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Prognose der Nassschneelawinengefahr

Die Prognose der Nassschneelawinengefahr stellt die Lawinenprognostiker und Sicherheitsverantwortlichen vor einige Probleme. Einerseits sind die Prozesse, die zu Nassschneelawinen führen, weniger erforscht, als dies bei trockenen Lawinen der Fall ist. Anderseits ist auch eine klare Kommunikation der Nassschneelawinengefahr nicht einfach.

Wann kommt es zu Nassschneelawinen?

Die Frage tönt einfacher als sie ist. Natürlich im Frühling, bei Wärme, bei Regen etc. Die Tage mit hoher Aktivität von Nassschneelawinen vorauszusagen ist aber schwierig. Die zur Schwächung der Schneedecke führenden Prozesse sind noch relativ wenig erforscht und gute Faustregeln fehlen. Wann und wie weit Wasser in die Schneedecke eindringt ist sehr schwierig vorauzusagen. Dieser Prozess läuft sehr schnell ab und ist schwer zu beobachten. Im Vergleich zu trockenen Lawinen werden nur 10% der tödlichen Lawinenunfälle von Nassschneelawinen verursacht. Trotzdem bereiten Nassschneelawinen insbesondere den Sicherheitsverantwortlichen von Pisten und Strassen immer wieder grosse Sorgen (vgl. Abbildung 1). Deshalb wurden in den letzten Jahren vermehrt Anstrengungen in diesem Forschugsumfeld unternommen.

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Abb. 1: Die Rohrtallaui im Meiental ging in der Nacht vom Dienstag, 17.03. auf den Mittwoch, 18.03.2009 ab und verschüttete die Strasse im Meiental auf 100 m Länge bis zu 4 m hoch. Hier wird die Zerstörungskraft und das Schadenpotential von Nassschneelawinen deutlich (Foto: H.-M. Henny, 18.03.2009).


Zwei Situationen sollten unterschieden werden:

  1. Regen oder Schmelzwasser fliesst in eine trockene Schneedecke.  Dies führt zu einer starken Schwächung an markanten Schichtgrenzen in der Schneedecke. Das Wasser kann durch Regen im Hochwinter oder beim ersten starken Schmelzen an Sonnenhängen eindringen. Häufig wird dieser Prozess im März beobachtet.
  2. Festigkeitsverlust der Schneedecke durch allmähliche Durchnässung. Dies führt zu einem Kollaps von geschwächten Basisschichten und kommt vorwiegend im Frühling vor.

(Quelle: Merkblatt Achtung Lawinen)

Besondere Aufmerksamkeit verlangt die erste markante Erwärmung. Wenn sich einmal Abflusskanäle in der Schneedecke gebildet haben und diese wiede gefrieren, haben diese eine armierende Wirkung auf die Schneedecke.
Bei einem schwachen Schneedeckenaufbau, wie er im Winter 2009/10 vorherrscht, ist ebenfalls besondere Vorsicht geboten, weil dann das Potential von besonders grossen Lawinen und vielen Gefahrenstellen hoch ist (vgl. Abbildung 2 und 3).

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Abb. 2: Solch grossflächigen Abgänge, wie hier die Dorfberglawine am Salezerhorn oberhalb von Davos Dorf, GR sind eigentlich nur bei einem schwachen Schneedeckenaufbau möglich. Die Lawine ging am 18.03.2005 um 15.10 Uhr nieder. Der Bruch war im Schwimmschneefundament (Foto: T. Wiesinger, 18.03.2005).

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Abb. 3: Schneeprofil beim Anriss der Dorfberglawine in Abbildung 2. Das Fundament bestand aus 3 bis 4 mm grossen Becherkristallen und war schwach. Am 18.03.2005 konnte es offenbar das darüberliegende Gewicht nicht mehr tragen und brach. Am nächsten Morgen (19.03.) konnten bei Stabilitätstests immer noch Brüche mit sehr kleiner Zusatzbelastung im schwachen Fundament erzeugt werden. Die Schneedecke war bereits Nullgrad-isotherm und durchfeuchtet.

Wie wird die Gefahr von Nassschneelawinen kommuniziert?

Sobald eine Gefahr von Nassschneelawinen besteht, wird dies im Lawinenbulletin kommuniziert. Wenn die Gefahr von Nassschneelawinen die Hauptgefahr schon am Morgen darstellt, wird dies auch in der Gefahrenkarte kommuniziert (vgl. Abbildung 4).

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Abb. 4: An diesem Tag stand die erhebliche Gefahr von Nassschneelawinen im Vordergrund und ist deshalb auch im Titel erwähnt. Wie hoch die Gefahr für trockene Lawinen an diesem Tag war, muss dem Text des Lawinenbulletins entnommen werden.

Wenn die Gefahr von Nassschneelawinen einem typischen, frühlingshaften Tagesgang unterworfen ist, wird die Gefahr in einer Doppelkarte dargestellt (vgl. Abbildung 5).

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Abb. 5: Beispiel einer Doppelkarte: In der oberen Karte wird die Gefahr für trockene Lawinen und in der unteren Karte die Gefahr für Nassschneelawinen im Tagesverlauf dargestellt. In diesem Fall kann man davon ausgehen, dass die Nassschneelawinengefahr in den kühlen Morgenstunden deutlich geringer ist als am Nachmittag und somit günstige Tourenbedingungen herrschen.

Weitere Erläuterungen zum Umgang mit der Nassschneelawinengefahr im Lawinenbulletin findet man auch in der Interpretationshilfe.


Möglichkeiten und Grenzen

Bei der Prognose der Nassschneelawinengefahr sind die Grenzen noch schneller erreicht, als dies bei trockenen Lawinen der Fall ist. Die Vorgänge in der Schneedecke sind zu wenig im Detail bekannt und die Prognose der Strahlungsverhältnisse schwierig. Ein bisschen mehr oder weniger Bewölkung oder etwas Wind kann den entscheidenden Unterschied ausmachen, ob die Schneedecke rasch aufweicht oder nicht bzw. ob sie in der Nacht gut gefriert oder nicht. Das Lawinenbulletin kann im Frühling wertvolle Informationen zu den Strahlungsbedingungen während der Nacht liefern. Der Blick vor die Türe am Morgen bleibt aber wichtig, weil lokal die Bedingungen immer abweichen können. Die Gefahrenzeichen wie spontane Lawinenabgänge und Durchbrechen in die feuchte Schneedecke sollten beachtet werden. Eine gute Zeitplanung jeder Tour ist im Frühling entscheidend.

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Abb. 6: Bei richtiger Zeitplanung sind Frühlingstouren ein wunderbares Skitourenerlebnis mit geringer Lawinengefahr (Foto: SLF/B. Zweifel, 03.05.2008).


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