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16. bis 29. Dezember 2016: Weiterhin ausserordentlich wenig Schnee

Die seit Ende November anhaltende zu trockene und in den Bergen meist sonnige Witterung setzte sich fort. Nur im Simplongebiet und im nordwestlichen Tessin fiel nenneswerter Neuschnee. Dieser Schnee, die zeitweise starken Winde und die dadurch entstandenen Triebschneeansammlungen, sowie die meist dünne, aufbauend umgewandelte Altschneedecke prägten die Lawinensituation in der zweiten Dezemberhälfte. Vereinzelt wurden Lawinenauslösungen gemeldet (Abbildung 1). Schweizweit gesehen war der Heiligabend 2016 der schneeärmste seit Messbeginn.

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Abb. 1: Tourengeher lösten am Piz Cavradi (Tujetsch, GR) eine kleine Schneebrettlawine fern aus. Die Lawine hatte eine Breite von 60 m. Sie brach fast am Übergang zwischen Schneedecke und Boden (NE, 2420 m; Foto: M. Kreiliger, 27.12.2016).

Wetter und Lawinengefahr

Kaltlufttropfen brachte Schnee im Süden

Nach einem sonnigen Wochenende (16. bis 18. Dezember) erreichte in der Nacht auf Montag, 19. Dezember ein Kaltlufttropfen die Schweiz (Abbildung 2). Dieser brachte dem Norden wenige Zentimeter Schnee. Am meisten Schnee fiel am östlichen Alpennordhang mit 5 bis 10 cm. In der Folge baute sich eine Südostströmung auf. Im Norden blies der Föhn stark, am Alpensüdhang schneite es. Bis zum Mittwochmorgen, 21. Dezember fiel im Simplongebiet und im nordwestlichen Tessin 30 bis 50 cm Schnee (Abbildung 3). Der Neuschnee fiel besonders an windgeschützten Schattenhängen auf eine ungünstige Schneeoberfläche. In den Hauptniederschlagsgebieten stieg die Lawinengefahr mit dem Neuschnee auf Stufe 3 an (Abbildung 4). Lawinen wurden während des Schneefalls keine gemeldet.

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Abb. 2: Verlauf der Nullgradgrenze in der zweiten Dezemberhälfte (Informationen zur Berechnung der Nullgradgrenze). Abgesehen von der zeitweiligen Abkühlung mit dem Durchzug des Kaltlufttropfens am 19.12. und den Tagen ab dem 27.12. lag die Nullgradgrenze meist über 2000 m.


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Abb. 3: 3-Tages-Neuschneesummen vom 18. bis 21. Dezember, berechnet an den IMIS-Stationen und gemessen von den Beobachtern des SLF.


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Abb. 4: Entwicklung der Lawinengefahr während der letzten beiden Dezemberwochen. Die Lawinengefahr war in einigen Gebieten zeitweise Stufe 3 (erheblich, orange), sonst meist Stufe 1 (gering, grün) oder Stufe 2 (mässig, gelb). Die prozentuale Aufteilung der Balken entspricht der flächigen Verteilung der prognostizierten Lawinengefahr. Am 20. Dezember wurde bspw. für rund 10% der Fläche der Schweizer Alpen erhebliche Lawinengefahr (Stufe 3) prognostiziert.


In den beiden Tagen vor dem Heiligabend, am Donnerstag, 22. und Freitag, 23. Dezember, stellte sich erneut sehr sonniges und ruhiges Wetter ein (Abbildung 5). Aus den Hauptniederschlagsgebieten (siehe Abbildung 6) wurden sehr vereinzelt Lawinenauslösungen gemeldet.


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Abb. 5: Das sonnige Wetter lud zu Bergtouren ein. Dort, wo genügend Schnee lag, waren Skitouren möglich. Blick vom 2640 m hohen Col de la Terrasse (Finhaut, Frankreich) ins französische Mont-Blanc-Massiv (Foto: J.L. Lugon; 22.12.2016).

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Abb. 6: Kleine Lawinenabgänge an einem NW-Hang auf 2280 m im Val Torta (Bedretto, TI). Die Lawinen lösten sich gleichzeitig. Vorher wurden Wummgeräusche vernommen (Foto: M. Sisini, 22.12.2016).


Mit starkem bis stürmischem Nordwestwind entstanden Triebschneeansammlungen

An Heiligabend setzte im Tagesverlauf starker, zeitweise stürmischer West-, später Nordwind ein. Dieser verfrachtete Neu- und Altschee. Kämme und Grate wurden abgeblasen, hinter Geländekanten, in Rinnen und Mulden entstanden meist sehr harte Triebschneeansammlungen (siehe dazu auch Bildgalerie). Diese waren zwar meist klein, aber besonders an Schattenhängen störanfällig. Wummgeräusche und vereinzelte Lawinenauslösungen deuteten auf diese Gefahr hin (Abbildung 1). Mit dem Nordföhn erlebte das Tessin einen der mildesten je gemessenen Weihnachtstage.

In der Folge, ab Dienstag, 27. Dezember, etablierte sich erneut ein ausgesprochen kräftiges Hochdruckgebiet über den Schweizer Alpen. Der Nordwind blieb am Alpensüdhang stark, verfrachtete aber kaum noch Schnee.


Ausserordentliche Schneearmut

Auf Grund der nur sehr geringen Niederschläge (siehe dazu auch MeteoSchweiz) verschärfte sich die bereits in der letzten Periode beschriebene Schneearmut weiter. Der wenige Neuschnee blieb nur oberhalb von rund 2000 m erhalten. Sonst schmolz er wegen der sonnigen und warmen Witterung wieder weg. So erlebte die Schweiz den schneeärmsten Weihnachtsabend seit Messbeginn vor mehr als 100 Jahren. Grüne Weihnachten am Alpensüdhang oder unterhalb von ca. 1200 m am Alpennordhang gab es zwar in der Vergangenheit immer wieder, dieses Mal lag aber auch an neun Stationen oberhalb von 1200 m am Alpennordhang erstmals gar kein Schnee, oder so wenige Zentimeter wie noch nie an einem 24. Dezember (Tabelle 1, Abbildung 7).


Tabelle 1: Schneehöhe (HS) an Stationen mit Minimum-Rekord im 2016 für einen 24. Dezember. Die letzte Spalte zeigt das bisherige Minimum mit dem entsprechenden Jahr.

Station Stationshöhe (m) Messreihe seit HS 2016 (cm) HS, bisheriges Minimum (cm, Jahr)
Ulrichen 1350 1941 0 2 (1953)
Oberwald 1370 1968 0 11 (1995)
Fionnay 1500 1960 0 5 (1989)
St. Antönien 1510 1945 0 4 (2015)
Trübsee 1780 1940 1 13 (1961)
Saas Fee 1790 1947 0 5 (1989)
Hasliberg 1825 1959 0 4 (1961)
Arosa 1845 1953 2 7 (2015)
Grimsel Hospiz 1970 1949 1 11 (1963)


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Abb. 7: Wenig Schnee lag auch im 2540 m hoch gelegenen Versuchsfeld Weissfluhjoch (Davos, GR). Am Mittwoch, 21. Dezember, bei der Erstellung eines Schneeprofiles, wurde eine Schneehöhe von 36 cm gemessen. Dies lag nur wenige Zentimeter über dem an einem 21. Dezember gemessenen Minimalrekord (Messreihe 84 Jahre; Foto: SLF/F. Techel).


Zudem wurde nur an 10 von 57 Stationen (typischerweise am Alpensüdhang) mehr Schnee als die bisherige Minimumschneehöhe gemessen. Das heisst alle anderen Stationen (82%) egalisierten die bisherige Minimumschneehöhe an einem 24. Dezember (48 Stationen mit häufig 0 cm Schneehöhe), oder registrierten einen neuen Minimum-Rekord (die in obiger Tabelle 1 aufgeführten Stationen).

Für Donnerstag, 29. Dezember 2016 sah die Statistik ganz ähnlich aus: an 91 % der Stationen wurden die bisherigen minimalen Schneehöhen egalisiert, oder sogar unterboten (acht Stationen). Interessant ist auch ein Vergleich mit dem ebenfalls sehr schneearmen Jahresende 2015 (Abbildung 8).

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Abb. 8: Schneehöhen an den manuellen Stationen am 29. Dezember 2015 (links, Grafik gross) und 2016 (rechts, Grafik gross) im Vergleich. Die meisten dieser langjährigen Stationen liegen unterhalb von 2000 m. Ein analoger Vergleich mit Ende Dezember 1989 wurde letztes Jahr an dieser Stelle gezeigt.


Nur gerade die höher gelegenen Regionen am Alpensüdhang zeigten etwas mehr Schnee als letztes Jahr. Alle anderen Stationen zeigten diesen Dezember weniger Schnee, vor allem aber gab es eindeutig mehr Stationen mit keinem Schnee, als letztes Jahr Ende Dezember. Aufschlussreicher als die Schneehöhen Ende Monat, ist eine Rangliste, die den ganzen Monat Dezember berücksichtigt (Tabelle 2).


Tabelle 2: Monatsmittel der Schneehöhe, verglichen mit dem langjährigen Mittelwert (relative Schneehöhe). Dazu wurde die relative Abweichung des Monatsmittelwertes der Schneehöhen vom langjährigen Durchschnitt (1981-2010) für jede Station mit Messungen seit 1948 berechnet (n=29 Stationen).

Dezember Relative Schneehöhe
2016
1%
1989
7%
2015
16%
1953
17%
1994
24%
1948
28%


Über die ganze Schweiz betrachtet kann die aktuelle Situation als rekord-schneearm bezeichnet werden. Auch wenn die Dezember Neuschneesummen grösstenteils rekordtief waren, kann die Schneearmut nicht allein der Trockenheit zugeschrieben werden. Die Neuschneesumme von November und Dezember war zwar klar unterdurchschnittlich, aber an keiner einzigen Station rekordniedrig. Wie bereits letzten Frühwinter fiel der bereits gefallene Schnee zum grössten Teil dem Wärmeüberschuss von November und Dezember zum Opfer.

Der Dezember 2016 kann somit als schneeärmster Dezember seit Messbeginn bezeichnet werden. Die wenigen Stationen mit mehr als 100-jährigen Schneemessreihen (Engelberg, Davos und Bever) zeigten, dass seit mindestens 1891 kein Dezember schweizweit gesehen so wenig Schnee aufwies wie der Dezember 2016.

Wie schon im letzten Wochenbericht erwähnt, ist aber nicht nur die aktuelle Situation speziell, sondern vor allem die Häufung von schneearmen Frühwintern in den letzten 3 Jahren (Abbildung 9).

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Abb. 9: Anzahl schneefreie Tage für die Dezember 1892 bis 2016 an der Station Davos, GR (1560 m).


Lawinenunfälle

Dem SLF wurden zwei Lawinenabgänge gemeldet, bei welchen Personen mitgerissen wurden:

  • Am Freitag, 23.12. an einem NW-Hang auf rund 2600 m unterhalb der Mäderhütte im Simplongebiet (VS). Dabei wurde eine Person ganz verschüttet, sie konnte aber innert weniger Minuten durch Kameraden und weitere Tourengeher geortet und unverletzt aus der Lawine befreit werden (Abb. 10).
  • Am Montag, 26.12. im Julierpassgebiet (GR, Piz da las Coluonnas). Eine Person wurde über Felsen mitgerissen und verletzt. Sie wurde von der Rega ausgeflogen.
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Abb. 10: Schneebrettlawine unterhalb der Mäderhütte, ausgelöst am 23. Dezember (Simplongebiet; Foto: M. De Zaiacomo, 26.12.2016).


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