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13. bis 20. April 2017: Viel Neuschnee im Nordosten, viel Sonne im Süden

Nach einem frühlingshaften Start in diese Wochenberichtsperiode schneite es am zentralen und östlichen Alpennordhang intensiv und mit arktischer Kaltluft bis in tiefe Lagen (vgl. Abbildung 1). Neu- und Triebschnee prägten die Lawinensituation. Nur wenig oder kein Schnee fiel in den südlichen Regionen, dafür gab es dort viel Sonne, mit tiefen Temperaturen aber kaum Nassschneelawinen.

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Abbildung 1: Frau Holle macht „Frühjahrsputz“. Im Nordosten schneite es zum Teil intensiv, wie zum Beispiel am Mittwoch, 19.04. in Sedrun (GR, 1400 m) (Foto: N. Levy).

Wetterentwicklung

Donnerstag, 13.04. und Karfreitag, 14.04.: Im Nordosten Wolken, sonst sonnig

Der Donnerstag und Karfreitag schlossen mit viel Sonne an die vorangehende Wochenberichtsperiode an. Nur im Nordosten war es in der Nacht auf Donnerstag und tagsüber wechselnd bewölkt und am Karfreitag unterhalb von rund 2500 zunehmend wolkig. Die Mittagestemperatur auf 2000 m lag bei +3 °C im Norden und milden +7 °C im Süden. Die Nullgradgrenze verharrte noch bei rund 2800 m (vgl. Abbildung 2).

Karsamstag, 15.04. bis Mittwoch, 19.04.: Winter im Norden, Frühling im Süden und über Ostern mild

Von Karsamstag bis Mittwoch war das Wetter geprägt von einem markanten Kaltluftvorstoss. Bis am Ostermontag blies der Wind in der Höhe meist mässig, teilweise auch stark aus Nordwest, am Dienstag und Mittwoch dann stark bis stürmisch aus nördlichen Richtungen. Damit traf arktische Kaltluft bei uns ein und die Temperaturen sanken nochmals markant. Die Nullgradgrenze fiel deutlich unter 1000 m (vgl. Abbildung 2).

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Abbildung 2: Die Nullgradgrenze sank während der gesamten Wochenberichtsperiode von rund 2800 m auf unter 1000 m (Informationen zur Berechnung der Nullgradgrenze).

Die Wolken stauten sich am Alpennordhang und besonders am zentralen und östlichen Alpennordhang schneite es beträchtliche Mengen (vgl. Abbildung 3). In den Glarner Alpen fielen 150 bis 200 cm, sonst am zentralen und östlichen Alpennordhang 80 bis 150 cm. Nach Westen und Süden nahmen die Neuschneemengen deutlich ab. In Schauern fiel am Dienstag und Mittwoch sogar Schnee bis in tiefe Lagen.

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Abbildung 3: 5-Tagesneuschneesumme von Karsamstag- bis Donnerstagmorgen, 20.04. 8 Uhr. Die Schneefallgrenze lag zerst zwischen 1500 und 2000 m und sank bis am Dienstag, 18.04. bis unter 1000 m. Die dargestellten Neuschneemengen fielen oberhalb von etwa 2000 m (Quelle: Beobachter des SLF und automatische IMIS-Stationen).

In den Hauptniederschlagsgebieten im Glarnerland wurden zum Teil recht hohe Schneefallintensitäten berechnet, wie zum Beispiel an der IMIS-Station Ortstock/Matt (1830 m) mit bis zu rund 30 cm in 6 Stunden (vgl. Abbildung 4).

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Abbildung 4: Schneefallintensitäten (cm/6 Stunden – rote Säulen) an der IMIS-Station Ortstock Matt (1830 m) im Glarnerland und Schneehöhenverlauf (blaue Kurve). Die Schneefallintensitäten erreichten in der Nacht vom Ostersonntag auf Ostermontag Werte um 30cm/6h (5cm/h – höchste, bei uns bekannte Werte liegen bei 10cm/h). Gut erkennbar sind auch drei Niederschlagsschübe mit Pausen geringer Intensität. Die berechnete Neuschneehöhe in der ganzen Niederschlagsperiode betrug an dieser Station beachtliche 205 cm, die Schneehöhendifferenz von Donnerstag, 20.04. 8h zum Sonntag, 16.04. 8h 112 cm. In den 4 Tagen hat sich der Neuschnee (und wahrscheinlich auch die Altschneedecke geringfügig) um rund 1 m gesetzt.

Entsprechend der Niederschlagsverteilung war es am östlichen Alpennordhang am trübsten. Je weiter nach Westen desto mehr zeigte sich die Sonne (vgl. Abbildung 5). Am Alpensüdhang war es dank kräftigem Nordföhn, der am Dienstag und Mittwoch bis in die Täler griff, sonnig und über die Ostertage auch mild.

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Abbildung 5: Sonnenscheinstunden vom Sonntag, 16.04. bis Mittwoch, 19.04. Während z.B. auf dem Säntis (2502 m) oder auf dem Grimselpass (2164 m) null Sonnenstunden gemessen wurden, erreichte der Monte Generoso (1600 m) im Tessin 42.4 Sonnenstunden von möglichen ca. 50 Stunden (Quelle: SwissMetNet MeteoSchweiz).

Donnerstag, 20.04.: Sonnig, aber weiterhin kalt

Die Nacht auf Donnerstag war im Westen und Süden klar. Am Alpennordhang und in Nordbünden schneite es 5 bis 15 cm in Schauern bis in tiefe Lagen, bevor es auch dort aufklarte. Damit endete die fünftägige Schneefallperiode im Norden und Osten (vgl. Abbildung 3). Tagsüber war es meist sonnig, mit tiefen Wolkenfeldern im Norden. Die Temperatur lag am Mittag auf 2000 m zwischen -5 °C im Westen, -9 °C im Osten und bei -3 °C im Süden. Der Wind blies schwach bis mässig, an den Alpenkämmen und im Süden zeitweise stark aus Nordost.


Schneedecke und Lawinensituation

Zu Beginn der Wochenberichtsperiode war die Lawinensituation frühjahrstypisch. Nachts gefroren die oberflächennahen Schneeschichten und tagsüber weichte die Kruste wieder auf. Der Tagesgang der Lawinengefahr war aber nur wenig ausgeprägt, so dass kaum Nassschneelawinen gemeldet wurden (vgl. letzte Wochenberichtsperiode). An Nordhängen unterhalb von rund 2400 m und an steilen Südhängen unterhalb von rund 3000 m war die Schneedecke durchfeuchtet. Trockene, lockere Oberflächenschichten waren nur noch stellenweise und meist oberhalb von rund 2800 m in extremen Nordhängen vorhanden. Ausser in den Voralpen lagen tief in der Schneedecke kantig aufgebaute Schichten. Am ehesten störanfällig waren diese an selten befahrenen Nordhängen des südlichen Wallis und Graubündens zwischen 2400 m und 3000 m. In den anderen Gebieten waren diese Schichten genügend überdeckt und eine Auslösung im schwachen Schneedeckenfundament wenig wahrscheinlich (vgl. Abbildung 6).

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Abbildung 6: Vom Schneedeckensimulationsmodell Snowpack berechnete Schneedecke an den IMIS-Standorten Muttsee (GL, 2474 m) und Davos Bärentälli (GR, 2560 m) für den Mittwoch, 19.04. um 09:00 Uhr (Flachfeld).
- Vertikale Achse: Schneehöhe, horizontale Achse Härte und Temperatur (rote, geschwungene Kurve).

1: Das Schneedeckenfundament bestehend aus Becherkristallen (dunkelblau) und kantigen Kornformen (hellblau) ist an beiden Standorten vorhanden.

2: Die Schneehöhe, d.h. die Überdeckung dieses Fundamentes, ist beim Muttsee deutlich mächtiger als im Bärentälli. Im Bärentälli sind auch in den, die unterste Schicht überlagernden Schichten, kantige Kornformen vorhanden.

3: Der kalte Neuschnee (grün) liegt auf einer Kruste (rot), darunter ist die Schneedecke noch trocken, die Schneetemperaturen aber nahe bei null Grad.

4: Die Härte der Neuschneeschichten (grün) nimmt in den neuschneereichen Gebieten von unten nach oben ab, hier ist aber eine weichere Schicht eingelagert, die eine
Schwachschicht sein könnte.

- Grün: Neuschnee
- Dunkelblau: Becherkristalle

- Pink: abgebauter, rundkörnier Schnee

- Hellblau: aufgebauter, kantiger Schnee

- Rot: Schmelzformen, Kruste


Altschneeproblem:

Das Altschneeproblem in den Nordhängen des südlichen Wallis und Graubündens blieb latent bestehen und wurde im Lawinenbulletin weiterhin erwähnt. Auslösungen im trockenen Schnee wurden aber schon seit anfangs April keine mehr gemeldet.

Mit der zunehmenden Durchfeuchtung der Schneedecke in Nordhängen, die bis zum Beginn dieser Wochenberichtsperiode zwischen 2200 und 2500 m lag, konnte erwartet werden, dass mit eindringendem Wasser das Schneedeckenfundament geschwächt, und sich Lawinen spontan im nassen Schnee lösen würden. Dazu gab es denn auch wenige Hinweise, wie zum Beispiel in der Abbildung 7.

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Abbildung 7: Diese zwei Schneebrettlawinen lösten sich spontan im feucht gewordenen, schwachen Altschneefundament an einem steilen Nordwesthang auf 2350 m am Nordostgrat des Schaftällihorns (Vordergrund rechts im Bild) (Arosa, GR) (Foto: R. Meister, 13.04.2017).

Mit der Abkühlung und dem damit verbundenen Versiegen von einsickerndem Wasser, entwickelte sich diese Destabilisierung aber nicht weiter. Im Gegenteil bildete sich – allmählich auch unter dem isolierenden Neuschnee – eine Kruste.

Das Risiko, dass mit der Auflast durch die zum Teil grossen Neuschneemengen das schwache Altschneefundament „reaktiviert“ würde, wurde für den Alpennordhang als klein beurteilt, für die Gebiete Graubündens als etwas höher (vgl. Abbildung 8).

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Abbildung 8: An diesem Nordhang am Hochducan (3062m, Davos, GR) wurde am Donnerstagmorgen, 20.04. eine spontane Lawine gesichtet, die spontan abgegangen und in tiefen Altschneeschichten gebrochen war (Foto: V. Meier).


Nassschneelawinen:

Der schon in der vorangehenden Wochenberichtsperiode nur schwach ausgeprägte Tagesgang der Nassschneelawinengefahr wurde durch die Abkühlung weiter abgeschwächt (vgl. oben) und hatte mindestens ab Samstag, 15.04. kaum mehr Relevanz.

Erst am Donnerstag, 20.04. war zu erwarten, dass sich mit der Sonneneinstrahlung vor allem in den neuschneereichen Gebieten an Ost-, Süd- und Westhängen aus den Felsen und aus sehr steilen Hängen feuchte Rutsche und Lawinen lösen würden.

Neu- und Triebschnee:

Das Neu- und Triebschnee-Problem war in dieser Wochenberichtsperiode dominant. Während in den Gebieten ohne Neuschnee die Triebschneebildung gering war und sich im wesentlichen auf das Hochgebirge konzentrierte, begann mit dem Schneefall in der Nacht vom Samstag, 15.04. auf den Sonntag, 16.04. in den Neuschneegebieten die Bildung von Triebschneeansammlungen und hielt im Wesentlichen bis am Donnerstag an (vgl. Abbildung 9).

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Abbildung 9: Tiefwinterlich verschneit ist der Säntis (2502 m) bei diesem von der Webcam am Gipfel eingefangenen Bild Richtung Osten. Der Wind hat die Schneeverteilung stark beeinflusst (Schwende, AI; Foto: Webcam Altersäntis, 20.04.2017).

Die Verbindung vom Neuschnee zur Altschneeoberfläche wurde verbreitet als günstig eingeschätzt, weil der Neuschnee auf meist rauhe, harte Schichten fiel. Lockere Oberflächenschichten (vgl. oben) waren nur noch wenige vorhanden.

Es war zu erwarten, dass jeweils die frischen Triebschneeansammlungen störanfällig sind und dass zwischen den Neu- und Triebschneeschichten schwächere Bereiche eingelagert waren, wo eine Auslösung von Schneebrettlawinen möglich war. Ein Beispiel dafür ist lockerer Neuschnee, der von gebundenem Triebschnee und später von weiterem Neuschnee überlagert wird (vgl. Abbildung 6).

Aufgrund weiterhin eingeschränkter Sicht wurde bis zum Redaktionsschluss noch wenig beobachtet und es wurden erst wenige Lawinen bekannt (Triftgebiet, Titlis, Glarner Alpen).

Die Lawinengefahr stieg in den Hauptniederschlagsgebieten des zentralen und östlichen Alpennordhanges markant an und erreichte in der Prognose am Mittwoch, 19.04. die Stufe 4 (gross). Nach Westen und Süden nahm die Gefahr, entsprechend der Neuschneeverteilung, ab. Ganz im Süden und im Nordwesten blieb die Lawinensituation mit Stufe 1 (gering) günstig.

Schneelage

Am Karfreitag, 14.04. und Karsamstag, 15.04. fiel die Schneehöhe auf dem Weissfluhjoch (GR, 2540 m) um jeweils 1 cm in ein neues Minimum in der 84-jährigen Messreihe. Die Schneehöhe betrug an diesen beiden Tagen 139 cm resp. 138 cm.

Auf 2000 m lag am Donnerstag, 20.04. in den niederschlagsreichen Gebieten des zentralen und östlichen Alpennordhanges 120 bis 200 cm, gebietsweise bis 300 cm Schnee. Die südlichen Vispertäler und das Oberengadin sowie der Alpensüdhang blieben von den Niederschlägen weitgehend unbeeinflusst und die Schneehöhe auf 2000 m blieb gering (vgl. Abbildung 10)

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Abbildung 10: Schneehöhe auf 2000 m. Für die Berechnung wurden SLF- und MeteoSchweiz-Stationen zwischen 1600 und 2300 m berücksichtigt. Die Angaben gelten für horizontale Flächen. Grafik gross (Quelle: Beobachter des SLF, automatische IMIS-Stationen).


Lawinenunfälle

  • Am Sonntag, 16.04. wurden zwei Personen in der Abfahrt vom Sustenhorn auf einer Höhe von rund 2200 m in einem Nordosthang von einer Lawine erfasst. Die eine Person war ganz, die zweite teilverschüttet und konnte den Kameraden lokalisieren und ausgraben. Beide blieben unverletzt, wurden aber wegen fortgeschrittener Tageszeit, Schneesturm und Materialverlust von der Alpinen Rettung terrestrisch geborgen.
  • Am Donnerstag, 20.04. wurde am Steilimigletscher (Innertkirchen, BE) auf ca. 2600 m eine Person von einer Lawine mitgerissen und verletzte sich dabei.


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