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03. bis 09. März 2017: Grosse Neuschneemengen, Sturm, hohe Lawinenaktivität

Viel Neuschnee, stürmischer Wind und die verbreitet zu wenig stabile Schneedecke führten zu einer dynamischen Wochenberichtsperiode mit hoher Lawinenaktivität (vgl. Abbildung 1). Dabei waren nicht nur die bis anhin üblichen „Altschneegebiete“ des Wallis und Graubündens betroffen, sondern auch Gebiete am Alpennordhang. Am Dienstag, 07.03. wurde die höchste Lawinenaktivität des laufenden Winters erreicht.

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Abb. 1: Zur Sicherung der Infrastruktur künstlich ausgelöste Lawine auf der Belalp (VS) (Foto/Film: P. Schwitter).

Wetterentwicklung

Freitag, 03.03. und Samstag, 04.03.: Südsturm und viel Neuschnee im Tessin

Am Freitag war es im Norden recht sonnig, mit dichteren Wolkenfeldern am Nachmittag. Im Süden war es stark bewölkt und im Sottoceneri setzte oberhalb von rund 1200 m schwacher Schneefall ein. Dieser intensivierte sich in der Nacht auf den Samstag und griff allmählich über den Alpenhauptkamm nach Norden über. Am Alpennordhang und in Nordbünden war es am Samstagvormittag meist sonnig, später trübte es ein und Niederschlag folgte nach. Der Südwind frischte im Laufe des Freitages deutlich auf und entwickelte sich in der Nacht auf Samstag zu einem Sturm, der im Norden als Föhn bis in die Täler hinunter griff (vgl. Abbildung 2).

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Abb. 2: Der Wind war in dieser Wochenberichtsperiode ein wesentlicher, lawinenbestimmender Faktor. Mehrmals erreichte er über längere Zeit Sturmstärke und verfrachtete viel Schnee (Quelle: automatische Stationen der MeteoSchweiz und des SLF).

Am Samstagnachmittag brach der Sturm mit dem Durchzug einer Kaltfront zusammen. Die Niederschläge intensivierten sich aber noch einmal. Kräftige Niederschlagszellen zogen vom Piemont über die oberen Maggiatäler bis in die Glarner Alpen und bescherten diesen Gebieten unerwartet viel Neuschnee (vgl. Abbildung 3). Im Bedrettotal wurden Niederschlagsintensitäten von ca. 10 cm pro Stunde über mehrere Stunden beobachtet. Die Schneefallgrenze sank von 1200 bis 1400 m auf rund 1000 m.

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Abb. 3: Vom Niederschlagsbeginn am Freitagnachmittag, 03.03. bis zum Niederschlagsende in der Nacht auf den Sonntag, 05.03. fielen in den oberen Maggiatälern 80 bis 100 cm Schnee, sonst im Tessin und im südlichen Simplongebiet verbreitet 40 bis 60 cm. Von da erstreckte sich ein Niederschlagsgebiet bis in die Glarner Alpen und zum Berninagebiet, wo 20 bis 40 cm Neuschnee fielen. In den übrigen Gebieten schneite es weniger (Quelle: Beobachter des SLF und automatische IMIS-Stationen).

Sonntag, 05.03.: Kurze Niederschlagspause

Am westlichen Alpennordhang und im Wallis war es bereits am Morgen ziemlich sonnig, während es am zentralen und östlichen Alpennordhang, in Graubünden und im nördlichen Tessin noch intensiv schneite. Um den Mittag hellte es dann auch in diesen Gebieten auf. Gleichzeitig trübte es aus Westen bereits wieder ein. Bis am Montagmorgen schneite es die in Abbildung 4 dargestellten Schneemengen. Erneut schneite es im nördlichen Tessin, in den Glarner Alpen, aber auch im westlichsten und nördlichen Unterwallis am meisten. Die Schneefallgrenze lag um 1000 m.

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Abb. 4: Am Sonntag, 05.03. schneite es verbreitet 10 bis 20 cm, im nördlichen Tessin, in den Glarner Alpen und im westlichsten und nördlichen Unterwallis 20 bis 40 cm (Quelle: Beobachter des SLF und automatische IMIS-Stationen).

Der Wind frischte bereits ab Sonntagmittag wieder auf, und blies am Alpennordhang und im Wallis stark bis stürmisch aus West. Wie typisch bei dieser Windrichtung blieben das Tessin und Graubünden von der stärksten Strömung verschont (vgl. Abbildung 2). In der Nacht zum Montag wurde der Wind dann aber auch in diesen Gebieten mässig bis stark.

Montag, 06.03. und Dienstag, 07.03.: Nordweststaulage

Tagsüber war es am Montag verbreitet trocken aber meist bedeckt. Bereits am späten Vormittag setzten im Westen neue Niederschläge ein. Nachdem der Westwind tagsüber abgeflaut hatte, frischte er wieder auf und drehte im Laufe des Abends auf Nordwest. Die stärkste Strömung etablierte sich über den zentralen und östlichen Teilen der Schweizer Alpen und erreichte Sturmstärke. Mit der Drehung des Windes auf Nordwest intensivierten sich die Stauniederschläge am Alpennordhang und erreichten die intensivste Phase in der Nacht auf Dienstag. Tagsüber nahm der Wind allgemein ab. Auch die Niederschlagsintensität ging zurück, die Niederschläge wurden schauerartig und endeten in der Nacht zum Mittwoch, 08.03. Bis zum Dienstagmorgen schneite es noch einmal bedeutende Schneemengen (vgl. Abbildung 5). Die Schneefallgrenze stieg am Montag vorübergehend bis gegen 1500 m, sank dann aber rasch bis in tiefe Lagen.

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Abb. 5: Am Montag, 06.03. und Dienstag, 07.03. schneite es in weiten Teilen des Wallis und am Alpennordhang 30 bis 50 cm, im westlichsten Unterwallis, in Teilen des nördlichen Wallis und Berner Oberlandes sowie in den Glarner Alpen 50 bis 70 cm. Die höchsten Niederschlagsintensitäten wurden in der Nacht zum Dienstag erreicht (Quelle: Beobachter des SLF und automatische IMIS-Stationen).

Im Süden war es am Dienstag mit starkem Nordwind meist sonnig und inneralpin gab es Aufhellungen.

Mittwoch, 08.03. und Donnerstag, 09.03.: Nach kurzer Pause wieder Schneefälle

Die Nacht auf Mittwoch war mehrheitlich klar. Nach einem sonnigen Morgen zogen zuerst im Westen, dann im Osten und zuletzt im Süden bereits wieder Wolken auf. Schon am Vormittag setzten im Westen Niederschläge ein, die sich rasch nach Osten ausdehnten. Nachdem am Morgen der Nordwind am Alpensüdhang zu Ende ging, blies tagsüber mässiger bis starker West- bis Südwestwind. Die Schneefallgrenze stieg gegen 1500 m an.

Am Donnerstag war es am zentralen Alpensüdhang meist sonnig. Sonst war es bedeckt und es schneite vor allem im Nordosten ergiebig. Die Schneefallgrenze lag verbreitet zwischen 1500 und 2000 m, wich aber lokal in beide Richtungen von dieser Bandbreite ab. Von Mittwoch- bis Donnerstagnachmittag fielen oberhalb von rund 2000 m folgende Schneemengen:

  • nördlicher Alpenkamm vom Lötschental bis ins Liechtenstein, Schwyzer Voralpen und nördliche Glarner Alpen, Nordbünden, Unterengadin nördlich des Inns: 30 bis 50 cm
  • übriger Alpennordhang ohne Chablais, übriges Oberwallis, südliches Gotthardgebiet, Mittelbünden, Oberengadin nördlich des Inns, Unterengadin südlich des Inns, Münstertal: 15 bis 30 cm
  • übrige Gebiete: weniger, im Süden trocken

Der Wind blies in der Höhe mässig bis stark aus Nordwest, in den Voralpen mässig bis stark aus Südwest.

Schneedecke, Lawinengefahr und Lawinenaktivität

Die Lawinengefahr ging in dieser Wochenberichtsperiode vom Neu- und Triebschnee, und in zunehmendem Masse wieder vom Altschneeproblem aus, vor allem, aber nicht nur im südlichen Wallis und in Graubünden (in den „traditionellen Altschneegebieten“). Für Schneesport abseits gesicherter Pisten war die Situation in den meisten Gebieten anhaltend kritisch. Die bis anhin im laufenden Winter höchste Lawinenaktivität wurde am Dienstag, 07.03. erreicht. Es gingen spontane und künstlich ausgelöste Lawinen ab, vermehrt auch Grosse.

Freitag, 03.03. bis Sonntag, 05.03.

Mit dem Sturm und Neuschnee konnten Triebschneeansammlungen durch Personen sehr leicht ausgelöst werden. In den „Altschneegebieten“ des Wallis und Graubündens rissen diese teilweise in den schwachen Altschnee hinunter. Die Lawinengefahr wurde als erheblich (Stufe 3) eingestuft. Durch die Erwärmung mit dem Föhn waren im Norden unterhalb von 2400 m auch feuchte Lawinen möglich. Am Freitag wurde die Lawinengefahr in Teilen des Tessins sowie im Saastal und Simplongebiet noch als mässig (Stufe 2) eingeschätzt. Mit den Niederschlägen aus Süden stieg sie dann aber an, am Sonntag mit unerwartet intensiven Schneefällen in den oberen Maggiatälern auf die Stufe 4 (gross).

Am Freitag und am Wochenende wurden aus den „Altschneegebieten“ etliche Auslösungen durch Personen gemeldet, die glücklicherweise glimpflich ausgingen (vgl. Abbildung 6 bis 8).

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Abb. 6: Diese kleine Schneebrettlawine wurde am Samstag, 04.03. im Aufstieg zum Chörbsch Horn (2650 m, Davos, GR) an einem Osthang auf 2400 m ausgelöst. Die auslösende Person wurde rund 10 m mitgerissen und blieb unverletzt. Es löste sich hier nur der Triebschnee (Foto: C. Felder).

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Abb 7: Eine Person löste auf der Alp Farur (Tschiertschen, GR) an einem steilen NE-Hang auf 2160 m diese Schneebrettlawine aus, die bis in bodennahe Schwachschichten riss (Foto: P. Hartmann).

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Abb. 8: Diese Lawine wurde am Sonntag, 05.03. im Nordhang am Roc d’Orzival (2853 m, Val d’Anniviers, VS) durch Sprengung künstlich ausgelöst. Sie riss in bodennahe Schichten und erreichte eine beachtlich Grösse (Foto: B. Gallera).

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Abb. 9: Dieses Foto wurde unterhalb der Piansecco Hütte (Bedretto, TI) auf rund 1900 m am Samstag, 04.03. aufgenommen. Es schneite immer intensiver und es setzte Wind ein. Die Lawinensituation wurde heikler. Auch Rissbildungen im Schnee wiesen darauf hin (Foto: M. Dotta).

Montag, 06.03. bis Mittwoch, 08.03.

Weitere, zum Teil intensive Niederschläge mit erneut stürmischem Wind führten zu vermehrter spontaner Lawinenaktivität, besonders in der Nacht zum Dienstag zum Teil auch mit grossen Lawinen. Am Mittwoch standen dann vor allem künstlich ausgelöste Lawinen im Vordergrund (vgl. Abb. 11 bis 13).

In Gebieten, wo bereits zuvor grosse Lawinenaktivität herrschte, wie zum Beispiel im westlichen Unterwallis (03.-09.02., 24.02.-02.03.), gingen erneut zum Teil grosse Lawinen ab. Auch am Alpennordhang, wo die schwachen Altschneeschichten schon recht mächtig überlagert waren, rissen Lawinen bis in bodennahe Schneeschichten (vgl. Abbildung 12). Damit erreichte am Dienstag die Lawinenaktivität für diesen Winter den bis anhin höchsten Wert (vgl. Abbildung 10) am Dienstag. Im Wallis und mindestens gebietsweise am Alpennordhang war die Prognose der Lawinengefahr zu tief und die Stufe 4 (gross) erreicht.

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Abb. 10: Der Lawinenaktivitätsindex ist eine dimensionslose Grösse, berechnet aus allen gemeldeten Lawinen. Diese gehen gewichtet nach Grösse, Anzahl und Auslöseart in den Index ein (weitere Erklärungen zum Lawinenaktivitätsindex). Am Dienstag, 07.03. erreichte er den höchsten Wert des laufenden Winters.

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Abb. 11: Künstliche Lawinenauslösung bei Täsch im Mattertal (VS) am Morgen des Dienstages, 07.03. zur Sicherung der Zufahrtsstrasse nach Zermatt. Die Lawine ist bis in den schwachen Altschnee gebrochen. Film Sturzbahn, Film Strasse (Foto/Filme: Geopraevent AG).

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Abb. 12: Diese Lawine am Alpennordhang (Limmerental, GL) brach in der bodennahen Schwachschicht. Sie wurde anlässlich einer Sprengaktion zur Sicherung der Baustelle Linth-Limmern am Mittwoch, 08.03. sekundär ausgelöst. Brüche in tiefen Schneeschichten wurden nördlich einer Linie Rhône-Rhein während der letzten Wochen selten beobachtet. Jetzt gingen mehrere Lawinen bis zum Boden ab (Foto: A. Gubler).

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Abb. 13: Am Morgen des Mittwochs, 08.03. wurde die „Gratlawine“ am Hofathorn (Belalp, VS) erfolgreich künstlich ausgelöst. Im Anrissgebiet brach die Lawine bis zum Boden an, die Sekundärauslösungen weiter unten umfassten nur oberflächennahe Neu- und Triebschneeschichten. Regelmässige künstliche Auslösungen haben zur Folge, dass die Grösse der Lawinen überschaubar bleibt. Eindrücklich sind sie allemal. Film (Foto/Film: P. Schwitter).

Auch im Versuchsgelände Vallée de la Sionne wurde eine Lawine ausgelöst - zu Forschungszwecken. Auch diese riss bis zum Boden und wurde so gross wie seit 11 Jahren nicht mehr. Film 1, Film 2 (Filme: SLF).

Donnerstag, 09.03.:

Mit der markanten Erwärmung und Regen am Donnerstag sowie dem zusätzlichen Schnee in der Höhe gingen Lawinen im Nassschnee ab, oder stiessen in mittleren Lagen in den nassen Schnee vor. Aufgrund der intensiveren Niederschläge wurde am Donnerstagmorgen die Stufe 4 (gross) vom Prättigau und nördlichen Unterengadin auf Teile Mittelbündens, sowie den Alpennordhang zwischen östlichem Berner Oberland und Lichtenstein ausgedehnt.

Lawinenunfälle und Sachschäden

Auslösungen von Lawinen durch Personen verliefen glücklicherweise alle glimpflich.

Bis zum Redaktionsschluss wurden folgende Sachschadenlawinen bekannt:

Dienstag, 07.03.:

Zwischen Amsteg und Gurtnellen (UR) wurde an einer Autobahnbaustelle (auf rund 600 m ü.M.) die Baustelleninstallation durch den Luftdruck einer spontanen Lawine leicht beschädigt. Die Lawine brach am Bristen (3073 m) an und stürzte über das Teiftal ab.
Es wurde die Frage gestellt, ob diese Lawine im Zusammenhang mit dem Erdbeben bei Linthal im Glarnerland vom Montag, 06.03. stehen könnte. Dieses erreichte eine Stärke von 4.6 und wurde verbreitet verspürt. Prinzipiell ist ein Zusammenhang zwischen Lawinenabgängen und Erdbeben denkbar, vor allem bei höheren Magnituden. Im konkreten Fall ist aber ein Zusammenhang nicht sichergestellt. Zudem gibt es keine Hinweise auf eine, durch dieses Erdbeben verursachte, erhöhte Lawinenaktivität.

Mittwoch, 08.03.:

Im Vallon de Van (westliches Unterwallis) löste sich am Nordhang der Pointe du Djoua (2276 m) eine grosse Lawine und zerstörte in Van d’en Haut (ca. 1390 m) einige Gebäude und Wald (vgl. Abb. 14).

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Abb. 14: Die am Mittwoch, 08.03. von einer grossen Lawine überführten Gebäude in Van d’en Haut (ca. 1390 m, VS) (Foto: J.L. Lugon, 08.03.2017).

Auf der Urner Seite des Oberalppasses (UR) verschüttete eine spontane Lawine in der Nacht zum Mittwoch die Bahnlinie der Matterhorn Gotthardbahn auf rund 100 m Länge. Die Fahrleitung der Bahn wurde beschädigt. Später wurde eine weitere Lawine künstlich ausgelöst, welche das Bahntrasse ebenfalls erreichte und über mehrere 100 m verschüttete (vgl. Abb. 15).

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Abb. 15: Räumungsarbeiten an der Bahnlinie der Matterhorn Gotthardbahn am Mittwoch, 08.03. Die Lawine war am Schijen angerissen und erreichte das Bahntrasse. Die später mittels Sprengung künstlich ausgelöste Lawine verschüttete die Bahnlinie später, hier im Bild im Hintergrund (Foto: N. Levy).


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