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13. bis 19. Januar 2017: Im Norden bis 2 m Neuschnee, sehr kalt mit Bise, dann sonnig und weniger kalt

Ein Grossschneefall brachte im Norden beträchtliche Neuschneemengen und einen markanten Anstieg der Lawinengefahr. In der Folge entwickelte sich die Schneedecke im Norden günstig: Der schwache Altschnee an der Basis der Schneedecke war mächtig überdeckt und Lawinen konnten gegen Ende dieser Wochenberichtsperiode im Norden kaum mehr im Altschnee ausgelöst werden. Allerdings blieben oberflächennahe Schichten mit frischen Triebschnee vorerst heikel.

Südlich einer Linie Rhone-Rhein fiel weniger Neuschnee womit ein ungünstiger Schneedeckenaufbau entstand. Vor allem dort blieb die Situation für Schneesportler heikel.

Schwacher Schneedeckenaufbau

Abb. 1: Ungünstige Schneedecke im zentralen Wallis (Nordwesthang auf 2200 m oberhalb von St. Martin im Val d'Hérens). Dieses Bild sagt mehr als tausend Worte: 40 cm Neu- und Triebschnee überlagern eine Altschneedecke mit einer Kruste und grossen Becherkristallen (siehe Schneeprofil). In den Regionen mit einem solchen Schneedeckenaufbau ist derzeit grosse Vorsicht geboten (Foto: P. Gaspoz, 15.01.2017).

Wetter

Freitag, 13.01. und Samstag, 14.01.: Grossschneefall im Westen und Norden

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag setzte im Westen intensiver Schneefall ein. Am Freitag und am Samstag lag dann der Schwerpunkt des Niederschlags am Alpennordhang mit teilweise intensivem Nordstau. Zeitweise wurden hohe Intensitäten erreicht. Der Schneefall wurde begleitet von starkem West- bis Nordwestwind. Die Schneefallgrenze lag anfänglich im Westen kurzzeitig bei rund 1800 m, sank dann aber rasch bis in die Niederungen. Von Donnerstagabend bis Samstagabend fielen oberhalb von 1800 m folgende Schneemengen (vgl. Abbildung 2):

  • Unterwallis, Gebiete nördlich einer Linie Rhone-Rhein, Prättigau: 50 bis 100 cm, lokal mehr
  • südliches Oberwallis ohne Saas Fee und ohne südliches Simplongebiet, südliches Gotthardgebiet, übriges Nordbünden: 30 bis 50 cm
  • übrige Gebiete: 15 bis 30 cm; im Sotto Ceneri und den Bündner Südtälern nur wenige Zentimeter
  • Jura: 20 bis 40 cm auf rund 1200 m
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Abb. 2: 3-Tages-Neuschneesummen von Donnerstagmorgen, 12.01. bis Sonntagmorgen, 15.01., gemessen von den Beobachtern und berechnet an den automatischen IMIS-Stationen. Am meisten Schnee fiel nördlich einer Linie Rhone-Rhein mit bis zu 1 m, lokal auch mehr (Grafik gross mit Messwerten).


Sonntag, 15.01. und Montag, 16.01.: Im Nordosten weiterhin Schneefall mit sehr lockerem Schnee

Im Nordosten schneite es am Sonntag und Montag aus einer hochnebelartigen Bewölkung weiter. Bei sehr tiefen Temperaturen und wenig Wind fiel sehr lockerer Schnee mit sehr geringen Dichten (Wildschnee). Deshalb wurden beachtliche Neuschneehöhen mit wenig Wasserwert gemessen.

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Abb. 3: 2-Tages-Neuschneesummen von Sonntagmorgen, 15.01. bis Dienstagmorgen, 17.01., gemessen von den Beobachtern und berechnet an den automatischen IMIS-Stationen. Von den Urner über die Glarner Voralpen bis in die St. Galler Alpen fiel mit 30 bis 40 cm am meisten Schnee. In den übrigen nordöstlichen Schweizer Alpen fielen verbreitet 20 bis 30 cm, sonst deutlich weniger Schnee.


Dienstag, 17.01. bis Donnerstag, 19.01.: Erst Bise, dann meist sonnig und weniger kalt

In der Nacht auf Dienstag blies am zentralen Alpenhauptkamm ein starker Nordwind, der dann aber am Dienstag nachliess. Im Norden setzten Bise und in der Höhe Nordostwind ein, die bis am Mittwoch anhielten und zumindest im Norden der hauptbestimmende lawinenbildende Faktor waren. In den westlichen Voralpen wehte die Bise stark, in den übrigen Voralpen mässig. Im westlichen Jura blies der Nordostwind stark bis stürmisch, im übrigen Jura mässig bis stark. Am zentralen Alpenhauptkamm wehte teils starker Nord- bis Nordostwind, der am Dienstag tagsüber abflaute. In den übrigen Gebieten schwacher bis mässiger, in der Höhe teils starker Nordostwind (vgl. Abbildung 4).

Windanimation

Abb. 4: Windverlauf vom Montagabend, 16.01., 18:00 Uhr bis Donnerstagmorgen, 19.01., 09:00 Uhr in 3h-Schritten an den IMIS Stationen und an Stationen der MeteoSchweiz. Gut zu sehen ist der Nordwind am zentralen Alpenhauptkamm in der Nacht von Montag auf Dienstag, die Bise am Dienstag und Mittwoch sowie der Südföhn in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag.


Am Dienstag war es im Norden noch hochnebelartig bewölkt, am Mittwoch und Donnerstag sowie im Westen und Süden war es sonnig. Die Temperaturen auf 2000 m stiegen von -16 °C auf rund -4 °C im Norden und -7 °C im Süden. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag gab es am nördlichen Alpenkamm einen Südföhnschub.

Schneedecke, Lawinengefahr und Lawinenaktivität

Mit Neuschnee und starkem bis stürmischem West- und Nordwestwind entstanden am Freitag und Samstag besonders in hohen Lagen umfangreiche und leicht auslösbare Triebschneeansammlungen. Der Neu- und Triebschnee wurde auf einer meist dünnen Altschneedecke abgelagert. Diese ist war allem an Schattenhängen zwischen 2200 und 2800 m teils komplett aufbauend umgewandelt und locker, teils mit Schmelzharschkrusten oder härteren, alten Triebschneeschichten durchsetzt. Die Lawinengefahr stieg am Freitag ganz im Westen, am Samstag dann verbreitet am nördlichen Alpenkamm auf Gefahrenstufe 4 (gross) an. Die Gefährdung bezog sich vor allem auf alpines Schneesportgelände. Weil in mittleren Lagen und in den typischen Lawinenbahnen vor diesem Schneefall erst sehr wenig oder kein Schnee lag, wurde kaum mit Tallawinen gerechnet. Am Freitag wurden nur wenig Lawinenabgänge gemeldet, wobei auch die Sichtverhältnisse sehr eingeschränkt waren. Es war daher schwierig zu beurteilen, ob die Gefahrenstufe 4 tatsächlich erreicht wurde. Am Samstag und Sonntag stieg dann der Lawinenaktivitätsindex markant an (vgl. Abbildung 5). Dabei wurden die meisten Lawinen bei Sicherungsmassnahmen künstlich ausgelöst. Spontane Lawinen wurden wenig gemeldet, wobei auch an diesen Tagen die Sicht in den Hauptniederschlagsgebieten schlecht war. Im Nachhinein wurden dann doch noch viele eingeschneite Lawinen beobachtet (vgl. Abbildung 6).

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Abb. 5: Zum ersten Mal im aktuellen Winter stieg der Lawinenaktivitätsindex am Samstag, 14.01. und Sonntag, 15.01. merklich an. Am Freitag, 13.01. sowie auch an den übrigen Tagen dieser Wochenberichtsperiode blieb der Index tief.

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Abb. 6: Was während dem Schneefall verborgen blieb, kam mit der guten Sicht am Sonntag, 15.01. zu Tage. Grossflächige, überschneite Lawinenabgänge wie hier im Gebiet der La Fave oberhalb von Sion (Gemeinde Conthey, Ost und Südhänge 2300 bis 2600 m) wurden auch an anderen Orten nach den Schneefällen vom Freitag bis Sonntag beobachtet (Foto: S. Aufdereggen, 15.01.2017, siehe auch Foto gross).

In der Folge entwickelte sich die Schneedecke nördlich der Linie Rhone-Rhein grundsätzlich günstig. Die grossen Schneemengen konnten kaum mehr ausgelöst werden, der schwache Altschnee war zu tief begraben. Allerdings entstanden in der Höhe und in den Voralpen mit dem Nordostwind und der Bise frische Triebschneeansammlungen, die aufgrund des vielen verfrachtbaren Schnees mächtig wurden (vgl. Abbildung 7).

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Abb. 7: Vorbei die Pulverschneepracht: Am Dienstag, 17.01. und Mittwoch, 18.01. erodierte die Bise vor allem in den Voralpen, aber auch in der Höhe viel lockeren Schnee wie hier am nördlichen Alpenkamm bei der Pointe de Vatseret beim Glacier de la Plaine Morte auf rund 2750 m (Gemeinde Icogno, VS, Photo: V. Bettler, 18.01.2017).

Südlich von einer Linie Rhone-Rhein war die Überdeckung des schwachen Altschnees zu wenig mächtig und es entstand eine ausgeprägte Altschneeproblematik. Diese heikle Situation wurde mit Gefahrenanzeichen wie Wummgeräuschen, mit ungünstigen Profilen (vgl. Abbildung 1) aber auch mit Lawinenauslösungen durch Personen oder selbst mit spontanen Lawinenabgängen bestätigt (vgl. Abbildung 8 und 9).

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Abb. 8: Diese Lawine wurde im schwachen Altschnee von über eine Distanz von 400 m fernausgelöst. Es kam niemand zu Schaden. Roc d'Orzival, Anniviers, VS, Nordhang auf ca. 2800 m (Foto: P. Zufferey, 15.01.2017).

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Abb. 9: Diese Lawine riss ebenfalls im schwachen Altschneefundament an und ging in am Dienstag, 17.01. spontan ab. Schwarzhorn, Davos Parsenn, GR, Nordwesthang auf 2600 m (Foto: SLF/Th. Stucki, 18.01.2017).

Die Regionen weiter im Süden, wie beispielsweise Zermatt und Saas Fee, aber auch Mittelbünden und das Engadin zeigten ebenfalls einen ungünstigen Schneedeckenaufbau. Allerdings waren dort die Schneemengen, die über dem schwachen Altschnee lagen deutlich weniger mächtig und somit auch die potentiellen Lawinen kleiner.

Am Alpensüdhang war die Altschneedecke grundsätzlich besser verfestigt und Lawinenprobleme waren vor allem in oberflächennahen Schichten und neueren Triebschneeschichten auszumachen.

Schneelage

Obwohl in dieser Wochenberichtsperiode im Norden grosse Neuschneemengen fielen, waren die Schneehöhen nur gerade am zentralen und östlichen Alpennordhang durchschnittlich. Dies deutet an, wie wenig Schnee vorher lag. In den übrigen Regionen waren die Schneehöhen unterdurchschnittlich, in den südlichen und südöstlichen Gebieten sogar stark unterdurchschnittlich (Schneehöhe im Vergleich zum langjährigen Mittel).

Lawinenunfälle

In dieser Wochenberichtsperiode ereigneten sich keine tödlichen Lawinenunfälle. Bis jetzt gab es diesen Winter 2 Todesopfer, was einem Drittel des Durchschnittes der letzten 10 Jahre mit 6 Todesopfern entspricht. Folgende Unfälle wurden diese Woche dem SLF gemeldet:

  • Rothore, Diemtigtal, BE, 14.01.: 2 Personen wurden erfasst und eine Person wurde ganz verschüttet, konnte aber vom Kameraden rasch und unverletzt geborgen werden (Nordwest, 2200 m).
  • Lauchernstöckli, Hoch Ybrig, SZ, 14.01.: Ein Variantenfahrer wurde ganz verschüttet und konnte von einer nachfolgenden Gruppe zufällig geortet und geborgen werden. Er hatte Glück und blieb unverletzt (Nordost, 1660 m).
  • Oberwald, Goms, VS, 15.01.: Ein Skitourengeher und sein Hund wurden in einer steilen Böschung von einer Schneebrettlawine erfasst. Der Tourenfahrer wurde nicht verschüttet. Der Hund wurde ganz verschüttet, konnte aber nach 10 bis 15 min ausgegraben werden. Beide blieben unverletzt (Südwest, 2000 m, vgl. Abbildung 10).
Lawine Goms

Abb. 10: Diese Lawine erfasste einen Skitourengeher und einen Hund. Südwesthang auf 2200 m, Oberwald, Goms (Foto: S. Hischier, 15.01.2017).

  • Ritzitälli, Simplon, VS, 15.01.: Eine Skitourengruppe löste eine Lawine vom Hangfuss aus. Eine Person wurde erfasst, aber nicht verschüttet und blieb unverletzt (Ost, ca. 2400 m)
  • Hasenmatt, Selzach, Jura, SO, 17.01.: Drei Personen lösten eine kleine Lawine aus, wobei eine Person erfasst aber nicht verschüttet wurde (Nord, 1390 m). Sie blieb unverletzt (vgl. Abbildung 11).
Lawine Jura

Abb. 11: Diese Schneebrettlawine im Jura löste sich im Triebschnee, der sich mit der Bise gebildet hatte. Es wurde niemand verletzt (Foto: V. Berret, 17.01.2017).



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