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Wetter, Schneedecke und Lawinengefahr in den Schweizer Alpen. Hydrologisches Jahr 2016/2017

Zusammenfassung Winter 2017 (Oktober 2016 bis Mai 2017)

  • Zum Jahresende kaum Schnee und wenig lawinengefährlich

Der Winter startete Mitte November zunächst vielversprechend mit grossen Schneefällen. Anschliessend schmolz der Schnee während einer mehrtägigen Föhnphase jedoch unterhalb rund 2000 m wieder ab. Der Dezember war dann so trocken und schneearm wie noch nie seit Messbeginn. Bis zum Jahresende lag meist zu wenig Schnee für Touren und Variantenabfahrten. Viele Wintersportorte erlebten das zweite Mal in Serie grüne Weihnachten. Die verbreitet dünne Schneedecke war kleinräumig sehr unterschiedlich aufgebaut und häufig vom Wind geprägt. Oft waren mehrere Krusten vorhanden, teils war sie komplett aufbauend umgewandelt und locker.

  • Kritische Lawinensituationen für Schneesportler mit Neuschnee und schwachem Altschnee

Im Januar führten im Westen und Norden, ab Februar dann auch im Osten und Süden wiederholte Schneefälle und Föhnstürme zu kritischen Lawinensituationen. Die Gefahr ging vor allem von Neu- und Triebschneeschichten sowie vom schwachen Altschnee an der Basis der Schneedecke aus (Abbildung 1). Im Norden und Westen war das schwache Fundament bald gut überdeckt und für Personen nicht mehr auslösbar. Besonders im südlichen Oberwallis, im nördlichen Tessin, in den inneralpinen Gebieten Graubündens, im Engadin und in den Bündner Südtälern blieben die schwachen Basisschichten der Schneedecke aufgrund der dünnen Überdeckung bis in den März eine Gefahr. Dies war diesen Winter die einzige Schwachschicht, die über längere Zeit in der Schneedecke erhalten blieb.

  • Aussergewöhnliche Lawinenaktivität Anfang März mit vielen grossen, spontanen Lawinen

Anfang März führten mehrere Grossschneefälle mit schwankender Schneefallgrenze in Kombination mit der schwachen Altschneedecke zu sehr hoher Lawinenaktivität. Viele grosse Lawinen und einige sehr grosse Lawinen lösten sich spontan (Abbildung 1) und es entstanden Schäden an Verkehrswegen, Wald und Gebäuden.

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Abb. 1: Ablagerung der Golperlaui am Grimselpass (Guttannen, BE), die am 9. März 2017 um 4 Uhr morgens spontan niederging und gross wurde. Die Strasse wurde knapp nicht verschüttet (Foto: A. Henzen, 10.03.2017).

  • Zunehmend günstige Frühlingssituation, dann nochmals winterlich

Der März war sehr warm und der Schnee von Anfang Monat schmolz schnell wieder dahin. Ab Mitte März war die Lawinensituation verbreitet günstig. Aufgrund der grossen Lawinenaktivität von Anfang März waren viele Hänge entladen oder sie waren schon durchfeuchtet. Dadurch gingen im Frühling nur noch relativ wenige Nassschneelawinen nieder. Mitte April kehrte der Winter nochmals zurück, mit Schneefällen bis in tiefe Lagen und einer Verschärfung der Lawinensituation in hohen Lagen. Der Schneedeckenabbau war dadurch bis Anfang Mai etwas verzögert. Danach verlor die Schneedecke mit anhaltend hohen Schneeschmelzraten sehr schnell an Masse, auch im Hochgebirge.

  • Ausserordentlich kurzer und schneearmer Winter

Im Winter 2016/2017 waren Süd, Südwest- und Westlagen vor allem im Herbst (Oktober-November) und im Hochwinter (Dezember-Februar) etwas weniger häufig. Dies zeigt der Vergleich der Messungen an den automatischen Windstationen mit den Werten der letzten zehn Jahre in Abbildung 2 (Grafiken links und Mitte).

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Abb. 2: Windrichtung an den automatischen IMIS-Windstationen im Herbst (Oktober, November; links), im Winter (Dezember, Januar, Februar; Mitte) und im Frühling (März, April, Mai; rechts). Gezeigt sind die Werte für den Winter 2016/2017 (rote Linie) und als Vergleich die der letzten zehn Winter (2006/2007 bis 2015/2016, jeweils Oktober bis Mai, blau eingefärbt, Grafik gross).


Der Winter 2016/2017 (November-April) war deutlich wärmer als normal, wenn auch weniger warm als der Vorwinter. Der Verlauf der Nullgradgrenze in Abbildung 3 zeigt den Vergleich zum Durchschnitt der 15 Vorjahre. Gemäss Messungen von MeteoSchweiz erlebte die Schweiz die sechstwärmste Winterperiode (November-April) seit Messbeginn 1864. Wärmer war diese Periode nur in den Jahren 2006/07, 2015/16, 2013/14, 1989/90 und 2014/15.

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Abb. 3: Übersicht über den Verlauf der Nullgradgrenze im Winter 2016/2017 (dunkelblaue Linie). Zum Vergleich ist die Nullgradgrenze während der vorhergehenden 15 Jahre gezeigt (hellblaue, gestrichelte Linie, Median). Die Lage der Nullgradgrenze wurde aus den Temperatur-Tagesmittelwerten von 11 automatischen Stationen von SLF und MeteoSchweiz unter Annahme eines Temperaturgradienten von 0.6 °C / 100 m berechnet. Die roten Punkte links markieren die Höhenlage der für die Berechnung verwendeten 11 Stationen. Die rot eingefärbten Flächen illustrieren wärmere Phasen als im Durchschnitt der letzten 15 Jahre und die blauen Flächen dementsprechend kältere Phasen (Grafik gross).


Im November fiel verbreitet Schnee und es bildete sich eine vielversprechende Schneedecke. Diese schmolz aber im Norden und Westen während einer lang anhaltende Föhnphase weitgehend wieder ab. Der Dezember 2016 war so schneearm wie kein anderer seit Messbeginn. Der ersehnte Schnee fiel ab Januar, doch bis Februar waren die Schneefälle oft wenig ergiebig. Wie Abbildung 4 zeigt, fielen erst Anfang März grössere Schneemengen. Der März war wiederum extrem warm. Mitte April kehrte der Winter nochmal zurück und mit wiederholten Schneefällen war es in den Schweizer Alpen bis Anfang Mai eher winterlich.

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Abb. 4: Tägliche Neuschneemenge oberhalb von 2000 m im Verlauf des Winters, gemessen an den Beobachterstationen und berechnet an den automatischen Messstationen. Es fliessen alle verfügbaren Stationen für diese Höhenzone ein. Die Balken sind jeweils auf 100% skaliert (d.h. alle Stationen entsprechen 100%). Je grossflächiger ein Schneefall-Ereignis war, desto höher sind die eingefärbten Balken. Die Farbe entspricht den Neuschneeklassen und je dunkler die Balken, desto mehr Schnee ist gefallen (Grafik gross).


Über den ganzen Winter betrachtet waren die Schneehöhen, wie in Abbildung 5 illustriert, schweizweit überall klar unterdurchschnittlich, im Westen und im Wallis allerdings nur leicht. Der Süden war von der Schneearmut stärker betroffen als der Norden. Das extrem späte Einschneien und das frühe Ausapern führten an einigen Stationen zu einer extrem kurzen Dauer der Schneebedeckung. Dies beispielsweise in Ulrichen (VS, 1350 m) im Obergoms, wo während nur 86 Tagen eine durchgehende Schneedecke lag, was 56% des langjährigen Mittelwertes (156 Tage) entspricht. Der vergangene Winter zählt schweizweit zu den schneeärmsten und kürzesten seit Messbeginn. Eine Ausnahme bilden die fast durchschnittlichen Schneehöhen in einigen Tälern am Fuss der Voralpen (z.B. Region Thun, Schwyz oder Linthebene), die alleine durch den schneereichen Januar in diesen Regionen zu Stande kamen.

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Abb. 5: Schneehöhen über den ganzen Winter (November bis April) im Vergleich zum langjährigen Mittelwert über den ganzen Winter (1971-2000, Grafik gross).


  • Deutlich weniger lawinengefährlich und weniger Lawinenopfer als im langjährigen Mittel

Im Winter 2016/2017 war es im Mittel weniger lawinengefährlich als in den vorangegangenen zehn Wintern (vgl. Abschnitt „Lawinenbulletins und Gefahrenstufen“, Abbildung 34). Wie Abbildung 6 zeigt, waren die Hauptphasen der Lawinenaktivität Mitte Januar, Anfang Februar sowie - besonders stark ausgeprägt - in der ersten Märzdekade (vgl. Abschnitt „Lawinenaktivität“). Im Frühling war die Aktivität von nassen Lawinen relativ gering. Dies vor allem da sich in der ersten Märzhälfte viele Hänge schon entladen hatten und die Schneedecke nach Regen oberhalb von rund 2500 m teils durchfeuchtet war.

Die Gesamtopferzahl bis Ende Mai 2017 lag mit 7 Todesopfern - alle im freien Gelände - deutlich unter dem langjährigen Mittelwert. Für das ganze hydrologische Jahr, das bis zum 30. September dauert, liegt der 20-jährige Mittelwert bei 23 Lawinentoten.

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Abb. 6: Lawinenaktivität im Verlauf des Winters 2016/2017 in den Schweizer Alpen und im Jura, dargestellt durch einen dimensionslosen Lawinenaktivitätsindex. In diesem werden die von den SLF-Beobachtern gemeldeten Lawinen nach Anzahl, Grösse und Auslöseart gewichtet und für jeden Tag addiert. Zudem wird nach Wassergehalt des abgleitenden Lawinenschnees unterschieden. Der Lawinenaktivitätsindex ist abhängig von den Sichtverhältnissen. Im Weiteren gibt es keine regionalen Differenzierungen. Trotz gewissen Vorbehalten ist der Lawinenaktivitätsindex eine geeignete Methode, um Phasen geringer Lawinenaktivität von solchen mit grosser Lawinenaktivität zu unterscheiden (Grafik gross).


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