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1. bis 15. Dezember 2016: Der Schnee lässt auf sich warten

„Alle Jahre wieder...“ ist man fast schon geneigt zu sagen. Wie schon in den beiden Vorjahren, so war auch diesmal die erste Dezemberhälfte in den Bergen meist sonnig, mild und trocken. Zum dritten Mal in Folge (nach Dez. 2014 und Dez. 2015) waren damit Mitte Dezember mittlere und tiefe Lagen meist schneefrei. Abgesehen von Triebschneeansammlungen, welche mit zeitweise starkem Nordwind gebildet wurden, war die Lawinensituation mehrheitlich günstig.

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Abb. 1: Falsches Wintersportgerät? Seeüberquerung einmal anders... Skitourengeher queren das Schwarzeis des Lago Bianco (2236 m, Poschiavo/GR; Foto: A. Räz, 11.12.2016).

Entwicklung der Wetter- und Lawinensituation

Nach der ausgeprägten Südstaulage Ende November präsentierte sich die erste Monatshälfte Dezember in den Bergen sonnig und zeitweise ausserordentlich mild. So kletterte am Samstag, 10. Dezember auf der 3580 m hoch gelegenen Messstation am Jungfraujoch die Lufttemperatur über die Nullgradmarke und MeteoSchweiz sprach sogar von einer für die Jahreszeit „rekordverdächtig hohen Nullgradgrenze“ (siehe dazu auch Verlauf der Nullgradgrenze in Abb. 2). Abgesehen von vereinzelten Schneeflocken, welche von einer Kaltfront am Sonntag, 11. Dezember gebracht wurden, blieb es überall während dieser zwei Wochen trocken.

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Abb. 2: Verlauf der Nullgradgrenze in den ersten beiden Dezemberwochen 2016 (Informationen zur Berechnung der Nullgradgrenze).


Von Bedeutung für die Lawinensituation waren vor allem zwei Phasen mit mässigem bis starkem Nordwind am 1. und 2.. sowie am 11. Dezember. Besonders während der ersten Phase wurde in den Gebieten des Alpenhauptkammes Schnee verfrachtet. Es entstanden meist kleine Triebschneeansammlungen, welche bereits von einzelnen Schneesportlern ausgelöst werden konnten (s. Abb. 3). Lawinen, welche in der Altschneedecke brachen, wurden im Dezember keine gemeldet. In den meisten Gebieten blieb die Lawinensituation günstig (Abb. 4, sowie Gefahrenentwicklung).

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Abb. 3: Tourengeher lösten diese kleine Schneebrettlawine an einem NW-Hang auf 2400 m in der Abfahrt vom Pizzo Lucendro ins Witenwasserental (UR) aus einer Distanz von 10 m aus. Es handelte sich dabei um frischen Triebschnee (Foto: A. Furrer, 04.12.2016).


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Abb. 4: Entwicklung der Lawinengefahr während den ersten beiden Dezemberwochen. Die Lawinengefahr war anfangs meist mässig (gelb) und später meist gering (grün). Die prozentuale Aufteilung der Balken entspricht der flächigen Verteilung der prognostizierten Lawinengefahr. Am 1. Dezember wurde bspw. für knapp 60% der Fläche der Schweizer Alpen mässige Lawinengefahr prognostiziert. Für die Gebiete mit mässiger Lawinengefahr ist zudem das Lawinenproblem gezeigt.


Am Alpensüdhang, wo in der letzten Novemberdekade teils mehr als 100 cm Schnee gefallen war, lösten sich einzelne Gleitschneelawinen oder deuteten Gleitschneerisse auf die Gefahr von Gleitschneelawinen hin (Abb. 5).

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Abb. 5: Gleitschneeriss im Val Bedretto (Foto: T. Schneidt, 03.12.2016)

Schneedeckenaufbau

Südhänge waren zwar vielerorts in mittleren und teils auch bis in hohe Lagen schneefrei (Abbildung 6), in schattigen Hängen blieb die dünne Schneedecke aber liegen. Durch die grossen Temperaturunterschiede zwischen dem unter der Schneedecke meist nicht gefrorenen Boden und der sehr kalten Schneeoberfläche (Abbildung 7), wandelte sich die Schneedecke stark um (Abbildung 8). Zudem bildete sich stellenweise grosser Oberflächenreif (siehe Bildgalerie).

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Abb. 6: Blick vom Sex Rouge (2971 m, Ormont-Dessus, VD) nach Norden in die Waadtländer Alpen. Während die sehr steilen Südhänge von Pic Chaussy (2351 m), La Pare (2540 m, beide im linken Bildteil) und La Palette (2170 m, Bildmitte) weitgehend schneefrei waren, blieb an flacheren Hangstücken oder in Schattenhängen die dünne Schneedecke bestehen. Die Bildsequenz zeigt Aufnahmen vm 1., 7. und 14.12.um 14 Uhr (Quelle: Webcam Glacier3000).


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Abb. 7: Entwicklung der Schneetemperatur (Farbskala links) und der Schneehöhe (rechte Achse) zwischen Ende Oktober und Mitte Dezember an der auf 2510 m gelegenen automatischen Messstation Valetta im Oberengadin. Diese Messstation liegt im Dezember meist im Schatten der umliegenden Berge. Die Schneeoberfläche war im Dezember auch tagsüber und trotz zeitweise positiver Lufttemperaturen meist kälter als -15 °C (dunkelblau schattiert), während die Temperatur am Boden nahe bei 0 °C war (rot schattiert). Die Schneetemperaturen wurden mit dem Schneedeckenmodell SNOWPACK simuliert.


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Abb. 8: Manuelle Schneeprofile an der automatischen Messstation Bever Valletta (2510 m, Bever, GR). Das Profil links wurde am 29.11., das rechts am 11.12. erstellt. Während dieser zwei Wochen wurde vom Nordwind nicht nur etwas Schnee erodiert, die Schneedecke wandelte sich auch stark um. Der Unterschied der Schneetemperatur (rote Linie) zwischen Boden und Schneeoberfläche war gross, was zu einer Umwandlung von kleinen runden Schneekristallen zu grobkörnigen kantigen Kristallen führte. Je weiter die Balken nach links gehen desto härter sind die Schneeschichten (weitere Hinweise zu Schneeprofilen).


Frühwinterliche Schneearmut

Am Alpennordhang liegt aktuell unterhalb von 2000 m meist kein Schnee, aber auch weiter oben ist die Schneedecke nur sehr dünn. Auch wenn einzelne Stationen rekord-niedrige Werte zeigen, ist eine solche Situation bis jetzt zwar aussergewöhnlich, aber nicht einmalig. Im Messfeld Weissfluhjoch (2540 m) oberhalb von Davos (GR) beträgt die Schneehöhe aktuell 30 cm. In den 80 Jahren seit Messbeginn hatte es nur gerade Mitte Dezember 2004 (28 cm), 1953 (18 cm) und 1948 (14 cm) noch weniger Schnee. In Anbetracht der Wetterprognosen wird die Situation aber nächste Woche für die Alpennordseite mit grosser Wahrscheinlichkeit einmalig, da in den vorher genannten drei Jahren jeweils vor dem 20. Dezember Neuschnee fiel.

Am Alpensüdhang liegt die Schneegrenze aktuell bei rund 1700 m. Im Unterschied zum Norden nehmen die Schneehöhen auf der Alpensüdseite und im Unterwallis mit zunehmender Höhe auf Grund der November-Niederschläge stark zu. Wegen der aktuellen Niederschlagsarmut sind sie ebenfalls unterdurchschnittlich, aber weit weg von Rekordwerten.

Das Speziellste an der aktuellen Situation ist die Tatsache, dass wir nun unterhalb von 2000 m vielerorts bereits den dritten schneearmen Frühwinter in Folge erleben. Dies zeigt sich zum Beispiel, wenn man die schneefreien Dezember-Tage für jeden Winter an den beiden Stationen Davos und Bosco-Gurin auszählt (Abb. 9). Obwohl der aktuelle Dezember erst zur Hälfte berücksichtigt werden konnte, gehört er bereits heute zu den Frühwintern mit sehr vielen schneefreien Tagen. Die Daten der Station Davos (seit 1892) zeigen, dass der letztjährige Dezember 2015 bei weitem am meisten schneefreie Dezember-Tage aufwies. Als schneefrei bezeichnen wir Tage, an denen auf dem Messfeld kein Schnee lag.

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Abb. 9: Anzahl schneefreie Tage für die Dezember 1950 bis 2016 an den beiden Stationen Davos, GR (1560 m) und Bosco Gurin, TI (1530 m).


Lawinenunfälle

Dem SLF wurde eine Lawinenauslösung gemeldet, bei welcher zwei Personen wenige Meter mitgerissen wurden. Dieser Lawinenabgang ereignete sich am 04.12., westlich des Mont Fourchon (Orsières, VS). Beide Personen blieben unverletzt und wurden nicht verschüttet. Es handelte sich um eine frische Triebschneeansammlung.


Nächster Wochenbericht am 29.12.2016


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