgrenze wird als Referenz verwendet. Gemeint ist der Übergangsbereich vom windberuhigten Waldbestand zum offenen, windbeeinflussten, alpinen Gelände. Die Waldgrenze liegt am Übergang von mittleren zu hohen Lagen. Im zentralen Wallis und im Engadin liegt sie bei etwa 2200 m, inneralpin bei etwa 2000 m und in den Voralpen bei etwa 1800 m.

Weitere Begriffe zur Beschreibung besonders kritischer Geländeteile

Im Zusammenhang mit der Bildung von frischem Triebschnee (während aktueller Verfrachtungsperiode) wird oft auch der Begriff „Triebschneehänge“ verwendet. Gemeint sind damit Steilhänge, in denen frischer Triebschnee abgelagert wird, der besonders kritisch ist (vgl. oben). Meist auch im Zusammenhang mit Triebschneeansammlungen kommt der Begriff „Rinnen und Mulden“ oder „Kammlagen“ im Lawinenbulletin vor. Wenn „Rinnen und Mulden“ oder „Kammlagen“ ausgeschieden werden, dann beschränken sich die Gefahrenstellen meist auf diese Geländeformen und sind daher dort relativ gut lokalisierbar und eher kleinräumig.

Anwendung im Lawinenbulletin

Bezüglich der Verbreitung der Gefahrenstellen lässt sich folgende Reihenfolge ableiten:

  1. Steilhänge: Gefahrenstellen sind an allen Steilhängen der angegebenen Exposition und Höhenlage zu erwarten (auch Rinnen und Mulden sind betroffen).
  2. Triebschneehänge: Gefahrenstellen sind vor allem an denjenigen Steilhängen der angegebenen Exposition und Höhenlage zu erwarten, wo die Schneedecke mit Triebschnee überlagert ist (inkl. Rinnen und Mulden, die mit Triebschnee gefüllt sind).
  3. Rinnen und Mulden / Kammlagen: Gefahrenstellen liegen in der Regel vor allem in Rinnen und Mulden / Kammlagen der angegebenen Exposition und Höhenlage.

Wird beim Gebrauch der Begriffe „Triebschneehänge“ oder „Rinnen und Mulden / Kammlagen“ keine Hangsteilheit angegeben, so ist generell von „steilen“ „Triebschneehängen“ oder „steilen“ „Rinnen und Mulden / Kammlagen“ auszugehen. Ansonsten wird die Steilheit dem verwendeten Begriff vorangestellt, wie z.B. „sehr steile Triebschneehänge“.

Grafische Darstellung in der Gefahrenkarte zum Lawinenbulletin

In der Gefahrenkarte können die besonders kritischen Geländeteile grafisch dargestellt werden:

GP4.jpg

Die schwarz eingefärbten Bereiche gelten dabei als besonders kritisch. Neben stehendes Beispiel bedeutet folgendes: „Die Gefahrenstellen befinden sich vor allem an den Expositionen West über Nord bis Nordost oberhalb von etwa 2600 m“.
Die Darstellung der Expositionen folgt exakt der Beschreibung im Text (West über Nord bis Nordost). Wird bei den besonders kritischen Höhenlagen die untere Grenze angegeben, so steht die Höhenangabe oberhalb der Linie und der obere Bereich des Bergsymboles ist schwarz eingefärbt (wie im Beispiel oben dargestellt, dies ist typisch bei trockenen Lawinen). Wird die obere Grenze der besonders kritischen Höhenlagen angegeben, so steht die Höhenangabe unterhalb der Linie und der untere Bereich des Bergsymboles ist schwarz eingefärbt (typisch bei nassen Lawinen).

Interpretation

An den als Gefahrenstellen beschriebenen Geländeteilen ist die Lawinensituation am kritischsten. An den übrigen Stellen ist die Lawinengefahr meist tiefer, wobei im Lawinenbulletin keine detaillierte Aussage darüber gemacht werden kann, wie viel tiefer die Gefahr dort im Detail ist. Zwischen zwei Gebieten unterschiedlicher Gefahrenstufe sowie am Rand der bezeichneten Expositionen und Höhenlagen liegen keine klar definierbaren Grenzen, sondern es sind immer Grenzbereiche und Übergangszonen unterschiedlicher Ausdehnung vorhanden, die weder klar dem günstigen noch klar dem ungünstigen Bereich zugeordnet werden können und deshalb vorsichtig zu beurteilen sind. Bei den Gebietsgrenzen unterschiedlicher Gefahrenstufen ist von Übergangszonen einiger Kilometer auszugehen (vgl. Abbildung unten). Es müssen hier beide Einschätzungen in die Beurteilung eingeschlossen werden. Bei den Expositionen muss ein Übergangsbereich von etwa plus/minus einem 16tel-Kreissegment berücksichtigt werden (vgl. Abbildung b), bei den Höhenlagen von plus/minus 200 m (vgl. Abbildung c). Bei diesen Angaben handelt es sich um Richtwerte (Grössenordnungen) und nicht um exakt zu wertende Angaben. „Übergangsbereich“ ist so zu verstehen, dass dort sowohl die günstigere als auch die ungünstigere Beurteilung gelten kann.

Abbildung a) Abbildung b) Abbildung c)
uebergaenge_k.jpg Abb_b.jpg Abb_c.jpg

Abbildungen a bis c: Es sind sowohl bei der Gefahrenstufe, der Exposition und Höhenlage Übergangsbereiche zu beachten.

In der Tourenpraxis hat sich eingebürgert, in den nicht speziell ausgeschiedenen Geländeteilen die Gefahr um eine Stufe tiefer anzunehmen. Diese Faustregel hat sich mehrheitlich bewährt, hat aber wie jede Regel ihre Ausnahmen. Sie kann zur Planung einer Tour eingesetzt werden, ersetzt aber die Beurteilung im Gelände nicht, zumal die Gefahrenstufe für eine Region und nicht für einen Einzelhang gilt. Es ist zu beachten, dass bei der Erstellung des Lawinenbulletins durch den Warndienst diese Faustregel nicht berücksichtigt wird. Das heisst, dass bei der Festlegung der besonders kritischen Geländeteile nicht darauf geachtet werden kann, ob an den übrigen Stellen die Gefahrenstufe immer genau um eine Stufe tiefer ist.
Die meisten tödlichen Lawinenunfälle ereignen sich in den so genannten Kernzonen, dort also, wo sowohl die Angaben über die besonders kritische Hangneigung, als auch die Angaben über die besonders kritischen Hangexposition und die besonders kritischen Höhenlagen zutrafen. Dies unabhängig von der Gefahrenstufe, die am Unfalltag herrschte.