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10. bis 16. März: Von grosser Lawinengefahr zu mehrheitlich günstigen Verhältnissen

Zu Beginn dieser Wochenberichtsperiode endete eine längere, turbulente Niederschlagsperiode. Diese brachte zuletzt vor allem im Norden und im Osten viel Schnee und Regen bis in hohe Lagen. Die Folge davon war eine ausserordentliche Lawinenaktivität mit vielen grossen Lawinen (vgl. Abbildung 1). Die Lawinengefahr war in vielen Gebieten gross und nahm im Verlaufe der Berichtsperiode bei meist sonnigem Wetter kontinuierlich ab. Zum Ende der Berichtsperiode war die Lawinensituation verbreitet günstig mit einem leichten Anstieg der Gefahr von nassen Lawinen im Tagesverlauf.

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Abb. 1: Spontane grosse Lawine an der Nordflanke des Titlis (Engelberg, OW), abgegangen in der Nacht auf Freitag, 10.03. Die Lawine hat sich auf rund 2900 m auf dem Titlisgletscher gelöst. Sie war rund 250 m breit, 2 km lang und hatte eine maximale Anrisshöhe von knapp 6 m (Foto: M. Hepting, 11.03.2017).

Wetter:

Freitag, 10.03.: Niederschlagsende, danach sonnig

In der Nacht auf Freitag fiel im Norden und Osten oberhalb von rund 1500 m Schnee. Dazu blies ein starker bis stürmischer Nordwestwind. Am Morgen gab es im Osten noch Restwolken, sonst war es sonnig. Der Wind liess etwas nach und blies im Osten meist mässig, sonst schwach. Die Mittagstemperaturen auf 2000 m lagen im Westen und Süden bei +3 °C, im Osten bei -4 °C.

Von Mittwochmittag, 08.03. bis Freitagmorgen, 10.03. fielen gebietsweise beträchtliche Schneemengen (vgl. Abbildung 2).  Die Schneefallgrenze war regional sehr unterschiedlich, ein beträchtlicher Teil des Niederschlags fiel aber bis in hohe Lagen als Regen. So wurde im Wallis die Schneefallgrenze auf 2700 m und im Engadin auf 2200 m beobachtet.

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Abb. 2: 2-Tages-Summe von Neuschnee und Niederschlag vom Mittwochmorgen, 08.03. bis Freitagmorgen, 10.03. Im nördlichen Goms, im Grimselgebiet, am nördlichen Alpenkamm vom Titlis bis Liechtenstein, in Nordbünden und im Unterengadin fielen oberhalb von rund 2200 m 50 bis 80 cm Schnee. Am übrigen nördlichen Alpenkamm vom Wildstrubel bis zum Titlis, im übrigen Goms, in Teilen Mittelbündens und im übrigen Unterengadin fielen 30 bis 50 cm. In den übrigen Gebieten waren es verbreitet 15 bis 30 cm, ganz im Westen weniger. Im mittleren und südlichen Tessin blieb es trocken (Quelle: SLF-Beobachter und automatische IMIS-Stationen).


Samstag, 11.03. bis Donnerstag, 16.03.: Meist sonnig und zunehmend mild

Abgesehen von zeitweise hohen Wolkenfeldern war es meist sonnig. Einzig am Mittwoch, 15.03. war es im Süden bedeckt. Mit Mittagstemperaturen auf 2000 m von  +4 bis +7 °C war es im Westen und Süden die ganze Zeit sehr mild. Im Osten war es zunächst etwas kühler (Mittagstemperaturen auf 2000 m zwischen 0 °C und +2 °C) bevor es am Mittwoch, 15.03. und Donnerstag, 16.03. ähnlich mild wurde wie im Westen und Süden. Der Wind wehte aus nördlichen Richtungen und war am ehesten im Osten für kurze Zeit auch mal stark, sonst meist schwach bis mässig.

Lawinensituation

Der intensive Niederschlag mit sehr hoher Schneefallgrenze am Übergang zu dieser Berichtsperiode führte zu einer ausserordentlichen Lawinenperiode. Der Lawinenaktivitätsindex erreichte am Übergang zu dieser Berichtsperiode mit über 600 Zählern den bisher höchsten Wert dieses Winters (vgl. Abbildung 3). Dabei wurden trockene, nasse und gemischte Lawinen beobachtet.

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Abb. 3: Der Lawinenaktivitätsindex ist eine dimensionslose Grösse, berechnet aus allen gemeldeten Lawinen. Diese gehen gewichtet nach Grösse, Anzahl und Auslöseart in den Index ein (weitere Erklärungen zum Lawinenaktivitätsindex). Am Donnerstag, 09.03. wurde der bisherige Höchstwert dieses Winters registriert. Am Freitag, 10.03. wurde auch aufgrund vieler gesprengter Lawinen nochmals ein sehr hoher Wert von gut 500 Zählern erreicht.

Im Nachhinein betrachtet war die Spitze der spontanen Lawinenaktivität vermutlich am Nachmittag des Donnerstags, 09.03. (siehe letzte Berichtsperiode) im Zuge der intensivsten Niederschläge und der höchsten Schneefallgrenze. In der Nacht auf Freitag, 10.03. gingen aber weitere spontane Lawinen ab. Viele dieser Lawinen stiessen bis in die Talböden und in die Nähe von Infrastrukturen wie Alpgebäude oder Strassen vor (vgl. Abbildungen 4 und 5). Zahlreiche grosse Lawinen gingen auch fernab von Siedlungsgebieten ab und wurden erst im Verlaufe der Berichtsperiode bemerkt (vgl. Abbildung 6).

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Abbildung 4: Ablagerung der Golperlouwi (Guttannen, BE). Das Einzugsgebiet dieser Lawine erstreckte sich an der Ostflanke der Gallouwisteck bis auf eine Höhe von rund 2800 m, die Front der Ablagerung lag auf 800 m. Die Lawine hatte somit knapp 2000 Höhenmeter und eine Distanz von etwa 3 km zurückgelegt und konnte als sehr grosse Lawine bezeichnet werden. Obwohl die Ablagerung nass war, handelte es sich um eine trockene Lawine, da sie im Einzugsgebiet im trockenen Schnee angebrochen war (Foto: Grimselfoto/Daniel Bürki, 10.03.2017).


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Abbildung 5: Nicht ganz so gross wie in Abbildung 4, aber sehr zahlreich waren die Lawinen in der Region Davos, GR. Diese Lawinen gingen in der Nacht auf Freitag, 10.03. an den Osthängen des Chüebergs (2503 m, Davos, GR) und an der Nordflanke des Mäschengrats (2786 m) spontan ab. Sie erreichten die Alpgebäude der Mittelalp und des Mäschenbodens knapp nicht (Foto: M. Bless, 10.03.2017).


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Abbildung 6: Etwa 1 km breite Lawine an der Ostflanke der Gärstenhörner. Die Lawine ging mutmasslich am Donnerstag, 09. oder am Freitag 10.03. spontan ab. Das Anrissgebiet lag auf rund 3000 m und war über weite Strecken weniger steil als 30°, allerdings durchsetzt mit einigen sehr steilen Flächen (Foto: G. Müller, 14.03.2017).

Anzahl und Grösse der Lawinen zeigen, dass die prognostizierte grosse Lawinengefahr (Stufe 4) sowohl am Donnerstag, als auch in der Nacht auf Freitag, 10.03. erreicht war. Aufgrund der gemeldeten Lawinen hätte die Warnung vor grosser Lawinengefahr am Donnerstag und Freitag mutmasslich noch auf weitere Gebiete ausgedehnt werden können (insbesondere Lötschental, ganzes Goms, Ofenpass). Die Warnung vor grosser Lawinengefahr wurde am nördlichen Alpenkamm vom Berner Oberland bis Liechtenstein, in Nordbünden und im Unterengadin nördlich des Inns am Freitag auch tagsüber aufrechterhalten. Zwar gab es weniger spontane Lawinen wie am Vortag und in der Nacht, aber es wurden sehr erfolgreich Lawinen künstlich ausgelöst. Gründe dafür waren einerseits die nach wie vor instabile Schneedecke und bestes Flugwetter (vgl. Abbildung 7 bis 9).

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Abb. 7: Gesprengte Lawine am Parpaner Weisshorn (Churwalden, GR) im Skigebiet Lenzerheide. Die Lawine konnte an einem Westhang auf rund 2500 m ausgelöst werden und brach im Altschnee an. Die maximale Anrisshöhe betrug über 3 m. Die Lawine zeigt, dass tiefliegende Schwachschichten in der Schneedecke bei genügend Überlast wieder aktiv werden können, ungeachtet dessen, ob der Hang zwischenzeitlich häufig befahren wurde (Foto: R. Meier, 10.03.2017).


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Abb. 8. Auch im südlichen Wallis wurden am Freitag, 10.03. sehr erfolgreich Lawinen gesprengt. Stellvertretend dafür diese eindrückliche Lawine auf 3200 m am Nordhang der Roten Nase (Zermatt, VS). Von dieser Sprengung gibt es auch ein tolles Video (Foto und Video: B. Mooser, 10.03.2017).

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Abb. 9: Wunderschöne Bildserie einer Lawinensprengung an der Pointe du Djoua (2276 m, Trient, VS). Nach dem Abgang einer grossen Lawine am Mittwoch, 08.03. wurde das Gebiet im Vorfeld einer Begehung gesichert (Fotos: J.- L. Lugon, 11.03.2017).

Ab Samstag, 11.03. nahm die Lawinenaktivität markant ab. Hauptgründe dafür waren, dass sich die mächtigen Neu- und Triebschneeschichten der vorangegangenen Woche zunehmend stabilisierten. Unterhalb von rund 2000 m gefror die durchnässte Schneedecke mit der nächtlichen Abkühlung. Es wurden nur noch wenige spontane Lawinen gemeldet, vereinzelt aber grosse. Dies zeigte, dass die Auslösebereitschaft von Lawinen zwar deutlich abnahm, aber die Lawinengrösse aufgrund der Lage möglicher Schwachschichten tief unter dem Neuschnee und der guten 'Schneebretteigenschaften' der oberen Schneeschichten unverändert gross blieb (vgl. Abbildung 10).

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Abb. 10: Anrissgebiet einer grossen Lawine an der Ostflanke des Tödi (3613 m, Glarus Süd). Die Lawine brach am Samstag, 10.03. unmittelbar auf dem Gletschereis spontan an und füllte das ganze Tal des Bifertengletschers mit Staub. Sie war darum weitherum zu beobachten (Foto: SLF/S. Margreth, 17.03.2017).

Am störanfälligsten blieb die Schneedecke im südlichen Wallis sowie in den inneralpinen und südlichen Teilen Graubündens wo einerseits der Schneedeckenaufbau deutlich ungünstiger war und anderseits die teils mächtigen bodennahen Schwachschichten noch nicht so stark überlagert waren (vgl. Abbildungen 11 bis 13). In diesen Gebieten ereigneten sich auch die meisten Personenauslösungen.

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Abb. 11.: Spontane Lawine am Nordhang von Les Rechasses (2522 m, Saint-Martin, VS). Diese Lawine löste sich am Samstagabend, 11.03. zusammen mit drei weiteren Lawinen an der West- Nordwestflanke der Pointe de Masserey. Mindestens eine davon war gross. Der zeitgleiche Abgang mehrerer Lawinen in dieser Grössenordnung deutete auf eine durchgängige Schwachschicht und einen sehr ungünstigen Schneedeckenaufbau hin (Foto: P. Gaspoz, 14.03.2017).


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Abb. 12: Lawinenauslösung durch einen einzelnen Skifahrer an einem Westhang auf rund 2600 m unterhalb des Munt Arlas (Silvaplana, GR). Zuvor hatte bereits eine Person den Hang befahren. Die relativ dünne Schneedecke hatte eine schwache Basis, welche nur wenig überlagert und daher störanfällig war. Die Lawinenauslösung verlief glimpflich (Foto: C. Büsser, 10.03.2017).

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Abb. 13: Nordflanke des Piz Mez (2717, Surses, GR). Der Hang hat eine Steilheit von etwas mehr als 30° und wurde von 3 Personen befahren, ohne dass eine Lawine ausgelöst wurde. Als zwei weitere Personen den Hang befuhren löste sich diese Lawine. Sie brach ebenfalls in tieferen Schichten der Altschneedecke an und zeigte, dass die Schneedecke nach wie vor störanfällig war (Foto: J. Bernhard, 12.03.2017).

Die Gefahr von trockene Lawinen nahm in der Folge weiter ab. Vereinzelte spontane Lawinen und Personenauslösungen ereigneten sich aber nach wie vor. Zum Ende dieser Berichtsperiode wurde die Lawinengefahr als mässig (Stufe 2) eingestuft. Die Hauptgefahr ging einerseits vom schwachen Altschnee, anderseits von einem tageszeitlichen Anstieg der Gefahr für nasse Lawinen aus. Allerdings wurden trotz hoher Lufttemperatur vorerst recht wenige nasse Lawinen gemeldet. Dafür kommen verschiedene Gründe in Frage. Zum einen waren die Nächte meist klar und die Schneedecke stabilisierte sich immer wieder. Anderseits war mit dem Regen vom Donnerstag, 09.03. unterhalb von rund 2000 m schon viel Wasser in die Schneedecke geflossen, sodass diese nicht mehr so sensibel auf die Anfeuchtung reagierte.

Lawinenunfälle und Sachschäden

Bis zum Redaktionsschluss verliefen alle Lawinen mit Personenbeteiligung glimpflich. Angesichts der vielen grossen Lawinen dürfte auch der eine oder andere Sachschaden entstanden sein. Allerdings gingen diesbezüglich noch kaum Meldungen ein.

Am Ende der letzten Wochenberichtsperiode verschüttete eine spontane Lawine die automatische IMIS-Station am Rienzenstock (2962 m, Göschenen, UR). Die Station steht auf einer Moräne auf 2400 m in der Nordwestflanke des Bergs. Da sie noch funktionierte, schien kein Schaden entstanden zu sein. Aufgrund des vorübergehenden Datenausfalls liess sich der Lawinenabgang auf den Mittwochabend, 08.03. 22 Uhr datieren.

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Abb. 14. Bis zu den Messapparaturen eingedeckte IMIS-Station am Rienzenstock (Göschenen, UR). Der Lawinenanriss ist rot markiert. Der Mast ist 6,5 m hoch (Foto: H. Müller, 12.03.2017).

Am Freitag, 10.03. wurde am Munt Arlas (Silvaplana, GR) eine Person von einer Lawine erfasst. Sie blieb unverletzt (vgl. Abbildung 12).

Am Samstag, 11.03. wurden an einem Nordwesthang auf rund 2400 unterhalb des Barglen Schiben (Kerns, OW) und an einem Südhang auf rund 2600 m unterhalb des Laaxer Stöckli je eine Lawine beobachtet. Bei beiden war unklar, ob Personen betroffen waren, weshalb Suchaktionen durchgeführt wurden. Der Aufwand für die Suche gilt als Sachschaden. Darum ist es wichtig, dass auch glimpflich verlaufene Lawinen den Rettungsorganisationen (1414 bzw. 144 im Wallis) gemeldet werden. So können unnötige Suchaktionen und somit Kosten vermieden werden.

Am Mittwoch, 15.03. wurden zwei Personen an einem Südhang auf 2140 m im Val Segnas (Disentis/Mustér, GR) von einer Lawine erfasst. Sie blieben unverletzt.

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