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Lawinenschutz

Lawinenschutz hat zum Ziel Menschen, Siedlungen und Infrastrukturanlagen optimal vor Lawinen zu schützen. Man unterscheidet zwischen baulichem, planerischem, waldbaulichem und temporärem Lawinenschutz. Ohne Lawinenschutz wäre ein Leben in den Alpen nicht denkbar.

Baulicher Lawinenschutz

Beim baulichen Lawinenschutz stehen zwei Strategien im Vordergrund:

Verbauungen
Lawinenverbauung Marchegg im Berner Oberland. Die in horizontalen Reihen eingebauten Stützwerke verhindern das Anbrechen von Lawinen.

Einerseits wird mit Stützverbauungen das Anbrechen von Lawinen verhindert , andererseits wird eine abstürzende Lawine mit Bauwerken wie Dämmen oder Galerien aufgefangen respektive weggeleitet. Das Team Schutzmassnahmen führt Forschungsarbeiten und Beratungen zum baulichen Lawinenschutz durch.

Stützverbauungen

Stützverbauungen stabilisieren die Schneedecke durch im Boden verankerte Stützflächen. Die ersten Stützverbauungen wurden bereits im 19. Jahrhundert als gemauerte Mauerterrassen erstellt. Heute werden Schneebrücken aus Stahl oder flexible Schneenetze aus Drahtseilen verwendet. Stützverbauungen sind die in der Schweiz am häufigsten eingesetzten baulichen Lawinenschutzmassnahmen. In den letzten 50 Jahren wurden über 500 km Stützwerke zur Sicherung von Siedlungen und Verkehrswegen eingebaut. Stützverbauungen bieten einen flächenhaften Schutz für die untenliegenden Gebiete. Wenn möglich werden sie mit Aufforstungen ergänzt. Im Spätwinter, wenn die Schneedecke besonders mächtig und schwer ist, belastet sie ein Werk mit bis zu 40 Tonnen. Die Sicherung einer Fläche von einer Hektare kostet rund eine Million Schweizer Franken. Stützwerke werden deshalb besonders zum Schutze von Siedlungen erstellt. Für neue Stützwerktypen führt das Team Schutzmassnahmen in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Umwelt BAFU die Typenprüfung durch.

Lawinendämme

In der Sturzbahn und im Auslaufgebiet von Lawinen muss man sich darauf beschränken, Objekte vor Lawineneinwirkungen zu schützen. Mit Auffangdämmen und Bremshöckern kann eine Lawine verzögert und gestoppt werden.

Auffangdamm
Ein 17 m hoher Auffangdamm schützt die Gemeinde Klosters vor der Tallawine und Murgängen.

Um sie vollständig zu stoppen sind je nach Lawinengeschwindigkeit Dammhöhen von über 20 m erforderlich. Ablenkdämme lenken die Schneemassen an Orte, wo sie keine Zerstörung verursachen können. Im Vergleich zu Stützverbauungen sind Dämme oft die kostengünstigere Massnahme, erfordern aber für ihre Realisierung viel Raum und verändern das Landschaftsbild nachhaltig. Oft haben Dämme eine kombinierte Funktion: im Winter schützen sie vor Lawinen und in der schneefreien Zeit vor Hochwasser und Murgängen.

Lawinengalerien

Lawinengalerien oder –tunnels sind der klassische Schutz für Verkehrsachsen. Lawinen überfliessen eine Galerie oder lagern sich auf deren Dach ab, ohne den Verkehr zu beeinträchtigen. Bei genügender Länge bieten sie einen sehr hohen Schutz.

Objektschutz

Objektschutz zählt zu den ältesten Lawinenschutzmassnahmen. Gebäude werden so geschützt, dass einwirkende Lawinen nur geringe Schäden an der Baute verursachen können. Der Objektschutz ist eine effiziente Methode, um das Personen und Sachwertrisiko zu reduzieren. Typische Massnahmen sind Verstärkung von Wänden, Spaltkeil oder Ebenhöch.

Bewährungsprobe im Lawinenwinter 1999

Die Lawinenkatastrophe im Februar 1999 forderte in der Schweiz 17 Todesopfer und richtete Schäden in der Höhe von über 600 Millionen Franken an. Hat der Lawinenschutz versagt?

Galerie
Lawinengalerien bei Wassen schützten die Gotthardautobahn A2 im Februar 1999 erfolgreich vor Lawinen.

Der Lawinenwinter 1999 ist vergleichbar mit dem Ereignis von 1951. Damals forderten über 1300 Schadenlawinen 98 Todesopfer. Im Februar 1999 dagegen forderte eine ungefähr gleichgrosse Anzahl von Schadenlawinen viel weniger Todesopfer, obwohl der Alpenraum in der Zwischenzeit viel intensiver genutzt wurde. Seit 1951 investierte die Schweiz rund 1 Milliarde Franken in den Lawinenschutz von Siedlungen und Verkehrswege. Untersuchungen des SLF haben gezeigt, dass 1999 durch Stützverbauungen über 300 Schadenlawinen verhindert wurden. Der moderne Lawinenschutz hat seine Bewährungsprobe bestanden!

Planerische Massnahmen

Lawinengefahrenkarten zeigen auf, welche Siedlungsräume durch Lawinen bedroht sind und wie häufig und intensiv die Ereignisse in einem Gebiet auftreten können. Sie dienen der Nutzungsplanung und sind ein wichtiges Instrument bei der Notfallplanung.

Objektschutz
Wohnhaus in St. Antönien, das bergseitig mit einer Prallwand aus Beton geschützt wurde. Die Lawinenkräfte werden mit lawinendynamischen Berechnungen ermittelt.

Als Mass für die Gefährdung wird die Wiederkehrdauer und die Druckwirkung einer Lawinen verwendet. Die verschiedenen Gefahrenstufen werden mit den Farben Rot, Blau, Gelb und Weiss dargestellt.

Rotes Gebiet bezeichnet erheblich gefährdetes Gebiet. Bei einem Lawinenniedergang muss man mit Gebäudezerstörungen rechnen. Bei einer 300 jährlichen Lawine betragen die Drücke mehr als 30 kN/m2. Personen sind sowohl innerhalb als auch ausserhalb von Gebäuden gefährdet. Im roten Gebiet dürfen keine neuen Bauzonen ausgeschieden werden. Weiter dürfen keine Bauten und Anlagen errichtet oder erweitert werden.

Im blauen Gebiet treten seltene Lawinen nur noch mit kleinen Druckwirkungen von weniger als 30 kN/m2 auf. Personen sind innerhalb von Gebäuden kaum gefährdet, ausserhalb davon liegt hingegen eine Gefährdung vor. Neue Bauzonen sollen nur nach Vornahme einer Interessenabwägung ausgeschieden werden. Baubewilligungen sind mit Auflagen verknüpft. Die exponierten Gebäudeteile müssen mit bautechnischen Massnahmen (Objektschutz) geschützt werden, weiter sind Evakuationspläne für die Bewohner erforderlich.

Im gelben Gebiet herrscht eine geringe Gefährdung. Personen sind kaum gefährdet und es muss nur mit geringen Schäden an Gebäuden gerechnet werden. Gelbes Gebiet wird typischerweise im Auslaufgebiet von Staublawinen verwendet.

Im weissen Gebiet herrscht keine oder eine vernachlässigbare Gefährdung.

In Gebieten mit einem grossen Siedlungsdruck kämpfen Landeigentümer häufig um jeden Quadratmeter, wenn teures Bauland wegen Auszonungen seinen Wert zu verlieren droht.

Lawinengefahrenkarte
Lawinengefahrenkarte mit roten, blauen, gelben und weissen Gebieten.

Bei Einsprachen gegen Lawinengefahrenkarten resp. Zonenpläne wird das SLF häufig von der Rekursinstanz als neutraler Gutachter beigezogen. Lawinengefahrenkarten sind ein kostengünstiges Instrument, um das Bauen auf sicheres Gebiet zu begrenzen.

Problematisch ist jedoch, dass in der Vergangenheit in lawinengefährdeten Gebieten gebaut wurde. Deshalb sind in der Schweiz neben planerischen auch häufig baulichen Schutzmassnahmen erforderlich. Gefahrenkarten werden in der Schweiz durch die Kantone erstellt. Auskünfte über Gefahrenkarten können bei den kantonalen Naturgefahrenfachstellen erhalten werden.

Waldbauliche Massnahmen

Wald gilt als effektiver und kostengünstiger Lawinenschutz. Er stellt flächenmässig den wichtigsten Lawinenschutz dar. Rund ein Drittel des schweizerischen Alpenraumes ist bewaldet. Wie schützt Wald vor Lawinen? Einerseits stützen Bäume die Schneedecke ab, andererseits sind die Schneehöhen kleiner, da sich ein Teil des Neuschnees auf den Baumkronen ablagert. Zudem herrscht im Wald ein gemässigtes Klima. Deshalb ist die Lawinenanrisswahrscheinlichkeit gegenüber dem Freiland reduziert. Der Kronendeckungsgrad, vorhandene Öffnungen und die Stammzahl pro ha sind wichtige Kriterien um die Schutzwirkung zu beschreiben. Brechen Lawinen über der Waldgrenze an, werden Bäume zerstört und die Schneemassen werden kaum gebremst. Wenn nötig werden deshalb Stützverbauungen mit Aufforstungen kombiniert.

Temporäre Massnahmen

Temporäre Massnahmen werden kurzfristig und abgestimmt auf das Ausmass der aktuellen Schnee- und Lawinensituation eingesetzt. Sie kommen insbesondere dort zum Einsatz, wo die baulichen Schutzmassnahmen nicht genügen oder z.B. wegen zu hohen Kosten nicht sinnvoll sind. Die wichtigsten temporären Lawinenschutzmassnahmen sind Warnung, Sperrung, Evakuation und die künstliche Auslösung von Lawinen.

Warnungen, Sperrungen und Evakuationen

Warnungen, Sperrungen und Evakuationen werden bei erhöhter Lawinengefahr durch die lokalen Sicherungsdienste für die gefährdeten Gebiete veranlasst. Auf Grund der aktuellen Wetter- und Lawinensituation wird die mögliche Grösse und Anbruchwahrscheinlichkeit von Lawinen abgeschätzt. Darauf aufbauend werden die zu treffenden Massnahmen beschlossen. In Sicherungskonzepten werden die Abläufe wie die Beurteilung der aktuellen Lawinensituation, die Durchführung von Sperrungen und die Dokumentation zusammengefasst.

Künstliche Lawinenauslösung

Die künstliche Lawinenauslösung hat in der Schweiz eine grosse Bedeutung für den Schutz von Verkehrsachsen und Schneesportgebieten, bei günstigen Randbedingungen allenfalls auch für Siedlungsgebiete. Ihr Ziel ist, bei Lawinengefahr mögliche Anrissgebiete, Sturzbahnen und Ablagerungsgebiete temporär zu sichern, sowie Grosslawinen und längere Sperrzeiten zu vermeiden. Bei der künstlichen Lawinenauslösung wird im Anrissgebiet eine Sprengladung gezündet, was zu einer Druckwelle und damit zu einer Zusatzbelastung der Schneedecke führt. Es gibt zahlreiche Methoden der wie Handsprengungen, Helikoptersprengungen, Einsatz von Geschossen oder festinstallierte Auslösevorrichtungen. Die Wahl der Methode ist insbesondere abhängig von der tolerierten Sperrzeit, dem Restrisiko, den topographischen Verhältnissen, dem Ausführungszeitpunkt, der erforderlichen Sprengwirkung und den Kosten.