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Schnee und Lawinen in den Schweizer Alpen 2000/01

   
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Wetter, Schneedecke und Lawinengefahr 2000/01
   

Zusammenfassung Winter 2001 (Oktober 2000 bis Mai 2001)

  • Durch zahlreiche Südstaulagen von Oktober bis März schneereicher Winter im Süden, insbesondere im Tessin, Oberengadin und Südbünden.
  • Im Süden hohe Wasserwerte der Schneedecke, aber kaum Extremwerte.
  • Schneearmut im Norden und allgemein in tiefen Lagen.
  • Warmer Winter, besonders in den Föhngebieten des Nordens.
  • Überwiegend stabile Schneedecken im Süden, schwache Schneedecken im Norden, und hier insbesondere in den inneralpinen Regionen.
  • Viele Lawinenunfälle mit vielen Lawinentoten (32)
  • Nasse Lawinen überwiegen deutlich.
  • Widerspiegelung der Verhältnisse in der Verwendung der Gefahrenstufen: Stufe 3 (erheblich) wurde öfter ausgegeben, Stufe 1 (gering) deutlich seltener als im langjährigen Mittel.

Der Winter startete im Oktober im Süden in der Höhe mit extremen Schneemengen, darunter traten Starkniederschläge auf. Bereits in der ersten Oktoberhälfte bildete sich am Alpenhauptkamm und im Engadin oberhalb von 2500 m eine durchgehende Schneedecke. Im Süden und im Wallis fielen zur Monatsmitte verheerende Starkniederschläge (vgl. Abbildung 1), während es im Norden föhnig war. Die Auswirkungen waren im Süden katastrophal. Am 14. Oktober wurde ein Drittel des Dorfes Gondo zerstört. Der Lago Maggiore trat über die Ufer und erreichte den höchsten Stand seit 1868. Im Wallis verloren 16 Menschen in Fluten und Erdrutschen ihr Leben. Brig war am Rand einer neuen Katastrophe (nach 1987).

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Abb. 1: Niederschlagssumme über 5 Tage vom 12. bis 16.10.2000, gemessen an ANETZ Stationen der SMA-MeteoSchweiz. Die grössten Regenmengen wurden am Alpenhauptkamm vom Gr. Sankt Bernhard bis zum Berninapass und südlich davon gemessen. Das absolute Maximum lag im Bereich Robiei (526.6 mm) – Simplon – Gondo. Die Schneefallgrenze lag während des Niederschlagsereignisses zuerst bei 2000 m, später bei 3000 m, so dass viel Schnee wieder abschmolz.

Mitte Oktober wurde von Süden her das erste Mal in diesem Winter Saharastaub auf dem Schnee abgelagert (vergleiche Lawinenaktivität/Corvatsch). Zu Novemberbeginn setzte sich die Serie von Südstaulagen fort, die bis im März andauerte. Der Frühwinter war daher in den Südalpen und im Oberengadin sehr schneereich. Am 1. Dezember lag dort oberhalb von 2200 m eine Schneedecke von 150 bis 250 cm, was etwa das Doppelte bis Dreifache der um diese Zeit üblichen Schneemenge war. Ausgenommen vom Schneereichtum waren die Simplonregion und das Goms.

Im Norden lag wenig Schnee, unterhalb von 1500 m bildete sich erst Anfang Januar eine Schneedecke, während es im Süden schon Anfang November unter 1000 m durchgehend weiss war.

Das Bild der Schneeverteilung – schneereich am Alpenhauptkamm, im Oberengadin und südlich davon, schneearm nördlich davon – blieb den ganzen Winter bestehen, weil eine Südweststaulage nach der anderen im Süden Schnee brachte. Erst im Februar, April und Juni brachten ergiebige Schneefälle im Norden einen Ausgleich.

Nur die schneereichste Station im Oberengadin am Corvatsch (2690 m) erreichte einen neuen Rekord des Wasserwertes der Schneedecke, misst aber an diesem Standort erst seit dem 1. Oktober 1993. Allgemein aperten die Stationen im schneereichen Süden normal oder früher als normal aus, weil die ganz ergiebigen Frühjahrsschneefälle im Süden ausblieben. (Anmerkung: Die Station Corvatsch stellt eine Besonderheit dar. Die Gegend des oberen Oberengadins empfängt Niederschlag von Süden. Die Station am Corvatsch (2690 m) liegt deutlich höher als die umliegenden Stationen und hat dadurch geringere Durchschnittstemperaturen, einen höheren Gesamtniederschlag und mehr Anteil an Schnee am Gesamtniederschlag.)

Die Lawinengefahr war öfter als in anderen Wintern mit Stufe 3 (erheblich) eingestuft worden, dem gegenüber kam die Gefahrenstufe 1 (gering) seltener zur Anwendung. Die 132 Unfälle, in denen 32 Personen den Tod fanden, zeigen ebenfalls, dass es sich um einen Winter mit erhöhter Lawinengefahr handelte. Allerdings ging die Gefahr weniger vom schneereichen Süden aus, in dem kaum Schadenlawinen registriert wurden, obwohl die Situation optisch gefährlich wirkte (vgl. Abbildung 2).

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Abb. 2: Randvoll - überschneite Stützverbauungen bei Landarenca im Calancatal/GR (Foto: Sven Fehler, 15.3.2001).

Die Unfälle ereigneten sich mehrheitlich im Norden, wo der Schneedeckenaufbau schlechter war und Schneefälle in den Ferienzeiten immer wieder zu kritischen Situationen führten. Hervorzuheben ist hier der 3. und 4. Februar als sich zahlreiche Lawinenunfälle ereigneten, weil die klassischen lawinenbildenden Faktoren zusammenspielten (kantige Kristalle an der Schneeoberfläche, Neuschnee, Wind, Ferienzeit).

Ende Februar (22. bis 28.) ereigneten sich noch einmal zahlreiche Unfälle (vgl. Abbildung 3) nach dem ergiebigsten Schneefall des Winters (bis 84 mm Wasserwert an einem Tag) in der Osthälfte der Schweiz.

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Abb. 3: Durch Personen fernausgelöste Lawine im Amtmanntobel/Davos-Wolfgang am 27.2.2001. Diese Lawine war eine von mehreren, die durch Personen im Parsenngebiet ausgelöst wurden. Die Anrissmächtigkeit betrug 70 bis 200 cm. Die Lawine war 200 m breit und 800 m lang. Die Auslösung war wegen der hohen Festigkeit des Schnees unerwartet. Die Gleitfläche war sehr hart. Es kam niemand zu Schaden (Foto: SLF / T. Wiesinger).

Am 23. und 24. März war die Einschätzung der Lawinengefahr grossflächig auf der Stufe 4 (gross). In dieser Zeit gingen die meisten und grössten Lawinen im ganzen Winter ab.

Ein einzelner spektakulärer Lawinenabgang, bei dem zum Glück keine Personen zu Schaden kamen, ereignete sich am 7. Januar am Julierpass, wo die geöffnete, viel befahrene Strasse tagsüber auf 400 m Länge verschüttet wurde.