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Winterflash: Der Winter 2016/17 im Überblick

Ausgabe: 3. Mai 2017

Zusammenfassung

Der Winter 2016/17 war trocken und ausgesprochen schneearm. Er war auch wärmer als normal, wenn auch nicht ganz so warm wie im Vorwinter. In der dünnen Schneedecke entwickelten sich im Frühwinter schwache Schichten, wodurch sich Lawinen im Januar und Februar besonders von Schneesportlern leicht auslösen liessen. Massiver Schneefall und Regen bis weit hinauf verursachte Anfang März viele grosse, spontane Lawinen, die teils zu Sachschäden führten. Ab Ende März war die Lawinensituation meist günstig und die Schneedecke aperte in mittleren Lagen relativ früh aus. Somit war die Dauer einer durchgehenden Schneedecke vielerorts sehr kurz.

Im Winter 2016/17 wurde die Gefahrenstufe 1 (gering) fast doppelt so häufig prognostiziert wie in den letzten 10 Jahren, die Gefahrenstufen 2 (mässig), 3 (erheblich) und 4 (gross) wurden dafür rund ein Fünftel weniger häufig herausgegeben. Bis zum 30. April starben in den Schweizer Alpen sieben Personen in Lawinen. Das entspricht rund einem Drittel der Lawinenopfer im Vergleich zum Durchschnitt der letzten 20 Jahre.

Typische Aspekte des Winters 2016/17

Kurzer, warmer und schneearmer Winter
Im Winter 2016/17 war der Frühwinter zum dritten Mal in Folge praktisch schneelos. Der Dezember war extrem warm und trocken, und wie schon letztes Jahr gab es in vielen Wintersportorten grüne Weihnachten. In den nachfolgenden Monaten schneite es, abgesehen von Anfang März, relativ wenig. Die grosse Wärme im März liess die vielerorts dünne Schneedecke schnell wieder wegschmelzen. Die Schneearmut war dadurch noch ausgeprägter als während der letzten beiden Winter, da an vielen Orten die Zeit mit einer durchgehenden Schneedecke sehr kurz war.

Schnee im Mittelland
Der Januar war als einziger Wintermonat kälter als normal, sogar extrem kalt. Schnee fiel bis in die Niederungen, und im Mittelland blieb über mehrere Wochen eine dünne Schneedecke liegen.

Schwacher Schneedeckenaufbau und kritische Lawinensituationen
In den Bergen war die Schneedecke im Januar verbreitet schwach und instabil, im weiteren Winterverlauf dann vor allem in den inneralpinen Gebieten des Wallis sowie verbreitet in Graubünden. Mit Neuschnee, Wind und Wärmeeinbrüchen war die Situation im Januar und Februar besonders für Schneesportler wiederholt heikel. Anfang März führten anhaltend starke Schneefälle und Regen zu vielen grossen Lawinen, die Verkehrswege beschädigten und Wald und Gebäude zerstörten.

Günstige Frühlingssituation, frühes Ausapern, Ende April nochmal winterlich
Ab Ende März war die Lawinensituation meist günstig mit einem leichten tageszeitlichen Anstieg der Gefahr von Nass- und Gleitschneelawinen. Mittlere Lagen aperten teils rekordfrüh aus, und in hohen Lagen sanken die Schneehöhen auf neue Tiefstwerte. In der zweiten Aprilhälfte kehrte der Winter nochmal zurück mit verbreitet viel Neuschnee, was die Lawinensituation nochmals verschärfte. Im Norden fiel der Schnee bis in die Niederungen.

Klimatologische Einordnung

Kurz vor Mitte November sorgten die ersten grösseren Schneefälle im Winter 2016/17 für reichlich Schnee in den Bergen. Die dadurch gebildete Schneedecke war aber nur von kurzer Dauer, weil der anschliessend mehrtägige Föhn den Schnee bis weit hinauf wieder wegschmolz. Der Dezember war vor allem in den Bergen sehr sonnig und warm. Es fiel nur im Nordosten ein wenig Niederschlag, sodass der trockenste und schneeärmste Dezember seit Messbeginn resultierte. Entsprechend erlebten viele Touristenorte in den Bergen zum zweiten
Mal in Serie grüne Weihnachten. Der ersehnte Schnee fiel wie bereits im Vorjahr am 3. Januar und in den nachfolgenden Wochen, allerdings viel weniger als 2016. Die Temperaturen waren dabei so tief, dass auch dem Mittelland eine dünne Schneedecke wochenlang erhalten blieb. Es war der kälteste Januar der letzten 30 Jahre. Der Februar war dann bereits wieder zu warm und vor allem in den inneralpinen Gebieten weiterhin zu trocken. Das einzige grössere Niederschlagsereignis dieses Winters in der ersten Märzhälfte war hauptverantwortlich dafür, dass der März als einziger Monat vielerorts überdurchschnittlich nass war. Der ganze Monat war massiv zu warm (zweitwärmster März seit Messbeginn), sodass einige wenige Stationen (z. B. Flumserberg, SG oder Oberwald, VS) das früheste Ausaperungsdatum seit Messbeginn erlebten.
So ist es nicht verwunderlich, dass der Winter 2016/17 (Nov-Apr) zu den schneeärmsten zählt und die kontinuierliche Schneedeckendauer zwischen Einschneien und Ausapern an vielen Stationen so kurz war wie noch nie seit Messbeginn. Als Beispiel sei hier Ulrichen im Obergoms genannt, wo im Winter 2016/17 nur während 86 Tagen eine durchgehende Schneedecke lag, was 56 % des langjährigen Mittelwertes (156 Tage) entspricht. Auch an den meisten anderen Stationen waren die Schneehöhen praktisch den ganzen Winter hindurch unterdurchschnittlich

Lawinengefahr

Im Winter 2016/17 wurde die Lawinengefahr wie folgt eingeschätzt (Werte in Klammern: Mittelwert der letzten 10 Jahre, jeweils Dezember bis Ende April, vgl. Abbildung 1): Gefahrenstufe 1 (gering): 34 % (20 %), Gefahrenstufe 2 (mässig): 35 % (44 %), Gefahrenstufe 3 (erheblich): 30 % (35 %), Gefahrenstufe 4 (gross): 0.8 % (1.1 %), Gefahrenstufe 5 (sehr gross): 0 % (0.001 %).

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Abb. 1: Gefahrenstufenverteilung vom 01.12.2016 bis 30.04.2017 (Werte vorne) und langjähriger Mittelwert (Werte hinten).

Die Verteilung der prognostizierten Gefahrenstufen im Winter 2016/17 unterschied sich deutlich vom langjährigen Mittelwert: die Gefahrenstufe 1 (gering) wurde fast doppelt so häufig prognostiziert wie in den letzten 10 Jahren, die Gefahrenstufen 2 (mässig), 3 (erheblich) und 4 (gross) wurden dafür rund ein Fünftel weniger häufig herausgegeben. Die Gefahrenstufe 4 (gross) wurde an 12 Tagen für einige Gebiete prognostiziert.

Wie schon die beiden Vorwinter begann auch der Winter 2016/17 nur zögerlich. Zwar fiel bereits im November Schnee und die Lawinengefahr war verbreitet erheblich (Stufe 3), im Dezember jedoch liess der Winter wieder auf sich warten und die Lawinensituation war mangels Schnee verbreitet recht günstig. Im Januar war die Schneedecke verbreitet schwach und mit Neuschnee, Wind und Wärmeeinbrüchen war die Lawinensituation bis Februar wiederholt heikel, mit häufig erheblicher (Stufe 3) und gebietsweise auch grosser Lawinengefahr (Stufe 4). Im Februar war der schwache Altschnee nördlich einer Linie Rhone-Rhein, ganz im Westen und im Gotthardgebiet soweit überschneit, dass Lawinen dort nur noch vereinzelt durch Schneesportler ausgelöst werden konnten. Weiter südlich, besonders in den inneralpinen Gebieten des Wallis und Graubündens, blieb der Altschnee für Schneesportler gefährlich. Ganz im Süden lag extrem wenig Schnee. Mit den Schneestürmen von Anfang März und dem anschliessenden Regen bis in hohe Lagen war die Lawinengefahr zeitweise gross (Stufe 4). In dieser intensivsten Lawinenphase des Winters gingen sehr viele spontane Lawinen ab. Die Lawinen rissen verbreitet bis in den schwachen, bodennahen Altschnee durch und wurden oft gross, vereinzelt sogar bis sehr gross. Dadurch entstanden auch einige Sachschäden, wie beispielsweise die komplett zerstörten Chalets im Vallon de Van im Wallis. In der zweiten Märzhälfte stieg die Lawinengefahr mit weiteren Grossschneefällen im Süden noch einmal auf gross (Stufe 4) an. Danach entspannte sich die Lawinensituation rasch. Ab Ende März war die Lawinengefahr verbreitet gering (Stufe 1), mit einem leichten tageszeitlichen Anstieg und nur sehr vereinzelten Lawinenabgängen. Mitte April stieg die Lawinengefahr mit Neuschnee und Wind im Nordosten, Ende April im Süden noch einmal auf gross (Stufe 4) an.

Lawinenunfälle und Sachschäden

Diesen Winter starben bis Ende April sieben Personen in Lawinen. Das sind 65 % weniger als im Durchschnitt der letzten 20 Jahre, der zum 30. April bei 20 Todesopfern liegt. Für das ganze hydrologische Jahr, das noch bis zum 30. September 2017 dauert, liegt der Durchschnitt der letzten 20 Jahre bei 23 Lawinentoten.

Die Zahlen aller gemeldeten Lawinenunfälle und aller erfassten Personen sind diesen Winter ebenfalls unterdurchschnittlich. Mit 13 % bzw. 20 % weniger sind sie aber im Vergleich zum Durchschnitt der letzten 20 Jahre nicht so tief wie die Zahl der Todesopfer. Bis am 30. April wurden dem SLF für den Winter 2016/17 insgesamt 96 Lawinen mit 148 erfassten Personen gemeldet. 15 Personen wurden in Lawinen verletzt und sieben Personen verunglückten tödlich bei sieben Lawinenabgängen.

Die tödlichen Lawinenunfälle ereigneten sich bei folgenden Gefahrenstufen: zwei Personen verunglückten bei einer prognostizierten Gefahrenstufe 2 (mässig) und fünf Personen bei Stufe 3 (erheblich).

Die Lawinenopfer verunglückten bei folgenden Aktivitäten tödlich: Touren fünf Personen, Varianten zwei Personen. Vier Unfälle mit insgesamt vier Todesopfern ereigneten sich im Wallis. Jeweils ein Unfall mit einem Todesopfer geschah in den Kantonen Schwyz, Uri und Graubünden, vgl. Abbildung 2. Bei 35 Lawinen entstand Sachschaden (an Gebäuden, Verkehrswegen, Wald) oder es wurden Such- und Räumungsaktionen durchgeführt. Die Ereigniserfassung der Schadenlawinen ist noch nicht abgeschlossen und diese Zahl kann noch ansteigen.

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Abb. 2: Lawinenunfälle im Winter 2016/17, Stand 30. April 2017 (Kartenbasis: Copyright 2007, Bundesamt für Landestopografie, alle Rechte vorbehalten).

Im Unterschied zu den letzten 8 Wintern ereignete sich dieses Jahr bisher kein Lawinenunfall mit mehr als einem Todesopfer. Dies trägt unter anderem zur geringen Opferzahl bei und war zuletzt im Winter 2007/08 der Fall, als bei 11 Lawinenunfällen jeweils ein Todesopfer zu beklagen war.

Weitere Gründe für die unterdurchschnittliche Opferzahl können sehr vielschichtig sein. Folgende Aspekte könnten zu der geringen Opferzahl beigetragen haben:

  • Der Winter fing spät an. Über die Feiertage zum Jahreswechsel lag so wenig Schnee, dass Skitouren und Variantenabfahrten kaum möglich waren. Im weiteren Winterverlauf waren die Schneeverhältnisse oft schlecht, weshalb vermutlich insgesamt weniger Leute auf Skitouren und Variantenabfahrten unterwegs waren als sonst.
  • Es wurde beobachtet, dass die Wintersportler sich in den gefährlichsten Phasen des Winters defensiv und den Verhältnissen entsprechend verhielten. Dies eventuell auch da es der dritte schneearme Winter mit schwachem Altschnee in Folge war. Zudem gab es deutliche Zeichen, welche auf die Gefahr hinwiesen.
  • Einige Personen dürften schlicht und einfach Glück gehabt haben. Diese Annahme wird durch die Tatsache unterstützt, dass es im Vergleich zu den erfassten Personen deutlich weniger Todesopfer gab.

Die Jahresbilanz wird erst am Ende des hydrologischen Jahres (30. September 2017) gezogen und bis dann kann sich die Unfallstatistik noch ändern.

Lawinenbulletins

Das erste Lawinenbulletin mit Gefahrenkarte des Winters 2016/17 wurde am 9. November herausgegeben. Eine Morgeneinschätzung wurde vom 4. Januar bis zum 9. April 2017 sowie vom 17. bis 19. April 2017 publiziert.

Das Lawinenbulletin mit der Prognose der Lawinengefahr und allgemeinen Informationen zur Schneesituation in den Schweizer Alpen erscheint bis auf Weiteres täglich. Es kann über www.slf.ch und die SLF-App „White Risk“ abgerufen werden. Zudem können ein RSS-Feed und ein SMS-Service abonniert werden, welche auch in Winterrandzeiten und über den Sommer auf die Herausgabe eines Lawinenbulletins hinweisen (Service abonnieren: SMS mit Inhalt „START SLF SOMMER“ an 9234, Service stoppen: SMS mit Inhalt „STOP SLF SOMMER“ an 9234, 0.20 CHF/SMS).

Des Weiteren verweisen wir auf den Alpenwetterbericht der MeteoSchweiz www.meteoschweiz.ch, Telefon 0900 162 138 (1.20 CHF/Min.) sowie auf die MeteoSchweiz-App.

Fotos

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