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Erläuterungen

Ziel der Schneedeckenstabilitätskarte

Die Schneedecke ist der wichtigste lawinenbildende Faktor. Nur wenn sich innerhalb der Schneedecke eine schwache Schicht unter einer zumindest leicht verfestigten, dickeren Schicht, dem sogenannten Schneebrett befindet, können Lawinen entstehen. Für die Beurteilung der Lawinengefahr ist es also wichtig zu wissen, ob es innerhalb der Schneedecke schwache Schichten gibt, und wenn ja, wie schwach und wie verbreitet sie sind. Wir müssen mit anderen Worten die Schneedeckenstabilität kennen, oder wissen, ob die Schneedecke Instabilitäten enthält.

Erstellung der Schneedeckenstabilitätskarte

Die Karte beinhaltet Schneedeckuntersuchungen, die routinemässig durch SLF-Beobachter und -Mitarbeiter gemacht werden. Jedes einzelne Profil wird von einem Lawinenprognostiker beurteilt und einer Stabilitätsklasse zugeordnet. Durch Anklicken kann man die Profile öffnen und im Detail anschauen.

Zeitliche Begrenzung:

Die Aussagen sind gültig zum Zeitpunkt der Profilaufnahme. Ändert sich der Zustand der Schneedecke nicht, so kann die Information über längere Zeit gültig sein. Fällt aber z.B. Neuschnee, der sich mit der Altschneedecke noch nicht gut verbunden hat, so ändert sich die Stabilität der Schneedecke (die seit der Erstellung der Profile und der Karte dicker geworden ist) und die Aussagen sind nur mehr beschränkt gültig. Die Schneedeckenstabilitätskarte wird Anfang und Mitte Monat aktualisiert.

Örtliche Begrenzung:

Vorauszuschicken ist, dass der Wahl des Profilortes natürlich eine grosse Bedeutung zukommt. Auf die Anforderungen für den Profilstandort gehen wir aber hier nicht näher ein. Diese Schneedeckenuntersuchungen sind örtliche Punktaufnahmen der Schneedecke. Die Dichte an Information ist unterschiedlich. In manchen Regionen ist mehr und aktuellere Information vorhanden als in anderen. Ein Rückschluss auf die Stabilität der Schneedecke in einem Einzelhang ist nicht möglich, weil die Stabilität räumlich variieren kann und die Dichte an Information dafür zu gering ist.

Kriterien für die Profilbeurteilung

Für die Beurteilung eines Schneeprofiles mit zugehörigem Rutschblock-Test sind verschiedene Kriterien zu berücksichtigen. Die Rutschblockstufe allein ist nicht hinreichend für eine Stabilitätsbeurteilung. Wichtig ist auch die Art der Auslösung beim Rutschblock-Test, der Schneedeckenaufbau ganz allgemein und im Besonderen die Eigenschaft der schwachen Schichten und Schichtgrenzen. In der Regel betrachtet man die folgenden Punkte:

– Rutschblockstufe und Art der Auslösung

– Allgemeiner Härteverlauf (Rammprofil, Profiltyp)

– Kornformen

– Korngrössen

– Korngrössenunterschiede zwischen benachbarten Schichten

– Härte

– Härteunterschiede zwischen benachbarten Schichten

– Schneehöhe und Mächtigkeit der abgeglittenen Schicht

Im Folgenden wird auf die Bedeutung der obigen Kriterien im einzelnen eingegangen. Diese Kriterien sind wie erwähnt wichtig für die Interpretation eines Schneeprofiles, aber selbstverständlich beruht die Einschätzung der Lawinengefahr auf einer wesentlich umfassenderen Beurteilung. Dabei sind eine oder besser mehrere Schneedeckenuntersuchungen nur ein, wenn auch ein wichtiges Element.

Rutschblockstufe und Art der Auslösung

Die Rutschblockstufen 1-3 deuten auf eher instabile, Rutschblockstufen 6 und 7 auf eher stabile Verhältnisse hin. Die Rutschblockstufen 4 und 5 sind im Zwischenbereich. Wesentlich für die Beurteilung ist die Art der Auslösung, d.h. ob der ganze Block, oder ob nur die untere Hälfte (unterhalb Skis) oder sogar nur eine Ecke abgeglitten ist. Ein Teilbruch (unterhalb Skis, nur eine Ecke) ist ein Hinweis, dass die mit dem Rutschblocktest gefundene Schwäche trotz z.B. einer Rutschblockstufe 3 nicht so kritisch sein dürfte. Nur ein ganzer Block mit in der Regel glatter Gleitfläche deutet auf eine klare Instabilität hin, d.h. eine Bruchausbreitung ist wahrscheinlich. Bei rauer, und vor allem bei unregelmässiger Gleitfläche, in Kombination mit einem Teilbruch ist eine Bruchausbreitung und damit ein Lawinenabgang wesentlich weniger wahrscheinlich.

Allgemeiner Härteverlauf

Der Härteverlauf repräsentiert durch das Rammprofil beschreibt die allgemeine Verfestigung der Schneedecke. Sie ist nicht zuletzt wichtig, um abzuschätzen, ob bei spontanen Neuschneelawinen Teile der Altschneedecke mitgerissen werden.

Profiltypen
Abbildung 1

Das Rammprofil wird grob mit den 10 verschiedenen Profiltypen verglichen (Abbildung 1). Die Profiltypen 1 bis 5 haben alle einen schwachen «Fuss» (d.h. die untersten mind. ca. 20 cm sind schwach verfestigt; Rammhärte: <50 N, Handhärte: 1 bis 2 oder weniger). Die Profiltypen 6 bis 10 sind an der Basis eher gut verfestigt. Selbstverständlich sagt der Profiltyp allein wenig aus, denn auch bei einer gut verfestigten Schneedecke (Profiltyp 6) kann 50 cm unter der Schneeoberfläche eine sehr kritische Schwachschicht vorhanden sein. Im Allgemeinen beobachtet man aber, dass die Profiltypen 2, 3 und 6 häufiger in weniger kritischen Profilen vorkommen, während die Profiltypen 1, 4, 7 und 8 typischer sind für schwache Profile. Die Profiltypen 5, 9 und 10 kommen selten vor, wobei 5 und 9 eher kritisch sind, und 10 eher günstig ist.

Kornform

Alle Schneekristalle oder -körner, die wenigstens teilweise von geraden Flächen begrenzt sind, sind als eher kritisch zu betrachten, da sie in der Regel weniger Bindungen untereinander aufweisen. Es sind dies: kantige Formen, Schwimmschnee und Oberflächenreif. Sie sind das Resultat des kinetischen Kristallwachstums. Sie sind in der Regel eher gross und überleben daher meist über längere Zeit in der Schneedecke. In 80% aller Unfalllawinen wurden in der schwachen Schicht kantige Formen, Schwimmschnee und Oberflächenreif gefunden.

Korngrösse

Je grösser die Körner, vor allem in Kombination mit den oben erwähnten, von Kanten begrenzten Kornformen, umso geringer ist in der Regel die Festigkeit einer Schicht, die aus solchen Körnern aufgebaut ist. Eine derartige Schicht hat in der Regel verhältnismässig wenige Bindungen pro Volumen. Typischerweise bestehen schwache Schichten aus Körnern, die grösser als 1 bis 1.5 mm sind.

Korngrössenunterschied

Ein grosser Korngrössenunterschied bedeutet in der Regel, dass zwei sehr unterschiedliche Schichten aneinander angrenzen. Somit ist es wahrscheinlich, dass die Verbindung zwischen diesen beiden Schichten schwach ist, und die Schichtgrenze daher eine potenzielle Bruchfläche darstellt. Typischerweise sind Korngrössenunterschiede von mehr als 0.75 mm als eher kritisch zu betrachten.

Härte

Für die Beurteilung der Schneehärte der einzelnen Schichten betrachtet man die Handhärte. Je weicher eine Schicht, umso geringer ist in der Regel die Festigkeit. Schwache Schichten haben meist eine Handhärte «Faust» oder allenfalls 1 bis 2, d.h. «Faust» bis «Vier Finger». Dies entspricht Werten der Rammhärte von ca. 10 bis 50 N.

Härteunterschied

Je grösser der Härteunterschied zwischen zwei benachbarten Schichten ist, umso eher ist diese Schichtgrenze eine potenzielle Bruchfläche, weil bei Bealastung Härteunterschiede die Bruchausbreitung begünstigen. Ein Härteunterschied von zwei oder mehr Stufen der Handhärte ist in der Regel als kritisch zu beurteilen, d.h. bei einem Schichtübergang z.B. oben Härte 3 (1 Finger) und unten Härte 1 (Faust).

Schneehöhe und Mächtigkeit der abgeglittenen Schicht

Je geringer die Schneehöhe (oberhalb der Waldgrenze), umso schlechter ist in der Regel der Schneedeckenaufbau. Je tiefer unten eine Schwachschicht ist, umso weniger wahrscheinlich ist in der Regel eine Auslösung durch Schneesportler. Allerdings kann es natürlich vorkommen, dass an einem anderen Ort die Schwachschicht weniger überdeckt ist, und somit die Auslösewahrscheinlichkeit höher ist als am Profilort. In 96% der Fälle war bei Unfalllawinen die Anrissmächtigkeit aber weniger als 1 m. Ist die abgleitende Schicht gut verfestigt und mächtig, so unterschätzt die Rutschblockstufe die Schneedeckenstabilität.

Kritische Bereiche

Eine quantitative (statistische) Analysis hat für die obigen Kriterien die in Tab. 1 zusammengefassten „kritischen Bereiche“ ergeben. Die Reihenfolge entspricht in etwa der Wichtigkeit der Kriterien. Um die Schwellenwerte für die Eigenschaften von einzelnen Schichten (Härte, Korngrösse, Kornform) oder Schichtübergängen (Korngrössen- und Härteunterschied, Tiefe) zu bestimmen, wurden Schwachschichten von Lawinenabgängen mit solchen verglichen, die mit Hilfe eines Rutschblocktestes gefunden wurden (Hang stabil, keine Lawine). Bei den Schwachschichten resp. Schichtübergängen der Profile, die in der Nähe von Lawinenanrissen gemacht wurden, waren die Eigenschaften im sog. kritischen Bereich, d.h. grosse, kantige Körner in weicher Schicht, umgeben von härteren Schichten aus kleinen Körnern etc.

Tabelle 1: „Kritische Bereiche“ für Rutschblocktest und für die Eigenschaften von potenziellen Schwach­schichten, resp. schwachen Schichtgrenzen

Grösse "Kritischer Bereich"
Rutschblockstufe
< 4
RB: Art der Auslösung ganzer Block
Korngrössenunterschied ≥ ¾ mm
Korngrösse ≥ 1¼ mm
Härteunterschied ≥ 2 Stufen der Handhärte
Härte ≤ 1-2
Kornform kantig, Schwimmschnee oder Oberflächenreif
Tiefe < 1 m

Beurteilung der Schneedeckenstabilität

Für die Belange der Lawinenwarnung wurde eine Klassifikation entwickelt, um ein Schneeprofil mit Rutschblocktest einer von fünf Stabilitätsklassen zuzuordnen. Grund­sätzlich ist es zwar nicht zulässig aufgrund eines einzelnen Profils auf die Schneedecken­stabilität zu schliessen, da aufgrund der flächigen Variation der Stabilität ein falsches Bild entstehen kann. Ist ein Profil aber an einem repräsentativen Ort aufgenommen worden, was der geübte Beobachter nach der Aufnahme und im Vergleich mit den übrigen Beobachtungen am Tage und an früheren Tagen meist beurteilen kann, so kann man diesem Profil durchaus eine lokale Stabilität zuordnen. Hat man für eine Region mehrere solche lokalen Stabilitätsinformationen, lässt sich daraus die für die Region (und u.U. für gewisse Höhenlagen und Hangexpositionen) eine typische Schneedeckenstabilität ableiten.

Im Zentrum der Schneedeckenstabilitätskarte steht die Übersicht mit den erstellten Schneeprofilen. Die Profile sind als Symbol mit der stark vereinfachten Form des Rammprofils, die den Profiltyp darstellt, angezeigt. Für die Erstellung der Schneedeckenstabilitätskarte werden die fünf Stabilitätsklassen in drei Klassen zusammengefasst, die als Farbe im Symbol ersichtlich sind:

Rot: schwach

Geringe Schneedeckenstabilität - In der Schneedecke sind klar ausgeprägte Schwachschichten und/oder Schichtgrenzen vorhanden. Rutschblöcke deuten auf Instabilität, haben die Stufen 1, 2 oder 3 und zeigen schnelle, glatte Scherbrüche.

Gelb: mittel

Mittlere Schneedeckenstabilität - Schwachschichten innerhalb der Schneedecke sind vorhanden. Rutschblöcke haben die Stufen 4 oder 5 und zeigen meist glatte Scherbrüche. Rutschblock Stufe 3 ist möglich, wenn die Mächtigkeit der abgleitenden Schicht gross ist. Die Schneedecke ist bereits etwas verfestigt.

Grün: gut

Gute Schneedeckenstabilität - Es sind kaum Schwachschichten vorhanden und im Profil nicht erkennbar. Die Schneedecke ist gut verfestigt. An der Schneedeckenbasis kann ein Fundament aus Tiefenreif bestehen. Dieses ist aber von einer dicken tragfähigen Schicht überlagert (z.B. Krusten dicker als 3 cm oder kleine runde Körner mit grosser Härte) und kann durch einen Skifahrer kaum oder nicht ausgelöst werden. Rutschblockresultate der Stufen 5, 6 und 7 sind hier typisch. Zeigen Schneeprofile eine durchwegs kantig aufgebaute Schneedecke, die nicht zur Spannungsübertragung neigt, werden sie ebenfalls als "gut" klassiert, weil im Moment keine Lawinenauslösung möglich ist. Mit beispielsweise einer Neu- oder Triebschneeauflage sind diese Profile dann nach kurzer Zeit als "schwach" zu klassieren. Solche Fälle treten im Hochwinter bei Niederschlägen nach einer langen Schönwetterperiode bevorzugt in den inneralpinen, eher schneearmen Gebieten auf.

Zusätzlich zur Schweizerkarte können Textfenster die Situation generell beschreiben. Eine detaillierte Beschreibung der Schneedecke kleiner Gebiete kann aber nicht erfolgen. Für die Interpretation des gezeigten Profils ist die Zuordnung zu einer Stabilitätsklasse am wichtigsten, weil bei dieser Zuordnung alle Einflussgrössen wie Schwachschichten, Profiltyp, Ergebnis des Stabilitätstests, Bemerkungen des Beobachters, usw. berücksichtigt wurden.