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03. bis 09. Februar 2017: Wind, Schneefall und anhaltend heikle Lawinensituation

Es war oft bewölkt und verbreitet fiel Schnee, am Anfang der Periode begleitet von starkem Süd-, West- und später Nordwind. Lokal über 1 m Neuschnee, Triebschnee, ein vor allem im Wallis, in Graubünden und im Süden schwacher Schneedeckenaufbau sowie gebietsweise eingeschneiter Oberflächenreif sorgten für eine anhaltend kritische Lawinensituation (Abbildung 1). Mehrere Personen wurden von Lawinen erfasst und zwei getötet.

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Abb. 1: Kleine aber dicke Schneebrettlawine, fernausgelöst an einem kammnahen Nordwesthang auf 2400 m am Mannlibode, Gemeinde Reckingen-Gluringen, VS (Foto: A. Nagel, 03.02.2017).

Wetter und Lawinensituation

Freitag, 03.02: Südstau

Mit starkem bis stürmischem Wind erreichte die im letzten Wochenbericht beschriebene Südströmung ihr Maximum in der Nacht auf Freitag. Mit dem Stau fiel am Alpensüdhang ohne Münstertal und im Oberengadin 30 bis 50 cm Schnee, in den angrenzenden Gebieten 10 bis 30 cm (Abbildung 2). In den Föhngebieten des Nordens und allgemein in der Höhe wurde der lockere Altschnee intensiv verfrachtet (Abbildungen 3, 4).

Am Freitagmorgen überquerte eine Störung den Alpennordhang rasch von West nach Ost und brachte auch dem Norden gebietsweise ein paar Zentimeter Schnee. Dahinter wurde es aus Westen vorübergehend sonnig.

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Abb. 2: 3-Tages-Neuschneesumme von Mittwochmorgen, 01.02. bis Samstagmorgen, 04.02., gemessen von den Beobachtern und berechnet an den automatischen IMIS-Stationen (grosse Abbildung).

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Abb. 3: Windrichtung und -geschwindigkeit in der Nacht auf Freitag, 03.02., gemessen an den automatischen Stationen der MeteoSchweiz und des SLF (grosse Abbildung).

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Abb. 4: Schneefahnen am Nordwestgrat des Doldenhorns (3638 m, Kandersteg, BE). Die umliegenden Wetterstationen verzeichneten nur „mässigen“ Süd- bis Südwestwind (d.h. mittlere Windgeschwindigkeit von 20 bis ca. 40 km/h), für massive Verfrachtungen hat es aber offensichtlich gereicht (Foto: Th. Wälti, 03.02.2017).

Samstag 04.02. bis Montag, 06.02.: Über West auf Nord drehender Wind mit Schneefall. Akute Lawinensituation im Westen

Bereits am Freitagabend folgte aus Westen die nächste Störung. Der Wind frischte wieder auf und blies am Samstag wiederum stark aus Süden, am Abend in der westlichen Landeshälfte dann stark aus Westen. Nach einer kurzen Niederschlagspause setzte am Sonntagmorgen aus Westen erneut Schneefall ein. Am Montag drehte der Wind auf Nord, so dass sich der Niederschlagsschwerpunkt vom westlichsten Unterwallis an den westlichen Alpennordhang verlagerte. Im Süden war es am Montag mit starkem Nordföhn trocken, doch wurde dort der lockere Schnee vom Freitag auch in mittleren Höhenlagen intensiv verfrachtet.

Insgesamt fielen von Samstagmorgen bis Dienstagmorgen folgende Schneemengen (Abbildung 5):

  • Alpennordhang westlich des Wetterhorns, nördliches Unterwallis, mittleres Tessin: 40 bis 60 cm, lokal bis zu 80 cm
  • sonst verbreitet 20 bis 40 cm
  • östlicher Alpennordhang, Nordbünden, Unterengadin, Simplon Gebiet: 10 bis 20 cm
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Abb. 5: 3-Tages-Neuschneesumme von Samstagmorgen, 04.02. bis Dienstagmorgen, 07.02., gemessen von den Beobachtern und berechnet an den automatischen IMIS-Stationen (grosse Abbildung).

Die grössten Schneemengen fielen in den westlichen Voralpen, im Trient Gebiet und im nördlichen Unterwallis. In den Voralpen war in der letzten Wochenberichtsperiode Regen bis in Gipfelhöhe gefallen. Mit der Abkühlung in der aktuellen Berichtswoche führte dies zu einer stabilen Altschneedecke, so dass sich die Lawinenproblematik auf den Neu- und Triebschnee beschränkte. In den übrigen Hauptniederschlags-Gebieten sind die Berge höher. In hohen Lagen war die Schneedecke noch meist trocken und damit eine weniger günstige Unterlage.

Im Trient Gebiet kam es in der Nacht auf Montag zu vielen und vereinzelt grossen spontanen Lawinenabgängen (Abbildung 6). Damit scheint es, im Nachhinein betrachtet, dass hier kurzfristig die Gefahrenstufe 4, „gross“ erreicht wurde. Spontane Lawinen und vor allem erfolgreiche Sprengungen wurden auch aus dem nördlichen Unterwallis gemeldet. Trotz gleich viel Schnee und Wind wurde dort aber keine so hohe Lawinenaktivität wie im Trient erreicht. Die Lawinengefahr lag dort wie prognostiziert im oberen Bereich der Stufe 3, „erheblich“ (Gefahrenentwicklung siehe hier).

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Abb. 6: Spontane Lawinenabgänge am Montag, 06.02. im Trient Gebiet (westlichstes Unterwallis). Zur Dokumentation auf der Landeskarte der Swisstopo steht lokalen Sicherheitsdiensten das Programm „Pro-Tools“ des SLF zur Verfügung. Die Lawine an der Nordseite der Pointe du Midi wurde 2 km lang und überwand dabei mehr als 1000 Höhenmeter. Damit gilt sie gemäss offizieller Klassierung der EAWS als „grosse Lawine“.

Dienstag, 07.02. bis Donnerstag, 09.02.: Schneefall im Nordwesten. Nur langsamer Rückgang der Lawinengefahr

Am Dienstag war es im Osten teils sonnig, am Mittwoch nur noch im Oberengadin. In den übrigen Gebieten war es bewölkt und bis am Donnerstagmorgen fielen am westlichen Alpennordhang und im nördlichen Unterwallis weitere 20 bis 30 cm Schnee (Abbildung 7). Am Donnerstag war es in den Bergen über dem Hochnebel meist sonnig. Der Wind wehte zunächst meist schwach. Am Donnerstag frischte der Südwind allmählich auf. Wie viel Neuschnee er in der folgenden Nacht verfrachten konnte, lesen Sie im nächsten Wochenbericht am 16. Februar.

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Abb. 7: 2-Tages-Neuschneesumme von Dienstagmorgen, 07.02. bis Donnerstagmorgen, 09.02., gemessen von den Beobachtern und berechnet an den automatischen IMIS-Stationen (grosse Abbildung).

Auch in den Gebieten ohne nennenswerten Niederschlag nahm die Lawinengefahr in diesen Tagen nur sehr langsam ab, und so wurde bis zum Ende dieser Berichtswoche weiterhin verbreitet vor erheblicher Lawinengefahr, Stufe 3, gewarnt. Im Wallis, in Graubünden und im Süden war die Situation wegen dem teils schwachen Schneedeckenaufbau am heikelsten (Abbildung 8).

Nicht nur an der Gefahrenstufe, auch an den gemeldeten Gefahrenanzeichen war leicht ersichtlich, dass eine anhaltend heikle Lawinensituation herrschte. Am meisten Gefahrenanzeichen (schwache Stabilitätstests, Lawinenabgänge, Wummgeräusche und Risse) wurden aus den inneralpinen Gebieten des Wallis und Graubündens mit ihrem schwachen Schneedeckenaufbau gemeldet (Abbildung 9).

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Abb. 8a: Schwacher Schneedeckenaufbau in den inneralpinen Gebieten und seine Folgen, hier ein typisches Beispiel aus Davos: Der Skifahrer hat an einem Nordwesthang soeben eine Schneebrettlawine ausgelöst und steht mitten auf der abgleitenden Schneetafel. Er wird mitgerissen, aber weder verschüttet noch verletzt.

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Abb. 8b: Die ausgelöste Lawine riss die gesamte, relativ dünne Schneedecke mit.

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Abb. 8c: Erst im Nachhinein zeigt sich am Anriss der für eine Schneebrettlawine „perfekte“ Schichtaufbau: unten eine dünne Schicht aus stark aufgebauten, kantigen, grossen Kristallen als Schwachschicht. Darüber vielleicht 40 cm gebundener Schnee neueren Datums als „Schneebrett“ (alle Fotos: 08.02.2017).

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Abb. 9: Täglich gemeldete Gefahrenanzeichen in dieser Wochenberichtsperiode. Rote Dreiecke und Quadrate sind instabile Rutschblöcke, rote „ECT“ instabile ECT-Stabilitätstests. Ausrufezeichen bedeuten Lawinen (blau=trocken, rot=nass). Rote „WUMM“ beuten viele Wummgeräusche, die kleinen grauen „WUMM“ besagen, dass auf einer Begehung keine Wummgeräusche wahrgenommen wurden.

Lawinenunfälle

Die Lawinensituation war oft heikel und zudem sind während der Sportferien traditionsgemäss viele Wintersportler in den Bergen. Entsprechend kam es zu diversen Lawinenunfällen und es waren leider auch zwei Todesopfer zu beklagen.

Freitag, 03.02.:

  • Bei Juf (Avers, GR) löste sich an einem nur mässig steilen Osthang auf 2280 m eine Schneebrettlawine, als 5 Tourengeher im Aufstieg waren. Von den vier erfassten Personen wurden drei teilweise und eine ganz verschüttet. Dank der raschen Kameradenrettung ging der Unfall glimpflich aus.
  • Ein Freerider löste am Gornergrat (Zermatt, VS) in einem sehr steilen Nordhang auf 2800 m eine sehr kleine Schneebrettlawine aus und wurde mitgerissen. Er wurde nicht verschüttet, aber beim Absturz am Fuss verletzt.
  • Auch am Piz Nair (St. Moritz, GR) löste ein Freerider an einem Nordhang auf 2800 m eine kleine Schneebrettlawine aus. Auch er wurde erfasst, es blieb aber bei Materialverlust.

Samstag, 04.02.:

  • Drei Schneeschuhgeher wurden am Stockhorn im Binntal (VS) an einem Südhang von einer auf 2300 m angerissenen Lawine erfasst. Zwei Personen wurden Teilverschüttet. Sie konnten die dritte, ganz verschüttete Person leider nur noch tot bergen.
  • Ein Freerider löste in Airolo (TI) auf nur gerade 1840 m eine kleine Schneebrettlawine aus und wurde ganz verschüttet. Er konnte verletzt gerettet werden.

Sonntag, 05.02.:

  • Ein Snowboarder wurde im nördlichen Simplon Gebiet an einem Nordhang im Bereich der Baumgrenze von einer kleinen Schneebrettlawine erfasst und in sehr steiles Gelände mitgerissen. Er konnte erst zwei Tage später tot geborgen werden.

Montag, 06.02.:

  • Zwei Personen lösten im Avers (GR) knapp über dem Talgrund auf 2080 m eine kleine Schneebrettlawine aus. Eine Person wurde teilverschüttet, blieb aber unverletzt.

Mittwoch, 08.02.:

  • In Davos wurde an einem Nordwesthang eine Schneebrettlawine im schwachen Altschnee ausgelöst. Die Person wird mitgerissen, aber weder verschüttet noch verletzt.

Donnerstag, 09.02.:

  • Zwei Lawinen mit je mehreren beteiligten Personen in der Region 4 Vallées.

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